Nach Umbaustopp
NHM feiert den 150er mit "wilder" Sonderschau
20.01.2026Das Naturhistorische Museum durfte 2025 rund 920.000 Besucher begrüßen. Trotzdem wurde der angestrebte Umbau vom Eingangsbereich auf Eis gelegt. Aus Rücklagen und Eigenmitteln nicht umsetzbar
Am 29. April 1876 legte eine Kaiser-Unterschrift die Basis für das Naturhistorische Museum (NHM) Wien. Zum 150-Jahr-Jubiläum will man daher u.a. mit einer "wilden und ungewöhnlichen" Sonderschau unter dem Titel "Gutes Sammeln, böses Sammeln" aufwarten. Nicht unbedingt wild, aber sehr bedauernd musste man im Vorjahr weitgediehene Umbaupläne auf Eis legen. Im Gegensatz zu anderen Bundesmuseen verfüge man über "viel, viel weniger Rücklagen", um in Eigenregie weiterzumachen.
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Dass am 28. April die ersten Besucher der großen Jubiläumsschau das Haus an der Wiener Ringstraße nicht durch einen neu gestalteten Eingangsbereich betreten werden, war klar. Die Eingangssituation sollte sich aber, wie auch im gegenüberliegenden Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien, zumindest in den kommenden Jahren stark verbessern. Allerdings fielen die dafür bereits gesetzlich fixierten Bundesmittel für den um die 35 Mio. Euro teuren Umbau der klammen Budgetsituation zum Opfer. Ohne finale Zusage seitens Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) sah sich das NHM-Kuratorium und -Direktorium gezwungen, die Planungen zu stoppen, wie NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland und der wirtschaftliche Geschäftsführer Markus Roboch bei der Jahrespressekonferenz am Dienstag erklärten.
"Viel, viel weniger Rücklagen als andere Bundesmuseen"
Jeder jetzt in das Projekt investierte Cent wäre eine "Verschwendung" gewesen, so Vohland. Man sei trotzdem weiter in Abstimmung mit dem Zwillingsmuseum KHM. Letzteres hatte zuletzt signalisiert, auch aus Eigenmitteln heraus in Vorleistung zu gehen und die Planung und Vorbereitung weiterzuführen. Das Belvedere - das sich auch intensiv mit der Umsetzung eines ähnlich teuren, neuen Visitor Centers befasst - hat kürzlich erklärt, dass man theoretisch auch aus Rücklagen, Fremd- und Eigenmitteln in der Sache weitermachen könnte.
Im NHM seien die Voraussetzungen für eine selbstfinanzierte Teilumsetzung der laut Vohland und Roboch dringend notwendigen Investitionen in Barrierefreiheit und Platzangebot für Besucher aber andere: Man habe "viel, viel weniger Rücklagen als andere Bundesmuseen", räumte Roboch ein - und sei etwa in der Besucherstruktur auch nicht vergleichbar. Rund 40 Prozent der Besucherinnen und Besucher sind unter 19 Jahre alt und zahlen daher keinen Eintritt. Zudem sei man das forschungsintensivste Bundesmuseum und investiere hier auch anteilig mehr Geld. Und man begrüße insgesamt weniger zahlungskräftige Touristen. Trotzdem wäre ein neuer Eingangsbereich "angemessen": "Wir bedauern es sehr, dass es keine Zusage gibt", betonte Vohland.
Auf Besucher-Stagnation soll Wachstum folgen
Man wolle die Gäste nicht aufgrund mangelnder Kapazitäten im Entrée "im Regen stehen lassen" - was etwa im vergangenen, verregneten Sommer mehrfach passiert sei. Ins Haus am Maria-Theresien-Platz kamen 2025 rund 920.000 Besucherinnen und Besucher - ein leichtes Minus gegenüber 2024, das man auch auf Schließungen von Sälen zwecks Renovierung zurückführte. Die Eintrittserlöse blieben nach 8,2 Millionen 2024 mit im Vorjahr 8,1 Mio. Euro nahezu gleich - für Roboch sind dies "schöne Zahlen".
In kommenden Jahren erwartet man viel Wachstum - so etwa auch im Fahrwasser des Song Contests (ESC) im Mai. In dem Zusammenhang lanciert man sogar eine "kleine Ausstellung" namens "Voices of Nature", in der man Objekte aus allen 35 ESC-Teilnehmerländern hervorstreichen und "Stimmen aus der Natur singen hören" wird.
"Wilde" Sonderschau, Stromschläge und viel alte DNA
Deutlich größer wird hingegen die Sonderausstellung ab Ende April: Man zeige neue Einblicke in die rund 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlungen und auch neue, kritische Zugänge zum Umgang damit. Man wolle auch darstellen, wie heute mit Stücken mit Bezug zum Kolonialismus oder zur NS-Zeit umgegangen wird. Einen "wilden und ungewöhnlichen" Zugang versprach der Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung, Mathias Harzhauser, für "Gutes Sammeln, böses Sammeln".
In der NHM-Außenstelle im Wiener "Narrenturm" verzeichnete man im Vorjahr mit über 48.000 Besucherinnen und Besuchern ein leichtes Eintrittsplus - auch in Zusammenhang mit der dortigen Ausstellung namens "Safe Sex". Heuer geht es körperbezogen weiter: "Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall - eine Klasse für sich" soll den Interessenten näher bringen, wie sich der menschliche Körper im Kontakt mit ungesunden Dosen an Elektrizität verhält, erklärte der Kustos der Pathologisch-Anatomischen Sammlung im Narrenturm, Eduard Winter.
Weitere Highlights im NHM-Verbund werden die Eröffnungen von zwei der vier Schausäle der Vogelsammlung und die Ausstellung "GENchangers" im Herbst. Letztere basiert auf dem groß angelegten Forschungsprojekt "Histogenes", in dessen Rahmen die Geschichte Europas im Frühmittelalter anhand von Analysen von alter DNA in bisher ungekanntem Ausmaß neu vermessen wurde und wird. Man könne mit "sensationellen Ergebnissen" und vielen Publikationen in hoch angesehenen Fachmagazinen aufwarten, so die NHM-Direktorin der Anthropologischen Abteilung, Margit Berner. All das gieße man nun in eine Schau, in der rekonstruierte Stammbäume und Neues zu Ernährung, Gesundheit und Mobilität in der damaligen Zeit zugänglich werden soll. Man habe hier "nicht die Elite, sondern die ganz normale Gesellschaft" neu erforscht. Ein großer Teil der Erkenntnisse bezieht sich auf das heutige Österreich, so die Wissenschafterin.