Provokation
Mailand Fashion Week: Bei Diesel schmuste das Publikum plötzlich wild drauflos
Wer bei einer Fashion Show normalerweise mitbekommt, dass das Publikum brav auf seinen Plätzen sitzt, Models über den Laufsteg laufen und am Ende alle höflich klatschen, war bei Diesel gestern definitiv falsch. Denn plötzlich wurde im Publikum geschmust. Und zwar nicht nur ein bisschen.
Von Fashion Show zur Erotik-Perfomance
Mitten während der Show tauchten 200 Performer:innen des französischen Künstlerkollektivs (LA)HORDE zwischen den Gästen auf. Was zunächst wie spontane Knutscherei im Publikum wirkte, war natürlich Teil der Inszenierung: Die Performer:innen küssten sich leidenschaftlich, lagen teilweise aufeinander und sorgten mit sehr körperlichen, erotisch aufgeladenen Szenen für ordentlich Aufsehen.
Dazu lief eine immer sinnlichere Version von Donna Summers "Love to Love You Baby". Die Stimmung im Publikum kippte damit endgültig von klassischer Fashion-Show zu ausgelassener Clubnacht. Später wurde aus den erotischen Szenen kollektives Headbanging. Die Front Row war damit nicht länger nur Zuschauer, sie wurde selbst zur Bühne.
Auch der Runway war alles andere als brav
Die Provokation beschränkte sich allerdings nicht auf die Sitzreihen. Auf dem Laufsteg zeigte Martens für seine letzte Diesel-Kollektion jede Menge Denim, nackte Haut, Leder, Cut-outs und bewusst zerstört wirkende Materialien. Pullover schienen sich in Jeansstoff aufzulösen, T-Shirts wirkten wie auseinandergeschnitten und einige Looks waren so knapp, dass vom klassischen Kleidungsstück nicht mehr allzu viel übrig blieb. Die Ästhetik passte dabei ziemlich perfekt zum Thema der Show: ein bisschen sexy, ein bisschen chaotisch und definitiv nicht darauf aus, irgendjemanden zufrieden nach Hause gehen zu lassen.
Diesel macht Fashion Week zur Performance
Dass Diesel Fashion Shows gerne anders denkt, ist allerdings nichts Neues. Schon für die Spring/Summer-2026-Kollektion hatte das Label die klassische Runway-Location komplett abgeschafft. Statt einer herkömmlichen Show veranstaltete Diesel eine Art "Egg Hunt" durch ganz Mailand: 55 Looks waren über die Stadt verteilt und in transparenten, überdimensionalen Ei-Installationen zu entdecken. Die Idee dahinter: Fashion sollte nicht nur für die geladenen Gäste in der ersten Reihe stattfinden, sondern für die Öffentlichkeit. Damals lautete die Botschaft sinngemäß: Alle sind die Front Row. Dieses Mal ging Diesel noch einen Schritt weiter: Alle werden Teil der Show.
Der letzte Diesel-Moment von Glenn Martens
Und genau deshalb war die gestrige Inszenierung auch besonders passend: Es war Glenn Martens' letzte Show als Creative Director von Diesel. Nach sechs Jahren verabschiedet sich der belgische Designer vom Label und konzentriert sich künftig auf seine Rolle als Creative Director von Maison Margiela.
Martens selbst beschrieb die Idee hinter der Show als eine Feier von Körperlichkeit, gegenseitiger Liebe, Selbstausdruck und gemeinsamer Erfahrung – ziemlich genau jene Mischung aus Sex, Spaß, Experiment und Popkultur, die seine Diesel-Ära geprägt hat.