Experten-Interview

Zu hoher Blutdruck? DIESE Ursache wird häufig übersehen

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Bluthochdruck bleibt oft unbemerkt. Dahinter können auch Hormone stecken. Dr. Christian Koppelstätter zeigt, wie Bluttests Ursachen aufspüren und gezielte Behandlungen ermöglichen.
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Bluthochdruck bleibt oft lange unbemerkt. Viele Betroffene fühlen sich gesund, während ihre Gefäße dauerhaft unter erhöhtem Druck stehen. Wie groß die Herausforderung ist, zeigen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation: Weltweit leben rund 1,4 Milliarden Erwachsene zwischen 30 und 79 Jahren mit Bluthochdruck. Etwa 44 Prozent wissen nichts davon, nur rund 23 Prozent haben ihre Werte unter Kontrolle. Umso wichtiger ist es, erhöhte Werte rechtzeitig zu erkennen und genau zu klären, was dahintersteckt. Denn unbehandelt kann Bluthochdruck Herz, Gehirn und Nieren schädigen.

Die eigenen Werte kennen

Empfohlen wird, spätestens ab dem 40. Lebensjahr seine eigenen Blutdruckwerte zu kennen und erhöhte Werte ernst zu nehmen. Als Orientierungswert nennt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) Priv.-Doz. Dr. Christian Koppelstätter 130/80 Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg), die Maßeinheit des Blutdrucks. Die Grenzwerte unterscheiden sich: Bei einer Messung in der Arztpraxis liegen sie bei 140/90, zu Hause bei 135/85 und im 24-Stunden-Mittel bei 130/80 mmHg. Wichtig ist, bei der Messung entspannt zu sitzen und diese nach ein bis zwei Minuten zu wiederholen.

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Wenn Hormone den Druck erhöhen

Denn nicht immer lässt sich Bluthochdruck allein mit Veranlagung oder Lebensstil erklären. Manchmal treibt eine Hormonstörung die Werte nach oben. Eine solche Ursache ist der primäre Aldosteronismus: Die Nebennieren bilden zu viel Aldosteron, ein Hormon, das den Salz- und Wasserhaushalt beeinflusst. Diese Erkrankung bleibt häufig unerkannt. Dabei kann ihre Entdeckung den Weg zu einer gezielteren Behandlung öffnen.

Neuer Bluttest sucht nach Ursachen

Neue Untersuchungsverfahren sollen helfen, diese diagnostische Lücke zu verkleinern. Dazu zählt ALDO+, ein Bluttest, der mehrere Botenstoffe der Blutdruckregulation analysiert. Statt nur festzustellen, dass die Werte erhöht sind, soll die Untersuchung zusätzliche Hinweise auf hormonelle Ursachen liefern.

Bluthochdruck bleibt häufig unbemerkt. Ein neuer Bluttest soll hormonelle Ursachen aufspüren. Was er leisten kann und wem er hilft, erklärt Dr. Christian Koppelstätter, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) im Interview.

Dr. Christian Koppelstätter, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) © Wolfgang Lackner

Bluthochdruck verursacht häufig keine Beschwerden. Warum ist er trotzdem so gefährlich – und wer sollte seine Werte regelmäßig kontrollieren?

DR. CHRISTIAN KOPPELSTÄTTER: Das Problem ist, dass man Bluthochdruck im Gegensatz zu anderen Erkrankungen nicht spürt. Wir kümmern uns primär um Dinge, die unser Wohlbefinden einschränken. Dabei schädigt der erhöhte Druck auf Dauer die Blutgefäße. Gerade für den Schlaganfall ist Bluthochdruck der wichtigste Risikofaktor; auch bei Herzinfarkt und Herzschwäche spielt er eine wesentliche Rolle. Aus meiner Sicht sollte jeder Mensch ab 40 wissen, welchen Blutdruck er hat, und das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Auch wenn man nichts spürt, ist Bluthochdruck langfristig gefährlich – und wir können ihn sehr gut behandeln.

Die neuen Bluttests ermöglichen zugleich die Untersuchung des Hormonstatus, wenn ich es richtig verstanden habe. Was erfahren Sie dadurch, was eine Blutdruckmessung allein nicht zeigen kann?

DR. KOPPELSTÄTTER: Wir wissen schon länger, dass bestimmte Erkrankungen Bluthochdruck verursachen können. Ein großer Teil der Blutdruckerkrankungen ist vererbt. Wenn beide Eltern Bluthochdruck haben, ist das Risiko hoch, selbst einen zu entwickeln. Aber auch Hormondrüsen können eine Rolle spielen: etwa die Schilddrüse, die Nebenschilddrüse und die Nebenniere. Das Nebennierenhormon Aldosteron ist wichtig für die Blutdruckregulation und den Salzhaushalt. Wenn der Blutdruck niedrig ist, wird mehr davon produziert. Dadurch hält der Körper Natrium zurück, und Natrium zieht Wasser an. Wird jedoch zu viel Aldosteron produziert, hält der Körper zu viel Salz und Wasser zurück, und der Blutdruck steigt. Mit der Blutuntersuchung bekommen wir Informationen darüber, ob im Zusammenspiel zwischen Niere und Nebenniere ein Problem vorliegt.

Wann sollten Ärzte gezielt nach einer zugrunde liegenden Erkrankung suchen? Welche Hinweise sprechen für eine sogenannte sekundäre Hypertonie?

DR. KOPPELSTÄTTER: Viele Patienten lassen sich mit relativ wenig Aufwand gut einstellen: mit ein, zwei Medikamenten oder bereits durch Veränderungen des Lebensstils. Es bleiben aber Menschen, deren Blutdruck unkontrolliert ist. Für diese Gruppe gibt es Daten, wonach bei etwa 15 bis 20 Prozent ein Aldosteronproblem dahintersteckt, also eine Überproduktion dieses Hormons. Wenn jemand vor dem 40. Lebensjahr Bluthochdruck entwickelt, ist die Wahrscheinlichkeit einer zugrunde liegenden Ursache ebenfalls höher.

Bei den unter 40-Jährigen mit Bluthochdruck finden wir wahrscheinlich bei bis zu 25 Prozent eine andere Ursache als allein die Vererbung. Besonders wichtig sind jene Patienten, die ihre Medikamente tatsächlich einnehmen und trotzdem einen schlecht eingestellten Blutdruck haben. Sie sind die Zielgruppe, die wir uns genauer anschauen müssen. Wenn die Untersuchung einfacher wird, können wir möglicherweise mehr Betroffene finden, die sich gezielter behandeln lassen.

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Der Anbieter beschreibt ALDO+ als Test, der ohne Absetzen der laufenden Medikamente eingesetzt werden kann. Unter welchen Voraussetzungen ist das möglich, und wie müssen Medikamenteneinflüsse bei der Auswertung berücksichtigt werden?

DR. KOPPELSTÄTTER: Früher war die Bestimmung dieser Hormone kompliziert. Blutdruckmedikamente mussten abgesetzt werden, es gab genaue Vorgaben, und der Patient musste vor der Blutabnahme eine halbe Stunde liegen. Jetzt können wir die Untersuchung bei einer normalen Blutabnahme machen, wenn der Patient beim Arzt ist. Er muss dafür seine Blutdruckmedikamente nicht absetzen. Trotzdem erhalten wir wertvolle Informationen darüber, ob auf dieser Nebennierenachse ein Problem vorliegen könnte.

Wie verändert sich die Behandlung, wenn eine hormonelle Ursache festgestellt wird? Wann kommen gezielte Medikamente infrage, wann eine Operation?

DR. KOPPELSTÄTTER: Medikamente, die die Wirkung von Aldosteron hemmen, gibt es schon sehr lange. Weil sie ein gewisses Nebenwirkungsspektrum haben, sind sie etwas in den Hintergrund geraten. Später haben sie wieder an Bedeutung gewonnen, weil wir gesehen haben, dass sie auch bei Herzschwäche sehr hilfreich sind. Es werden zudem neue Medikamente entwickelt, die das Aldosteronproblem noch spezifischer und mit weniger Nebenwirkungen angehen sollen. Wenn in einer Nebenniere ein Knoten sitzt, der zu viel Aldosteron produziert, kann die Operation das Mittel der Wahl sein. Dabei handelt es sich meistens um gutartige Knoten.

Können solche Hormonanalysen künftig auch helfen, Medikamente und Dosierungen individueller auszuwählen? Was ist heute bereits klinisch etabliert, was noch Gegenstand der Forschung?

DR. KOPPELSTÄTTER: Schon die bisherigen Hormonbestimmungen geben uns Hinweise. Der Test des Wiener Unternehmens kann uns darüber hinaus die ganze Schleife erklären: vom Moment, in dem die Niere einen höheren Blutdruck anfordert, bis zur vermehrten Aldosteronproduktion. Wir können besser verstehen, ob diese Anforderung berechtigt ist und an welcher Stelle der Kaskade das Problem liegt. Damit lässt sich genauer darstellen, woher der erhöhte Blutdruck kommt. Es ist aber keine automatische Lösung für jemanden, der seit 20 Jahren Blutdruckmittel nimmt. Es geht darum, die Ursache besser zu verstehen und dadurch möglicherweise gezielter behandeln zu können.

Wie zugänglich sind diese Untersuchungen derzeit in Österreich? Wer bietet sie an, welche Kosten entstehen, und wann übernimmt die Krankenversicherung die Untersuchung?

DR. KOPPELSTÄTTER: Das ist je nach Bundesland unterschiedlich. Der neue Test kostet meines Wissens rund 180 Euro und wird von der klassischen Krankenkasse bisher nicht bezahlt. Teilweise übernehmen Zusatzversicherungen die Kosten. Für viele ist er derzeit eine Selbstzahlerleistung. Über eine Spezialambulanz im Krankenhaus entscheidet der Arzt, ob die Untersuchung angezeigt ist. Vor allem in Wien bei Labors.at und IHR LABOR gibt es bereits Möglichkeiten, den Test einzusetzen; das breitet sich über Österreich aus. Mein Rat an Menschen mit schlecht eingestelltem Blutdruck trotz regelmäßiger Medikamenteneinnahme: mit dem Arzt besprechen, ob ein Problem der Nebenniere dahinterstecken könnte und ob man das genauer untersuchen sollte.