Zapfenstreich

Vuvuzela-Wirbel bei Wulff-Abschied

08.03.2012


Abschied des deutschen Bundespräsidenten von lautstarken Protesten übertönt.

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Mit einem Großen Zapfenstreich hat sich der bisherige deutsche Bundespräsident Christian Wulff endgültig in den Ruhestand verabschiedet. Drei Wochen nach dem Rücktritt äußerte der 52-Jährige am Donnerstagabend "Bedauern" darüber, dass er seine Amtszeit nicht zu Ende bringen konnte. Auf die näheren Umstände ging er jedoch nicht ein. Auch der Abschied war überschattet von Protesten und Kritik. Viel politische Prominenz blieb der militärischen Zeremonie fern.

Auf dem Zapfenstreich - wie er zu Ehren von scheidenden Staatsoberhäuptern üblich ist - hatte Wulff bestanden. Während der Zeremonie im Garten des Präsidialamtes wirkte er sehr ernst. Auf persönlichen Wunsch des Ex-Präsidenten hatte die Bundeswehr vier Musikstücke im Programm, darunter auch die Europa-Hymne und den Song-Klassiker "Over the Rainbow".

Vuvuzelas gegen Wulff
Vor dem Schloss machten einige hundert Wulff-Gegner ihrem Ärger mit Triller-Pfeifen und Vuvuzela-Tröten Luft. Der ohrenbetäubende Lärm war auch im Garten des Präsidialamtes laut zu hören - solche Proteste gab es bei Politiker-Abschieden in der jüngeren Geschichte noch nie.

An der Zeremonie nahmen zwar Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) als amtierendes Staatsoberhaupt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und mehrere Minister teil. Von Wulffs vier noch lebenden Vorgängern war jedoch kein einziger dabei. Auch die Opposition fehlte praktisch komplett. Nach einer Umfrage für die Nachrichtenagentur dpa erwarten drei Viertel der Deutschen (73 Prozent), dass Wulff für immer der Politik fern bleibt.

Staatsanwalt ermittelt
Gegen den Ex-Präsidenten ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er in seiner Zeit als niedersächsischer CDU-Ministerpräsident von einem befreundeten Unternehmer geldwerte Vorteile bekommen haben soll. Das war auch Auslöser für den Rücktritt. Die Regierung des deutschen Bundeslandes Niedersachsen stellte der Staatsanwaltschaft Hannover am Donnerstag weitere Akten für die Ermittlungen gegen den Wulff zur Verfügung.

Kritik gibt es auch daran, dass Wulff trotz einer Amtszeit von nicht einmal 600 Tagen zeit seines Lebens pro Jahr annähernd 200.000 Euro "Ehrensold" erhalten soll. Wulff ist der jüngste Ex-Präsident, den Deutschland je hatte.

Abschiedsrede

Mit einiger Selbstironie sagte er in seiner im Voraus veröffentlichten Abschiedsrede: "Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen." Seinem Nachfolger - vermutlich der DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck - wünschte er "eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung". Erneut warb er für Toleranz. "Vielfalt, Weltoffenheit, Freiheit und sozialer Ausgleich - das macht unser Land aus und stark."

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Kenan Kolat, sagte dem Sender RBB, Wulff habe mit seiner Äußerung, dass der Islam zu Deutschland gehöre, in seiner Amtszeit "zur kulturellen Vielfalt der Bundesrepublik Deutschland mehr beigetragen als viele Politiker vor ihm".

Ausdrücklich bedankte sich Wulff auch bei "allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft". Seine Frau Bettina lobte er, sie habe Deutschland "auf großartige Weise überzeugend repräsentiert". Zu seiner persönlichen Zukunft sagte er nur: "Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt."

Weiterhin Kritik gab es daran, dass der Ex-Präsident auf den Zapfenstreich nicht verzichten wollte. Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast warf ihm im "Hamburger Abendblatt" vor, mit der militärischen Verabschiedung der Bundeswehr zu schaden. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel empfahl Wulff im SWR, einen Teil des Ehrensolds für gemeinnützige Zwecke zu spenden und "vielleicht selber eine gemeinnützige Arbeit" zu leisten.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer als amtierendes Staatsoberhaupt lobte ihn hingegen dafür, dass er Deutschland "wichtige Impulse" gegeben habe. Wörtlich sagte er: "Sie waren ein guter Vertreter des modernen Deutschlands."

Fast 80 Prozent der Deutschen wünschen sich jetzt eine Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa hervor. Völlig dagegen sind nur 4 Prozent. Nur 15 Prozent halten ein politisches Comeback des CDU-Politikers für möglich.

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