Expertin im Talk
Der Fall Collien Fernandes und WARUM das System versagt
06.04.2026Die schweren Vorwürfe, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann erhebt, sorgen für hitzige Debatten über mangelnden Opferschutz, Gesetze und Maßnahmen gegen digitale Gewalt. Rechtsanwältin Dr.in Yara Hofbauer im Gespräch.
„Niemand sagt: ‚Ich gehe zur Polizei‘ und geht am nächsten Tag los. Man braucht dafür – und man hat diesen Gedanken wahrscheinlich schon ewig mit sich herumgeschleppt, bis man überhaupt diesen Schritt geht. Und wenn man dann den Mut hat, diesen Schritt zu gehen, dann ist es total wichtig, wie man dort aufgenommen wird“, sagt Collien Fernandes am vergangenen Sonntag im TV-Gespräch mit Carmen Miosga. Es ist ihr erster Auftritt seit dem Erscheinen jenes „Spiegel“-Artikels, der das Leben der Schauspielerin und Moderatorin (u.a. „Das Traumschiff“) veränderte und die 44-jährige Mutter einer 13-jährigen Tochter zur Symbolfigur eines bisher nur still getragenen Kampfes unzähliger Frauen machte.
Grausame Realität
Gewalt gegen Frauen ist – auch unter dem digitalen Deckmantel – tagtägliche, grausame Realität. Rechtsanwältin Dr.in Yara Hofbauer hat sich auf Opferschutz spezialisiert und will von Gewalt betroffenen Frauen konkret helfen. Keine einfache Aufgabe angesichts eines Systems, das es Opfern nicht einfach macht, gegen Täter wirkungsvoll vorzugehen. Das Interview mit der Expertin.
Rechtsanwältin Dr.in Yara Hofbauer im Interview
Der Fall Ulmen/Fernandes, aber auch die Berichte vieler Frauen, die von digitaler Gewalt betroffen sind, erschüttern. Waren auch Sie erstaunt darüber, dass davon offenbar sehr viele betroffen sind?
Dr.in Yara Hofbauer: Leider nein – dass es solche Handlungen gibt, hat mich überhaupt nicht überrascht, weil ich schon lange mit derlei Fällen zu tun habe. Mutig habe ich allerdings gefunden, dass Collien Fernandes das so publik gemacht hat – inklusive des Namens des von ihr Beschuldigten. Das spricht dafür, dass die Beweise sehr stark sind.
Sie beschäftigen sich ja intensiv mit Opferschutz. Wie lange ist das Thema „Digitale Gewalt“ schon aktuell?
Hofbauer: Ich mache das seit 2021. Seitdem gibt es immer wieder Fälle. Einer meiner ersten Fälle war zum Beispiel ein von einem Ex-Mann aufgenommenes Sexvideo, ohne dass die betroffene Person es bemerkt hat. Dann hat er es verbreitet. Er ist letztlich nach ewig langem Verfahren verurteilt worden, aber das war ein sehr langer Prozess.
Wissen Sie noch, wie hoch das Strafmaß in diesem Fall damals ausfiel?
Hofbauer: Er wurde wegen anderer Delikte verurteilt, hat aber keine extra Strafe mehr für dieses Delikt bekommen. Da ein gewisses Strafmaß bereits erreicht war, verfolgte die Staatsanwaltschaft die Sache nicht weiter. Wir mussten das Verfahren dann als Privatkläger führen. Genau das ist das Problem: Ich verstehe aus juristischer Sicht schon, dass die Staatsanwaltschaft nicht verfolgen muss, wenn ein zusätzliches Delikt keine Auswirkung auf die Strafe hätte. Aber für die Opfer ist das natürlich schrecklich: die Aussagen, der jahrelange Kampf, das Verfahren – und das alles dafür, dass es am Ende quasi heißt, es ist uns nicht wichtig genug.
"Viele sagen: Ich werde so etwas nie wieder anzeigen!"
Ist das genau der Grund, warum so viele gar nicht Anzeige erstatten, weil sie das Gefühl haben: Es passiert eh nichts?
Hofbauer: Nicht nur „es passiert nichts“ – im schlimmsten Fall kommen Verleumdungsanzeigen oder Klagen als Gegenschläge auf die Betroffenen zu. Das System lässt sie dann im Stich. Sie bleiben auf den Kosten sitzen. Viele sagen im Nachhinein: „Das war das erste und das letzte Mal, ich werde so etwas nie wieder anzeigen!“ Das System funktioniert einfach nicht gut.
Nun wird anlässlich des Falls Ulmen/Fernandes viel darüber berichtet, demonstriert. Haben Sie Hoffnung, dass das System nun reformiert wird?
Hofbauer: Die Gesetzeslage wird zwar sicher noch verbessert werden – ich bin beispielsweise überzeugt, dass das Konsensprinzip – also nur Ja heißt Ja – bald verabschiedet wird. Aber kein Gesetz nutzt etwas, wenn es nicht konsequent umgesetzt wird. Ich denke, man müsste die Behörden stärker zur Verantwortung ziehen und schauen: Woran sind sie in der Praxis eigentlich gescheitert? Auch wenn die Verbesserung der Gesetzeslage jedenfalls wünschenswert ist, muss man außerdem aufpassen, dass dann der Reflex, die vermeintlich falsch Beschuldigten zu schützen, nicht noch stärker wird.
Stichwort Kosten. Was ist Ihr konkreter Rat an Frauen? Viele können sich eine Anwältin oder einen Anwalt gar nicht leisten.
Hofbauer: Es gibt das Konzept der Prozessbegleitung. Das heißt, dass man bei bestimmten Delikten – dazu gehören alle Sexualdelikte und auch Hass im Netz – Hilfe bekommt. Es gibt verschiedene Einrichtungen, die kann man im Internet finden. Da macht man ganz niedrigschwellig einen Termin aus. Wenn die betroffene Person dann sagt: „Ich möchte das anzeigen“, dann organisieren diese Einrichtungen einen Anwalt oder eine Anwältin, und das ist alles kostenlos. Die gesamte Begleitung durch das Strafverfahren ist kostenlos – das juristische und das psychosoziale. Das Problem fängt allerdings dann an, wenn die Gegenklage kommt. Das ist ein Risiko. Denn die Kosten dafür werden nicht übernommen. Und: Leider passiert es auch sehr oft, dass Personen zunächst Anzeige bei der Polizei erstatten und erst danach von der Prozessbegleitung erfahren. Dann ist das Protokoll aber schon gemacht. Es ist also wirklich wichtig, sich zu informieren – und auch, dass auf möglichst vielen Ebenen öffentlich gut informiert wird. Auch die Situation bei der Polizei wird von vielen unbegleiteten Opfern als sehr unangenehm geschildert...
"Die Opferskepsis ist extrem ausgeprägt"
Inwiefern?
Hofbauer: Die Betroffenen haben oft Angst, der Polizei zu widersprechen, sind nervös. Es wird ein Protokoll erstellt und – oftmals noch in einem gewissen Schockzustand – unterschrieben. Wenn die Aussage vor Gericht dann nicht ganz im Einklang mit dem steht, was im Polizeiprotokoll steht, heißt es: „Warum haben Sie das dann unterschrieben?“ Das kann sich dann negativ auf die Glaubhaftigkeit der Aussage auswirken und dann wird das Verfahren richtig schwierig.
Wie sieht es mit Schulungen für Behörden für solch sensible Fälle aus?
Hofbauer: Diese gibt es grundsätzlich, die Frage ist immer nur: Wie gut und wie flächendeckend sind diese? Richter und Richterinnen können beispielsweise aufgrund ihrer Weisungsfreiheit grundsätzlich nicht dazu verpflichtet werden, an Schulungen teilzunehmen. Es gibt eigene Einheiten bei den Landeskriminalämtern und in manchen Staatsanwaltschaften. Manche Beamten und Beamtinnen sind ausgezeichnet geschult und machen sehr gute Arbeit, aber leider nicht alle. Es ist für die Betroffenen also eine Glücksfrage, an wen sie geraten. Was es bräuchte, sind stärkere Kontrollen und Beschwerdemöglichkeiten für Betroffene, um zu sagen: „Ich wurde hier respektlos behandelt.“ Ich glaube, es bräuchte bessere Mechanismen, um die Behörden in die Verantwortung zu ziehen, wenn Dinge nicht ordnungsgemäß verlaufen.
Collien Fernandes hat gepostet, dass sie von Hatern Morddrohungen erhalten habe. Ist unsere Gesellschaft völlig verroht?
Hofbauer: Was ich allgemein sagen kann, ist, dass eine „Opferskepsis“ extrem ausgeprägt ist. Der erste Reflex ist einmal zu sagen: „Ja, es war vielleicht dumm von ihm, Fotos zu schicken, aber so, wie das dargestellt wird, war es auch nicht.“ Das kommt von Leuten, die kein Insiderwissen haben, einfach nur auf Basis dessen, was man halt lieber hätte.
Kann es sein, dass das auch dieser innere Wunsch des Menschen ist, dass das gar nicht wahr sein kann?
Hofbauer: Ja, genau! Es gibt generell einen starken Wunsch nach dem Gerechtigkeitsglauben – das Gefühl zu haben: „Wenn ich mich an die Regeln halte, kann mir so etwas nicht passieren.“ Das Gefühl habe ich dann, wenn ich mich vom Opfer abgrenze. Entweder ich sage: „In so eine Situation würde ich mich nie begeben.“ Oder ich negiere das beziehungsweise rede es klein und kann so ein System aufrechterhalten, in dem ich mich weiterhin sicher fühle. Wenn ich Opfer, die sich trauen zu sagen, dass bestimmte Dinge nicht in Ordnung waren, mundtot mache, dann kann alles bleiben, wie es immer war.
"Wenn ein Mann Frauen unterstützt, hat das ein höheres Gewicht"
Halten Sie es für umso wichtiger, dass auch Prominente an die Öffentlichkeit gehen?
Hofbauer: Ja, auf jeden Fall. Es gibt das Konzept der Dominanzgruppe – das ist die Gruppe, wo die Macht überwiegend verortet ist. Vereinfacht kann man sagen, dass Personen, die dieser Gruppe angehören, eine höhere Glaubhaftigkeit haben. Wenn also ein Mann Frauen unterstützt, hat das ein höheres Gewicht, als wenn Betroffene oder Frauen andere Frauen unterstützen – so traurig es ist. Aber es hat tatsächlich eine andere Wirkung auf andere Männer.
Wie erleben Sie das in Ihrem beruflichen Alltag – ist bei den Tätern irgendwann Einsicht oder Reue zu spüren, oder gar nichts?
Hofbauer: Wenn Aussage gegen Aussage steht, ist es meiner Erfahrung nach sehr selten, dass es ein Geständnis gibt. Außer wenn das Gericht durchblicken lässt, dass der betroffenen Person geglaubt wird. Dann wird manchmal die Verteidigungsstrategie geändert, weil ein Geständnis ein Milderungsgrund ist. Aber eine Einsicht in dem Sinn habe ich leider sehr, sehr selten erlebt.
Sie engagieren sich in einem finanziell recht unlukrativen Bereich. Warum haben Sie sich dennoch dafür entschieden, sich dieser Fälle anzunehmen?
Hofbauer: Mir war schnell klar, dass Wirtschaftsrecht und Co. einfach nicht meines ist. Es ist zu weit weg vom Menschen. Und: Ich habe eben nur ein Leben, da bringt mir viel Geld verdienen nichts. Ich wollte immer etwas Sinnvolles machen.
Ist es nicht auch zermürbend, wenn Sie immer wieder an juristische Grenzen stoßen?
Hofbauer: Ja, das ist durchaus schlimm. Wir leben in einem Rechtsstaat und trotzdem – das betrifft nicht nur das Sexualstrafrecht, sondern auch das Antidiskriminierungsrecht – passiert viel Unrecht. Wir können Ansprüche nicht durchsetzen, weil es absurde Gutachten gibt oder den Betroffenen nicht geglaubt wird. Und gerade in zivilrechtlichen Fällen haben wir ein signifikantes Kostenrisiko – es ist ganz oft ein David-gegen-Goliath-Spiel. Da steht dann zum Beispiel eine Mindestpensionistin einer großen Haftpflichtversicherung gegenüber und das System tut so, als gälten dieselben Spielregeln. Dabei kann ein Unterliegen für die Pensionistin existenzbedrohlich sein. Es ist so schwierig, die rechtlichen Ansprüche durchzusetzen für Menschen, die nicht auf die „finanzielle Butterseite“ gefallen sind. Das ist schmerzhaft.
Wäre eine Rechtsschutzversicherung etwas, was Sie Frauen raten würden?
Hofbauer: Oh ja, das würde das Leben vieler Menschen vereinfachen. Das Problem ist immer: Ich muss die Versicherung schon davor abgeschlossen haben. Daher ist es ratsam, schon früh eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen und sich so zumindest abzusichern.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Hofbauer: Dass man sensibler mit Machtmissbrauch umgeht, sowohl zwischenmenschlich als auch auf Behördenseite. Dass man sich der eigenen Machtposition bewusst ist – in empathischer Form. Ich wünsche mir eine höhere Reflexion und dass Personen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, etwas zur Verfügung gestellt wird, um nicht im System zerrieben zu werden.