"Pathetische Worte"
Lehrer und auch ÖVP gegen Wiederkehrs Schul-Pläne
22.04.2026Marchetti: "Klare Absage an 'ideologisches Gesamtschul-Experiment' sechsjährige Volksschule" - Kimberger: "Stakkato der großen Ankündigungen bekommt eine immer höhere Frequenz"
Wenig beeindruckt ist man in der Lehrervertretung von Bildungsminister Christoph Wiederkehrs (NEOS) "Plan Zukunft". "Wir kennen inzwischen die Vorgangsweise des Herrn Bundesministers", so der oberste Lehrergewerkschafter, Paul Kimberger, zur APA. "Es wird mit pathetischen Worten Großes angekündigt - allerdings: Was Konzepte, Pläne für die Implementierung und Details angeht - Fehlanzeige." Erneut eine Absage für eine sechsjährige Volksschule kam von der ÖVP.
Ähnlich sei es schon bei Wiederkehrs Entbürokratisierungs-Initiative "Freiraum Schule" gewesen, meinte Kimberger. "Da waren große Entlastungen angekündigt. Darauf warten wir noch. Ähnlich kommt es mir beim Plan Zukunft vor - wir haben zahlreiche Überschriften, sonst wenig." Ein fertiges durchgängiges Konzept fehle: "Deshalb kann man verschiedene Dinge aus heutiger Sicht schwer beurteilen." Eines sei ihm aufgefallen: "Das Stakkato der großen Ankündigungen bekommt eine immer höhere Frequenz. Es geht offenbar vor allem um die Schlagzeile und weniger um Details."
Sechsjährige Volksschule für ÖVP "ideologisches Gesamtschul-Experiment"
Schon beim letzten Vorstoß für eine sechsjährige Volksschule hatte sich Wiederkehr beim Koalitionspartner ÖVP ein Nein abgeholt - auch diesmal bleibt es dabei. "Zwei zusätzliche Jahre ohne ein klares pädagogisches Konzept bedeuten keinen Fortschritt, sondern ein ideologisches Gesamtschul-Experiment mit ungewissem Ausgang", so ÖVP-Generalsekretär und -Bildungssprecher Nico Marchetti in einer Aussendung. Es sei "völlig offen, was abseits von Marketingsprüchen die konkrete Verbesserung für Schülerinnen und Schüler sein soll".
Stattdessen solle der Bildungsminister die im Regierungsprogramm festgeschriebene Einführung einer eigenständigen Lehramtsausbildung für Inklusion und Sonderpädagogik angehen, forderte Marchetti. Diese finde sich dagegen nicht explizit in seinem "Plan Zukunft" (dort ist von einer "Reform der Ausbildung von Lehrkräften mit Schwerpunkt Inklusion und Sonderpädagogik" die Rede, Anm.). Man sei jederzeit bereit, konstruktiv an Reformen mitzuwirken. "Voraussetzung dafür ist jedoch eine fundierte und durchdachte inhaltliche Grundlage. Im Regierungsprogramm steht genug, was noch nicht umgesetzt ist, wo wir mit voller Kraft an der Umsetzung mitwirken."
Skeptisch bei Umsetzung
Inhaltlich ist Kimberger bei vielen Plänen Wiederkehrs skeptisch bezüglich der Umsetzung. "Natürlich haben wir Verbesserungsbedarf bei der Elementarpädagogik und wären zum Beispiel einheitliche Qualitätsstandards wünschenswert. Das werden aber die Länder beantworten müssen."
Und die sechsjährige Volksschule sei keine Erfindung Wiederkehrs, sondern gehe auf den niederösterreichischen Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) zurück, meinte Kimberger. Später habe dann sein oberösterreichischer Ex-Kollege Josef Pühringer (ÖVP) den Vorschlag auf fünf Jahre verkürzt. Er kenne aber kein Konzept zur Realisierung. Offen sei etwa, wie das abseits von größeren Städten organisatorisch und räumlich umgesetzt werden solle.
"Was soll stattdessen gekürzt werden?"
Ähnlich sei es mit der Ankündigung neuer Fächer: "Was soll stattdessen gekürzt werden? Wir wissen es nicht." Nach wie vor skeptisch sieht Kimberger die Veröffentlichung von Standortdaten für Schulen - selbst wenn der Minister Rankings ausschließe, werde es mit der Datenveröffentlichung solche geben.
Wenn Wiederkehr die Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen angehen wolle, sieht der Gewerkschafter wie Marchetti vor allem Handlungsbedarf in der Sonderpädagogik: Hier wäre wieder ein eigenes Studium nötig - genauso wie in diesem Bereich eine Anhebung des "Deckels" für den sonderpädagogischen Förderbedarf.
Verteidigt wird Wiederkehr von NEOS-Bildungssprecherin Martina von Künsberg Sarre: "Würde die Lehrergewerkschaft nicht permanent alles schlechtreden und gegen den Minister kampagnisieren, sondern konstruktiv an Lösungen mitarbeiten, wären wir der guten 'Zukunft' im Bildungsbereich schon sehr viel näher" , hieß es in einer Aussendung.
Weiter Ablehnung von FPÖ
Weiter Ablehnung für Wiederkehrs Pläne kommt von der FPÖ: Das betrifft neben der sechsjährigen Volksschule auch die (im Regierungsprogramm verankerte) Einführung einer mittleren Reife. Diese sei nichts anderes als eine versteckte Verlängerung der Schulpflicht ohne Lösungskompetenz: "Wer die Mindeststandards nicht erreicht, bleibt einfach länger im System. Das ist kein Konzept, das ist Kapitulation", so Bildungssprecher Hermann Brückl in einer Aussendung. Umgekehrt freut sich die ÖVP-nahe Schülerunion über genau diese mittlere Reife. Diese mache Bildungswege gerechter und durchlässiger bzw. schaffe klare Perspektiven und stärke die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung, so Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl.