Ukraine-Krieg
Expertin: Kiew am Rande der humanitären Katastrophe
29.01.2026Journalistin Prugger: "Menschen für Frieden zu Gebietsabtretungen bereit"
Wien. Unbeheizbare Wohnungen bei minus 20 Grad, platzende Wasserrohre, Stromausfälle von 15 Stunden am Tag: Angesichts dieses Alltags befinde sich Kiew "am Rande einer humanitären Katastrophe", sagte die in der Ukraine tätige freie Journalistin Daniela Prugger am Donnerstag in Wien. 600.000 Menschen seien vor der Kälte aus der ukrainischen Hauptstadt geflohen. Die Ukraine erlebe einen "brutalen Angriffskrieg, der gegen die Zivilgesellschaft geführt wird". Bald schon vier Jahre.
- Selenskyj kritisiert nach Blackout Kiews Stadtverwaltung
- 8 Grad im Wohnzimmer: Menschen in Kiew kämpfen ums Überleben
- Zwei offene Punkte: Selenskyj zu Gipfel mit Putin bereit
"Die Gesellschaft ist erschöpft und unglaublich müde", berichtete Prugger, die seit 2019 in Kiew unter anderem für den ORF, "Standard" und die Schweizer Wochenzeitung "WOZ" arbeitet und demnächst wieder in die Ukraine reist, in einem vom Wiener Forum Journalismus und Medien (fjum) veranstalteten Gespräch. Hält die Zivilgesellschaft durch? Prugger: "Die Menschen haben keine wirkliche Alternative." Die ukrainische Bevölkerung sei bekannt für ihre Resilienz. Aber "irgendwann wird es so sein, dass die Menschen nicht mehr können." Sie sehnen sich nach nachhaltigem Frieden und seien dafür "bereit zu Zugeständnissen". Auch die Bereitschaft für Gebietsabtretungen wachse, wenn es nachhaltige Sicherheitsgarantien gibt und eine Aussicht auf echten Frieden. Russland hält nach eigenen Angaben die annektierte Halbinsel Krim, etwa 90 Prozent des Donbass, 75 Prozent der Regionen Saporischschja und Cherson sowie kleinere Teile weiterer Gebiete unter eigener Kontrolle.
"Russland geht es nicht um Gebiet"
Dass es Russland aber um Gebiet gehe, bezweifelt Prugger. Das größte Land der Welt verfüge über elf Zeitzonen. "Das kann mir niemand erklären, dass Russland mehr Territorien braucht." Die Ukrainer und Ukrainerinnen hätten bereits viele Zugeständnisse gemacht, so Prugger. "Sie haben ihre Heimat verloren, ihre Verwandten unter Besatzung." Die Journalistin betont: "Alle sind betroffen." Es gebe im Land niemanden, der nicht jemanden kennt, der kämpfe, getötet wurde oder fliehen musste. Eine steigende Zahl von Kriegsverbrechen, ständige Angriffe, fast tägliches Sirenengeheul, schlaflose Nächte, Angstzustände führen außerdem zu einer "Krise der mentalen Gesundheit". Viele ihrer Bekannten würden Antidepressiva nehmen. Soldaten seien gebrochen, Veteranen traumatisiert. Alkohol- und Substanzmissbrauch und auch Gewalt gegen Frauen seien große Probleme.
Die Hoffnung, die nach dem Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump geherrscht habe, sei verflogen. Das erste Treffen von Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor einem Jahr habe bei vielen Ukrainern "den Atem anhalten" lassen. Vor allem den US-Vorwurf der mangelnden Dankbarkeit hätten sie als unfair empfunden. Die Ukrainer seien für Hilfe nicht nur dankbar, sondern auch auf diese angewiesen. Vor allem von der Unterstützung der USA sei man abhängig. Bei den Friedensverhandlungen und im Friedensprozess spiele Europa dagegen eine "untergeordnete Rolle". Auch dass wichtige Entscheidungen der Europäer, wie etwa die Verwendung eingefrorener russischer Gelder, so lange auf sich warten ließen, sei für die Bevölkerung "frustrierend".
Das Vertrauen in Trump habe insbesondere seit dem Treffen mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin in Alaska "sehr gelitten". Trump gelte als russlandfreundlich. Der US-Sondergesandte Steve Witkoff war bereits siebenmal in Russland, aber noch nie in der Ukraine.
Vertrauen in Selenskyj wieder gewachsen
Auch der große Korruptionsskandal im Energiebereich im Vorjahr habe die Bevölkerung erschüttert. Geplante Gesetze, die die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden beschneiden sollten, hätten die größten Proteste in der Ukraine seit der Vollinvasion am 24. Februar 2022 ausgelöst. Der Druck wurde so groß, dass Selenskyj die umstrittenen Gesetze zurückgenommen hat. Derzeit werde ermittelt. Teilweise berichten die Korruptionsermittler von politischer Druckausübung auf sie. Mittlerweile sei das Vertrauen in Selenskyj wieder gewachsen. Er werde als "Sprachrohr nach außen" wahrgenommen, das auch gehört werde.
Die Opposition habe nun wieder mehr Zugang zu Medien als am Anfang des Angriffskriegs, berichtete Prugger weiter. Die Abhaltung von Wahlen erachtet die Bevölkerung dennoch als nicht durchführbar. Selbst junge Menschen, die noch nie gewählt haben, denken, dass zuerst der Krieg beendet werden müsse. Der Krieg verursache auch Risse in der Gesellschaft: zwischen jenen, die kämpfen, und jenen, die es nicht tun. "Es können nicht alle in den Krieg ziehen, es muss auch die Wirtschaft funktionieren." Gleichzeitig gebe es einen Arbeitskräftemangel im Land. "Wenn man einen Handwerker braucht, braucht es Wochen, bis er kommt."
Nicht nur die Bevölkerung, auch Journalisten seien "ausgebrannt". Drohnenangriffe seien die größte Gefahr für Journalisten. 16 Journalisten seien im Krieg getötet worden und 53 verletzt, zitierte Prugger Zahlen von Reporter ohne Grenzen, die am 9. Februar einen neuen Bericht veröffentlichen. Auch die Arbeit der Medienschaffenden habe sich verändert. Stirnlampen, warme Kleidung und Spikes an den Schuhen gehörten nun zur Ausstattung auch in Kiew.