Interview
Vicky Krieps: "Ich habe diesen Status eines Stars nie angenommen"
28.02.2026Drei Filme, ein Thema: In „Father Mother Sister Brother“ setzt Jim Jarmusch sich mit Familien auseinander. Vicky Krieps spricht über den Film und die Arbeit mit ihrem Held.
Seinen neuesten Film hat Regie-Ikone Jim Jarmusch (73) als Triptychon komponiert: In drei Teilen erzählt „Father Mother Sister Brother“ (jetzt im Kino) von den Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren Eltern und zueinander. Dabei versammelte er einen hochkarätigen Cast vor der Kamera. Im ersten Part mit dem Titel „Father“ agiert Musiker Tom Waits als Vater, der den Besuch seiner Kinder (gespielt von Adam Driver und Mayim Bialik) nutzt, um ihnen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Teil zwei zeigt die Beziehung von „Mother“ Charlotte Rampling und ihren beiden Töchtern – Cate Blanchett und Vicky Krieps –, die sich auf Anraten des Therapeuten der Mutter nur einmal im Jahr sehen. Beschlossen wird der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Film von „Sister, Brother“ – einem Geschwisterpaar (Indya Moore und Luka Sabbat), das um seine Eltern trauert.
Wahrgewordener Traum
Als Vicky Krieps (42) für „Father, Mother, Sister, Brother“ angefragt wurde, zögerte sie keine Sekunde. „Jim Jarmusch war schon immer mein Held“, erzählt die luxemburgische Schauspielerin im MADONNA-Interview und spricht über die erfüllende Arbeit mit dem amerikanischen Kultregisseur und darüber, was Filmen heute oft fehlt.
Was hat Ihnen Lust auf diesen Film gemacht?
Vicky Krieps: Jim Jarmusch war schon immer mein Held. Er war der einzige Mensch, den ich genannt habe, wenn man mich nach Vorbildern gefragt hat. Als er sich gemeldet hat, war für mich klar, dass ich das mache, egal was. Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich blind zugesagt habe.
Wenn man mit seinem Helden arbeitet, hat man viele Erwartungen. Konnte Jim Jarmusch sie erfüllen?
Krieps: Meine Erwartungen wurden übertroffen. Er ist noch ehrlicher, noch authentischer, als ich mir das vorstellen konnte. Er ist bereit, in die Verletzlichkeit zu gehen und in das Nichtwissen. Manchmal stand er neben mir im Flur und war verzweifelt, weil er in dem Moment nicht wusste, wohin er die Kamera stellen soll. Dieses Nichtwissen und Suchen als Regisseur zuzulassen, fand ich inspirierend.
„Father Mother Sister Brother“ ist ein Triptychon. Sie sind Teil einer der drei Geschichten. Was wussten Sie über die anderen beiden Teile?
Krieps: Wir haben gearbeitet, als hätten wir unseren eigenen Film gedreht. Ich habe die anderen Teile kurz überflogen und dann entschieden, sie nicht zu lesen, damit es eine Überraschung wird.
Welche Themen verbinden diese drei Teile?
Krieps: Familie, Zugehörigkeit, Ehrlichkeit. Der Film zeigt auch, wie viel wir uns in unehrlichen Räumen bewegen und Dinge aushalten, weil uns gesagt wurde, wir müssen sie aushalten. Er zeigt das in seiner ganzen Unbehaglichkeit. Er lässt uns das spüren und aushalten. Gleichzeitig verteufelt er es nicht. Es ist auch süß, wie diese Töchter mit ihrer Mutter Tee trinken. Ich glaube, für die Mutter ist es eine Lösung. Für meine Figur ist es überhaupt keine Lösung. Sie spielt eine Rolle und tut so als ob. Was die drei verbindet, ist diese Idee davon, eine Rolle zu spielen. Von Eltern, die keine Eltern sind. Zumindest nicht richtig. Die einen sind durch die Welt geflogen und gestorben. Die andere sieht ihre Töchter nur einmal im Jahr und findet das normal. Der andere zwackt seinen Kindern das Geld ab. Diese Eltern sind keine Engel. Das finde ich so interessant.
Der Film fängt drei Ereignisse in den Leben dieser Menschen ein, erzählt aber wenig von ihrem Hintergrund. Wie war das für Sie?
Krieps: Jim ist egal, wo die herkommen und wohin sie gehen. Das war erfrischend und spannend. Meistens sagen Regisseure, woher eine Figur kommt und was sie möchte. Manchmal überlädt das die Figuren und man denkt als Schauspielerin an fünf Dinge gleichzeitig. Ich fand es spannend, so zu arbeiten.
Wie ging es Ihnen, als Sie die anderen Teile gesehen haben?
Krieps: Ich saß in Venedig im Kino und habe bei dem ersten Teil laut gegrölt. Ich fand es so auf den Punkt und Tom Waits hat so gut gespielt. Das ist eine intelligente Art und Weise, unsere Gesellschaft auf die Schippe zu nehmen, aber trotzdem liebevoll zu betrachten.
Der Film hat eine große Ruhe und ist auf diese Szenen. Fehlt das in der heutigen Zeit?
Krieps: Ja, deswegen liebe ich Jim Jarmusch so. Es fehlt die Ruhe, aber auch das Zuhören. Ein Film sollte eigentlich dazu anregen, dir deinen eigenen Film auszudenken. Ein Film sollte nicht wie McDonalds versuchen, dich genau da abzuholen und einzuspeisen, wo du es gerade brauchst. Das macht das Entertainment heute und das ist problematisch. Jim ist für mich einer der letzten Leuchttürme, zusammen mit ein paar anderen Menschen. Es ist wie eine Ära, die zu Ende geht, in der es darum ging, Räume zu halten. Ob mit Musik oder mit Film. Das ist dann die Poesie.
Wird es schwieriger, interessante Rollen zu finden?
Krieps: Ich glaube, ich habe am Anfang meiner Karriere ein so starkes Signal gegeben, dass mir ganz spezielle Leute schreiben. Da sind Leute dabei, die noch nie einen Film gemacht haben. Sie haben alle immer das Gefühl, sie können mir schreiben, weil ich diesen Status eines Stars nie angenommen habe. Daher mache ich weiterhin interessante Sachen. Aber auch, weil ich Risiken eingehe. Mein nächster Film ist ein kleiner französischer Film, an dem ich kaum etwas verdiene. Von einer Regisseurin, die man nicht kennt.
Müssen Sie sich bei solchen Risiken manchmal überlegen, ob Sie sich das leisten können?
Krieps: Das ist immer wieder die Überlegung. Meine Kinder sind jetzt zehn und 15 Jahre alt. Das wird jetzt ernster. Man denkt immer, es wird einfacher, aber das wird es nicht. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal gesagt: Okay, ich kann machen, was alle machen. Man kann ein Projekt machen, bei dem man gut verdient, dann kann man alles machen, wo man nichts verdient. Das versuche ich jetzt mal.