Es geht spannend los: In "Tiroler Blut – Der erste Schuss" (5. Oktober, 20.15 Uhr, ORF 1), dem ersten Fall, den Ursula Strauss (52) als Chefinspektorin Fanny Gruber löst, rückt ihr Sohn Tobi (Noah L. Perktold), ein junger Polizist, erstmals zu einem eigenverantwortlichen Einsatz aus. Die Lage könnte unübersichtlicher kaum sein. Ein gewalttätiger Familienvater droht, seinen scharfen Hund auf ihn loszulassen – Tobi gibt einen Schuss ab. Das Tier ist tot, sein Besitzer lebensgefährlich verletzt. Tobi muss sich rechtfertigen. Fanny ahnt, dass dahinter ein großes Familiendrama steckt und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um zu beweisen, dass ihr Sohn keinen Fehler gemacht hat.
Neue Rolle
Wer "Schnell ermittelt 2.0" erwartet, täuscht sich. Auch wenn Ursula Strauss da wie dort als Polizistin im Zentrum der Handlung steht, hat "Tiroler Blut" wenig mit der beliebten Krimiserie um eine Wiener Polizistin gemeinsam. Die Schauspielerin hat sich gefragt, ob sie es schaffen wird, "einen komplett anderen Charakter zu erzählen", erzählt sie im MADONNA-Interview. Nicht nur diese Herausforderung machte für sie den Reiz an der Krimireihe aus. Ihr gefiel sofort, dass die Familie den Kern dieser Filme bildet und es ermöglicht, so viele relevante Geschichten zu erzählen. Das beweist auch der erste Fall, in dem es um häusliche Gewalt geht. Ein Thema, das Strauss am Herzen liegt.
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Das Interview
"Tiroler Blut" ist eine neue Krimireihe. Was hat Sie daran interessiert?
Ursula Strauss: Ich habe die Drehbücher gelesen und wurde sofort in den Sog der Geschichte gezogen. Ich habe während des Lesens vergessen, dass ich Arbeitsmaterial vor mir habe. Das ist immer das beste Zeichen. Ich finde die Konstellation und wie die Reihe aufgemacht ist, sehr spannend, weil es viele relevante Geschichten ermöglicht und sehr realitätsnah funktioniert.
Im Zentrum stehen die Kriminalfälle, aber auch eine Familie mit drei Generationen von Polizisten und Polizistinnen. Haben Sie diese Beziehungen gereizt?
Strauss: Die Familie hat in unserer Sozialisation und der Vorbereitung von uns als demokratische Mitglieder einer Gesellschaft einen wichtigen Part. Je nachdem, wo du reingeboren wirst, wird die eine oder andere Seite in dir getriggert und du wirst geprägt. Mir gefällt, dass die Familie den Kern dieser Filme bildet und Fanny die Gesellschaft um sich kennt. Es gibt dadurch weniger professionelle Distanz, aber eine große Empathie. Dinge vermischen sich, Kontexte ändern sich. Das macht es für mich dicht und spannend zu spielen.
“Ich habe während des Lesens vergessen, dass ich Arbeitsmaterial vor mir habe.”
Ursula Strauss über den Reiz von "Tiroler Blut".
Wie würden Sie Ihre Figur Fanny Gruber beschreiben?
Strauss: Fanny versucht in diesem Familienverband, ihren eigenen Weg zu gehen und sich vom starken und großen Vorbild, dem Vater, zu emanzipieren. Gleichzeitig will sie seine Anerkennung. Sie will gesehen werden und will auch, dass er sieht, dass sie ihre Sache gut macht. Sie hat einen großen inneren Stress und eine große innere Spannung. Auch weil sie in einer regionalen Umgebung operiert, in der sie die Menschen kennt. Da den richtigen Ton zu treffen, für Gerechtigkeit zu sorgen oder Menschen anders kennenzulernen, verursacht diesen Tonus in ihr. Sie weiß, was sie will, sie ist eine gute Analytikerin, eine Chefin mit einer klaren Haltung und sehr fokussiert auf ihre Ziele.
Gibt es Punkte, an denen Sie sich mit Fanny identifizieren können?
Strauss: Ich spiele sie, insofern identifiziere ich mich mit ihrem Körper und ihrer Stimme (lacht). Ich wäre für ihren harten Beruf nicht geschaffen. Aber ich bin in der Empathie und in ihrem starken Familiensinn bei ihr. Ich bin in meiner Familie auch sehr verwurzelt. Wir sind aus einer gänzlich anderen Umgebung, das Mostviertel in Niederösterreich ist nicht vergleichbar mit der bergigen Landschaft und den Almen Tirols. Aber in diesem Punkt, in der Natur und im Grünen zu leben, da bin ich auch bei ihr.
Jetzt drängt sich der Vergleich auf: Sehen Sie Parallelen zu Angelika Schnell?
Strauss: Sie haben denselben Beruf, aber eine ganz andere Sozialisation. Angelika Schnell operiert in der Stadt und ist eine völlig andere Figur. Für mich war das ein großer Reiz: Ich bin so stark mit Angelika Schnell verknüpft und spiele jetzt wieder eine Ermittlerin. Ich habe mich gefragt: Schaffe ich es, einen komplett anderen Charakter zu erzählen? Ich hoffe, das ist mir gelungen. Die Fanny ist viel angespannter, weil sie diese professionelle Distanz nicht so schnell herstellen kann, weil sie die Leute alle kennt. Sie lebt in einem anderen Familiensystem. Angelika Schnell hat in der Stadt anonyme Fälle, auf die sie viel klarer von außen schauen kann. Sie hat einen distanzierteren und professionelleren Blick. Während Fanny mit Menschen konfrontiert wird, die sie meist privat auch kennt.
Ist Krimi ein Genre, das Sie gerne spielen?
Strauss: Mir ist das Genre weniger wichtig als die Geschichte und die Vielschichtigkeit der Figur. Ich verstehe, warum Leute gerne Krimis schauen: Es ist viel Emotionalität und Spannung zusammengepackt. Wir sind an den Abgründen der anderen interessiert, weil sie unsere eigenen Abgründe widerspiegeln. Beim Spielen macht es aber keinen Unterschied, ob das ein Krimi ist oder nicht.
Was macht für Sie eine gute Figur aus?
Strauss: Vielschichtig muss sie sein. Kein oberflächlicher, strahlender Charakter, sondern ein Mensch. Mit allem, was dazugehört: mit Fehlern, Irrtümern, guten Seiten, seinem Stress und seiner Freude. Alles zusammen.
“Wie bei Gisèle Pelicot muss die Scham die Seite wechseln.”
Ursula Strauss engagiert sich gegen häusliche Gewalt.
Der erste Film der Reihe behandelt Gewalt in der Familie. Was bedeutet es Ihnen, dieses Thema auf den Bildschirm zu bringen?
Strauss: Ich bin Schirmherrin "Orange the World", der UN-Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen und beschäftige mich sehr intensiv mit dem Thema. Man kommt als Mensch und vor allem als Frau nicht drumherum, ständig zu lesen, wie Frauen in unserer Gesellschaft leben. Wie viele Frauen häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Wie vielen Kindern ein traumatisiertes und unglückliches Leben bevorsteht, weil sie Übergriffen und Gewalt ausgesetzt waren. Das gehört viel stärker thematisiert und sollte viel weniger als Tabu gelten. Ich kann nur sagen: Wie bei Gisèle Pelicot muss die Scham die Seite wechseln. Die Berichterstattung muss sich ändern, es darf den Tätern keine Plattform geboten werden. Insofern sind diese Geschichten, die wir fiktiv erzählen, gar nicht so fiktiv, weil sie dauernd stattfinden – ungesehen und unbemerkt.
Ich habe in meiner Bubble den Eindruck, das Thema wächst. Verändert sich das in unserer Gesellschaft oder nur in gewissen Bubbles?
Strauss: Ich habe schon das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit ein bisschen mehr darauf gelenkt wird. Ich habe aber auch das Gefühl, dass man versucht, das auf eine nicht angenehme Art auszuschlachten. Wie Sie sagen, wird es in Bubbles besonders stark wahrgenommen, in denen man ohnehin derselben Meinung ist. Ich glaube, am Land ist es ein bisschen anders als in der Stadt. Wiewohl auch am Land die Empörung groß ist, wenn Gewalt gegen Frauen und Kinder passiert. Bei Kindesmissbrauch ist man sich einig, dass das eine Grenze ist, die nicht überschritten werden darf. Bei Gewalt gegen Frauen gibt es einen kurzen Aufschrei, aber eigentlich wird nicht genug getan. Da sind auch die Justiz und unsere Politik gefragt: Es muss schärfer bestraft werden. Finanzverbrechen werden noch immer stärker bestraft als Gewalt gegen Menschen. Das kann ich nicht nachvollziehen.