ZiB2-Interview
"Ich beneide niemanden" - Kocher über schwierige Budgetlage
19.05.2026Österreich stöhnt unter der Teuerung und die Wirtschaft kommt einfach nicht in die Gänge. Im ZiB-2-Interview stellte sich Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher den Fragen von Armin Wolf. Die Aussichten für die Geldbörsen der Österreicher bleiben extrem ungemütlich.
Ab Juli soll die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel den Haushalten im Schnitt 73 Euro im Jahr bringen. Weil aber gleichzeitig die neue Paketabgabe mit rund 54 Euro zu Buche schlägt, bleibt unter dem Strich kaum etwas übrig. Ein spürbarer Entlastungseffekt sieht anders aus.
"Im Moment ist klar, dass in einem Land, wo es eine hohe Steuer- und Abgabenbelastung gibt, grundsätzlich begrüßenswert ist, wenn Steuern gesenkt werden“, stellte Kocher fest. Wunderdinge dürfe man sich von einzelnen Beschlüssen im Kampf gegen die importierte Inflation über die Energiepreise aber nicht erwarten.
Angst vor der Vier-Prozent-Marke
Nachdem die Inflation zu Beginn des Jahres erfreulich stark abgesunken war, kletterte sie zuletzt wieder auf 3,3 Prozent. Viele Experten befürchten heuer im Frühjahr sogar wieder einen raschen Sprung über die kritische Marke von vier Prozent. Kocher blickt mit großer Sorge auf den Nahen Osten, wo blockierte Öllieferungen durch die Straße von Hormus die Preise weltweit antreiben können.
"Wenn das länger dauert, wird die Inflationsrate höher werden“, warnte der Notenbank-Chef. Dennoch sei die aktuelle Lage nicht mit dem Krisenjahr 2022 vergleichbar, als die Gaspreise explodierten und die Teuerung im April über sieben Prozent lag. Für das gesamte Jahr rechnet die Nationalbank derzeit mit einem Schnitt von rund drei Prozent.
Droht im Juni der Zins-Hammer?
Am 11. Juni entscheidet die Europäische Zentralbank über die Leitzinsen. Trotz der lahmenden Wirtschaft stehen die Zeichen im Euro-Raum wohl auf Verschärfung. Experten rechnen mit zwei weiteren Erhöhungen im Sommer und Herbst. Kritiker warnen bereits vor einem brutalen Schlag gegen die ohnehin strauchelnde Konjunktur. "Wenn sich das länger hinzieht, dann führt an Zinserhöhungen kein Weg vorbei", stellte Kocher klar.
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Die oberste Pflicht der Währungshüter bleibe die wirtschaftliche Stabilität auf lange Sicht. Für dieses Ziel müsse die Geldpolitik laut dem Ökonomen notfalls auch herbe Rückschläge bei den Betrieben in Kauf nehmen. "Deswegen ist es besser, kurzfristig eine gewisse Problematik zu erzeugen, auch wenn die Wirtschaft schwächelt, um langfristig bessere Aussichten zu haben", rechtfertigte der Gouverneur den harten Kurs.
Riesen-Baustellen im Budget
Die Nationalbank hat die Wachstumsprognose für Österreich für heuer bereits auf magere 0,5 Prozent herabgesetzt. Der Wirtschaft fehlt schlichtweg die Dynamik. Am 10. Juni muss die Regierung das endgültige Budget präsentieren, doch das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. "Ich beneide niemanden, der das jetzt machen muss", gestand Kocher mit Blick auf die schwierige Budgetkonsolidierung.
Die größten Probleme ortet der Nationalbank-Chef vor allem bei den drastisch steigenden Kosten im Sozialsystem, die sich durch die alternde Gesellschaft immer weiter zuspitzen. "Das lässt sich nicht von heute auf morgen lösen", gab Kocher offen zu. Er empfiehlt der Regierung dringend, genau in den Bereichen Pensionen und Gesundheit strukturelle Reformen anzugehen, um für die kommenden Jahre wieder finanziellen Spielraum im Staatssäckel zu schaffen.