Das sagt Österreich

Kanzler Kern ist das Resultat des Polit-Erdbebens

14.05.2016

Ein Kommentar von ÖSTERREICH-Herausgeber Wolfgang Fellner.

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Die spannendste politische Woche seit vielen Jahren geht zu Ende. Die Hofburg-Wahl und der 35-%-Erfolg von FPÖ-Kandidat Hofer haben - wie in dieser Kolumne vielfach geschrieben - ein politisches Erdbeben ausgelöst. Werner Faymann hat dieses Erdbeben dramatisch unterschätzt und war auf den Neustart, den die SPÖ nach dem Hundstorfer-Debakel braucht, nicht vorbereitet. Die Stimmung für diesen Neustart ist in der ganzen Republik so stark, dass die SPÖ ein politisches "Blind Date" wagt - sie wählt einen Partei-Chef, von dem sie nicht mehr weiss, als dass er höchst erfolgreicher ÖBB-Manager war.

Christian Kern ist der erste totale Quereinsteiger als Kanzler - er hat noch nie ein politisches Amt oder eine politische Funktion bekleidet. Das unterscheidet ihn von Vranitzky und Klima, die vor dem Kanzler-Job schon lange Zeit erfolgreiche Minister waren.

Kern ist völliger Newcomer. Gerade das ist seine Chance. Dieses Land braucht einen Neustart und Reformschub, den traditionelle Politiker nicht mehr hinbekommen. Die Hoffnung: Dass der beste Manager des Landes die nötigen Reformen endlich durchzieht - so wie es Kern bei den ÖBB getan hat. Kern hat viele Vorzüge: Er denkt Politik mit Leidenschaft, er will Reformen, er versteht die digitale Zukunft, er hat Visionen.

Kerns größte Probleme: Er hat viel weniger Zeit für die Umsetzung der Reformen als in der Wirtschaft - die Wähler wollen den "Neustart" sofort. Gibt es bis Herbst keine Resultate, ist der Kredit verspielt.

Und: Die ÖVP wird ihm keinen Erfolg gönnen. Für sie ist Kern - seit ÖBB-Tagen - ein rotes Tuch. Streit und Blockade in der Koalition werden jetzt wohl noch heftiger werden. Neuwahlen drohen.

Ein Problem könnte Kern erspart bleiben: Die blaue Hofburg. Der Faymann-Rücktritt hat dem Hofer-Wahlkampf deutlich Dynamik genommen. Viele Wähler überlegen nun, ob sie in unsicheren Zeiten eines neuen Kanzlers und möglicher Neuwahlen auch noch ein FPÖ-Experiment in der Hofburg wollen. Das gibt Van der Bellen nicht erwartete Chancen. Kommt jetzt doch die rot-grüne Republik? Und bleibt das ganz große blaue Erdbeben am Schluss doch noch aus?

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