Roman
REVEDIN: Auf Sinnsuche in der Lagune
22.03.2026Die Gärtnerin von Venedig" ist das neue Buch von Jana Revedin.
In vielen Künsten - Musik, Literatur, Film - ist Venedig eine heißgeliebte Protagonistin. Es ist ein beliebtes Urlaubsziel, eine Stadt, die von Touristen regelmäßig überrannt wird dank allem, was sie zu bieten hat (ab April ist übrigens wieder die Kunstbiennale zu sehen). Was kann über diese noch geschrieben werden, was wir nicht kennen?
Vielleicht geht es mehr um das Wie, nämlich in diesem Fall die persönliche Note: Architektin und Autorin Jana Revedin hat mit ihrem neuen Roman Die Gärtnerin von Venedig ihren ganz eigenen Zugang gefunden. Sie verbindet eine wahre Geschichte mit aktuellen Themen und spinnt daraus eine Erzählung. Darin geht es um die junge Gärtnerin Eri, die ihr Glück weitab von ihrer Bergbauernheimat finden möchte, nachdem ihre Mutter verunglückt ist. Eris extravagante Großtante fädelt ein Bewerbungsgespräch für sie in Venedig ein – und Eri wagt den Schritt ins Ungewisse. Die Lagune soll bepflanzt werden, etwas, womit Eri keine Erfahrung hat. So sieht das auch der potenzielle Chef, doch dann bekommt sie den Job. Die Freude währt nur kurz, denn Eri bemerkt Ungereimtheiten, Gelder, die verschwinden …
Revedin hat schon mehrfach Romane über weibliche Lebenswege verfasst. Aber dieser ist mit dem Leben der Autorin eng verknüpft. Denn Eri Jung gab es tatsächlich, sie war die erste Sekretärin von Revedins Mutter, wie die Autorin im Gespräch mit oe24 verrät: „Ihre eigene Bewerbung bei meiner Mutter habe in Venedig stattgefunden – und sie müsse mir so viele Geschichten dazu erzählen, die bis in die Gegenwart reichen. Ich hörte natürlich zu. Die Gärtnerin von Venedig ist das Ergebnis.“
Dieses Buch ist für alle, die sich gerne in den geschichtsträchtigen Straßen der Stadt verlieren, sich dabei auch für das heutige Venedig und für schicksalhafte Geschichten interessieren.
Das Interview mit Jana Revedin
oe24: In Ihrem fünften Roman, „Die Gärtnerin von Venedig“, kommt die junge Eri nach Venedig angereist, will es ihrer Großtante nachmachen, die einst auch die Heimat verlassen hat. Gerade am Bahnhof Santa Lucia angekommen, wird der Vorstellungstermin fast wieder abgesagt. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?
Revedin: Eine betagte Dame schrieb mir nach dem Erscheinen meines letzten Romans, den meine Mutter mir am letzten Tag ihres Lebens aufgetragen hat: „Der Frühling ist in den Bäumen“ (Aufbau 2023). Ich brauchte gute zehn Jahre, um diese brutale Geschichte, die stark an die aktuelle Geschichte der Giselle Pelicot erinnert, zu Papier zu bringen. Doch meine Mutter hatte das von mir gefordert: „Schreib das eines Tages auf, Kind. Für Frauen, die Ähnliches erleiden und die sich doch wehren können.“ Die betagte Dame, die mich anschrieb, lebt in Amsterdam und heißt Eri Jung. Sie eröffnete mir, dass sie die allererste Sekretärin meiner Mutter gewesen sei, „… nach jenem unsäglichen Skandal und ihrem Mut, sich scheiden zu lassen und jenen Mann anzuzeigen. Im Jahr 1953!“ Ihre eigene Bewerbung bei meiner Mutter, erzählte sie mir, habe in Venedig stattgefunden – und sie müsse mir so viele Geschichten dazu erzählen, die bis in die Gegenwart reichen. Ich hörte natürlich zu. „Die Gärtnerin von Venedig“ ist das Ergebnis.
oe24: Venedig ist der Schauplatz Ihrer Geschichte. Ein oft beschriebener Ort in der Literatur. Was kann noch Neues über diese Stadt geschrieben werden?
Alles, was ich zu Venedig berichte und beschreibe, ist wahr und geschieht heute, vor unseren Augen. Die Stadt erlebt, wie sie das alle hundert Jahre vermag, eine Renaissance, genährt durch ihre eigenen Ressourcen und ihr zweitausendjähriges Erfolgsrezept: nicht nur Schauplatz und Umschlagplatz von Waren zu sein, sondern Ort von Erfindungen: Denken wir an die Lacktechnik, die Stuccomalerei, die schwebende Pfahlbaustruktur, den Terrazzo, die erstmals von Wänden abgelösten Gemälde „auf Canvas“, das Glas! Im letzten Jahrzehnt haben wir die Kreuzfahrtschiffe verbannt, das Hochwasser gezähmt, die Lagune nachgepflanzt – die Flora und Fauna ist lebendig und vielfältig wie seit zweihundert Jahren nicht, Delfine, Flamingos und Kormorane tummeln sich wieder in der Lagune, die Fischvielfalt hat man so nie gesehen. Der Industriehafen erfindet sich durch nachhaltige Leichtindustrie neu, ein Offshore-Hafen zur ökologischen Verwandlung von Ammoniak in grünen Wasserstoff und Methan ist in Planung … und die Stadt wird zur neuen Heimat für Stiftungen und Assoziationen aus aller Welt, die Kunst, Kultur und Forschung hier ansiedeln. Ich nenne Venedig gerne „die älteste Stadt der Zukunft“.
Langsamkeit ist Reiz von Venedig
oe24: Was macht ihren Reiz aus?
Ihr ganz eigener Rhythmus, ihre Langsamkeit. Die Zeit ist uns ja geschenkt, nur die Hast ist teuer. Wer wie die junge Eri im Roman in Venedig ankommt und es ist Nebel, Hochwasser oder Starkregen, muss seinen Tag neu gestalten, neue Wege finden, vorgefasste Pläne über Bord werfen.
oe24: Wenn man Venedig noch nie besucht hat, was muss man sehen, erleben oder probieren?
Revedin: Lassen Sie sich von der Stadt und ihrer Lagune tragen. Nehmen Sie das Buch in die Hand und folgen Sie Eris Wegen. Sie werden erkennen, dass die dichtbesiedeltste Stadt des Mittelalters und der Renaissance sich nie ohne ihre fruchtbare Lagune hätte entwickeln und tragen können. Und dass sie nie den ökonomischen und kulturellen Erfolg gehabt hätte, hätte sie sich über Jahrtausende nicht klar im Erfindergeist positioniert.
oe24: Länger als kommerzieller Erfolg dauert also Erfindergeist?
Revedin: Natürlich.
oe24: Welches heutige Venedig möchte Ihr Roman uns nahebringen?
Revedin: Venedig ist kein verlassenes Bühnenbild, sondern eine lebende Bühne. Die Serenissima rettet sich selbst. Warum siedelt sich ein zukunftsreiches Forschungs- und Heilprojekt im Ospedale al Mare am Lido an? Warum investieren die bestdotierten Kultur- und Kunstinstitutionen erneut – gute hundert Jahre nach Gründung der weltweit ersten Kunst-Biennale und des ersten Filmfestivals – in der Stadt?