Pharma-Chef

Regierung in Doping-Affäre verwickelt

25.09.2009

Der Auftrag für Blutabnahmen soll von der Regierung stammen.

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© TZ ÖSTERREICH/NIESNER
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Plötzlich kommt die Blutdoping-Causa wieder in Bewegung: Nach diversen Gerüchten aus der Szene fährt der Spiegel harte Geschosse auf. Demnach soll die österreichische Regierung in die Affäre rund um das Wiener Blutinstitut Humanplasma verwickelt sein. Lothar Baumgartner, Geschäftsführer der ins Zwielicht geratenen Wiener Pharma-Firma Humanplasma laut Spiegel: „Der Hämatologe Dr. Paul Höcker wurde von Kreisen der österreichischen Regierung gebeten, die Athleten in Wien zu behandeln. Er hat als medizinischer Berater für Humanplasma bis 2006 Athleten in unseren Räumen behandelt. Ich habe damals davon nichts gewusst. Er hat Blutdoping durchgeführt, aber nie in Räumen von Humanplasma.“ Sportminister Norbert Darabos fordert jetzt eine Prüfung der Vorwürfe.

„Ernsthafter Vorfall bei Blutabnahmen“
Hintergrund: Zuvor wurden Sportler – offensichtlich mit Wissen höchster Kreise – in der weißrussischen Hauptstadt Minsk behandelt. Die Verlegung nach Wien habe stattgefunden, weil „das zu teuer wurde und es einen ernsthaften Vorfall gegeben hat“. Ex-Sport-Staatssekretär Reinhold Lopatka zu ÖSTERREICH: „Ich kann es nicht glauben, dass Kreise der Regierung gebeten hätten, Athleten in Wien so zu behandeln (mit Blutdoping, Anm.).“ Und: „Damals war Blutdoping noch nicht strafbar. Die Mauer des Schweigens ist deshalb gebrochen, weil wir das Dopinggesetz geändert haben.“

Kohl belastet Ex-Teamarzt schwer

Neue, spannende Details aus dem Doping-Geständnis von Bernhard Kohl sorgen in Deutschland für Aufregung. Wie Der Spiegel unter Berufung auf SOKO-Doping-Ermittlungen berichtet, belastet der Ex-Radprofi seinen ehe­ma­­ligen Teamarzt schwer. Mark Schmidt, früherer Gerolsteiner-Betreuer, soll seit 2007 in Kohls Doping-Praktiken eingeweiht gewesen sein. Vor den Ermittlungsbeamten sagte Kohl aus, dass er bei der Tour de France 2008 dreimal im Mannschaftshotel mit Eigenblut gedopt habe – beim zweiten Mal mit Hilfe seines damaligen Managers Stefan Matschiner im Zimmer. Teamarzt Schmidt war, so Kohl, zwar nicht dabei, aber: „Ich bin mir sicher, dass er wusste, dass wir in dem Zimmer Blutdoping durchführen. Wir haben sogar darüber gesprochen.“ Zuvor habe Matschiner dem Arzt ein Hämatokritmessgerät übergeben. Kohl zu ÖSTERREICH: „Das sind Zitate aus den Polizeiprotokollen. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass meine Angaben glaubhaft sind, was die Ermittlungen ja bestätigen.

Schmidt, der inzwischen für das Milram-Team (mit den Österreichern Wrolich und Rohregger) tätig ist, weist alle Vorwürfe als „falsch“ und „unrichtig“ zurück.

Baumgartner gibt im Spiegel zu, dass bis 2006 etwa 50 Sportlern bei Humanplasma Blut abgenommen worden ist. Er stellt allerdings klar: „Tatsache ist, dass bei Humanplasma niemals Sportler gedopt worden sind. Blutabnahmen bei Sportlern sind Jahre vor Inkrafttreten des Antidopinggesetzes wieder eingestellt worden.“

300.000 Euro Einnahmen steuerfrei
Die Staatsanwaltschaft Wien bestätigt, dass Humanplasma durch Blutabnahmen bei Sportlern rund 300.000 Euro eingenommen hat, ohne dafür Steuern bezahlt zu haben. Die Firma erstattete deshalb Selbstanzeige bei der Steuerbehörde und hat die Ausstände beglichen. Unklar ist, ob ein Verfahren gegen Humanplasma vor oder nach der Selbstanzeige anhängig war.

Humanplasma im Zen­trum des Skandals: Blut von 180 Sportlern soll abgenommen, gelagert und angereichert worden sein – auch das von Radstar Bernhard Kohl. Fest steht: Es gibt keine Namensliste, nur Codenamen.

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