Selbsthilfe

Erdbeben löst in China Welle der Hilfe aus

19.05.2008

Chinesen aus allen Landesteilen haben ihre Autos mit Hilfsgütern vollgeladen und sich auf den Weg in die Katastrophenprovinz Sichuan gemacht.

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© Reuters
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Das verheerende Erdbeben vom vergangenen Montag hat in China eine bisher unbekannte Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft ausgelöst - unabhängig von den Bemühungen der Regierung und der Streitkräfte.

"Es ist ein kleines Auto, aber wir wollten einfach helfen", sagt der Computerhändler Li Guang. Als er das Ausmaß der Katastrophe im Fernsehen sah, lud er seinen Wagen mit Wasserflaschen und Fertignudeln voll und fuhr rund 250 Kilometer bis nach Longhua in Sichuan. Auch der Börsenhändler Huang Daxian wollte nicht tatenlos zusehen. Er kam mit seinem vollgestopften Geländewagen aus dem 1.200 Kilometer entfernten Guangzhou. "Ich wollte schon immer eine lange Reise machen, und jetzt ist es eben für eine gute Sache", sagt er.

Privates Engangement ist Novum
Das private Engagement ist für China ein Novum - bisher kamen alle Wohlfahrtsleistungen von der Kommunistischen Partei, also der Regierung. Bis einschließlich 2004 waren private Hilfsorganisationen sogar verboten. Doch durch den seit Jahren anhaltenden Wirtschaftsboom haben zahlreiche Chinesen großen Wohlstand erreicht. Sie wollen nun als Philanthropen etwas an die Gesellschaft zurückgeben.

Seit dem Erdbeben der Stärke 7,9, bei dem vermutlich bis zu 50.000 Menschen ums Leben kamen, werden alle Spendenrekorde gebrochen. Innerhalb einer Woche wurde mehr Geld gespendet als im ganzen Jahr 2007. Bisher kamen umgerechnet rund 840 Millionen Euro zusammen, davon 85 Prozent aus China selbst, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Sonntag berichtete. Zentren für Blutspenden waren schnell so überlaufen, dass sie beginnen mussten, Termine zu vergeben.

Zahlreiche Helfer - Regierung muss organisieren
Privatwagen fuhren so zahlreich ins Katastrophengebiet, dass die Regierung Abladestationen für Hilfslieferungen außerhalb der Städte einrichtete, um die wichtigen Versorgungsstraßen nicht zu verstopfen. Bei Hanwang konnte der Börsenhändler Huang seine Ladung Kleidung, Brot und Nudeln schließlich an Hilfesuchende ausgeben. "Not kommt aus einer Richtung, Hilfe kommt von überall" und "Für die Menschen, für die Olympischen Spiele in Peking" stand auf Plakaten, die dort an Autos angebracht waren.

Nahe der Durchfahrtsstraßen leben zahllose Menschen in Notlagern. Neben ihren Behelfszelten haben sie oft handgeschriebene Schilder aufgestellt, um die Durchfahrenden um das Nötigste zu bitten: Wasser, Reis, Nudeln, Gemüse. Und immer wieder hält ein Wagen, die private Hilfsbereitschaft ist beispiellos. Bei der bisher letzten großen Naturkatastrophe, den heftigen Überschwemmungen von 1998, gelang es einer Regierungsorganisation gerade einmal etwa 25 Millionen Euro an Spenden einzusammeln.

"Sind gleich losgefahren"
"Die Menschen halten dieses Mal wirklich zusammen. Sie handeln von sich aus und warten nicht darauf, gefragt zu werden", sagt Wu Yu, ein Angestellter bei der Investment-Gesellschaft Weipeng. Bei dem Beben hätten auch ihre Büros im 1.100 Kilometer entfernten Guiyang gewackelt. Sofort hätten die Angestellten Autos beladen und seien losgefahren. "Es klingt abgedroschen, aber in der Schule und von unseren Eltern lernen wir, dass wir anderen helfen sollen", sagt Ge Jian, ein Kollege Wus. Sie wollten von Dujiangyan aus noch weiter nördlich in Richtung des Epizentrums fahren. "Die meisten von uns sind Buddhisten, wir wollen Mitgefühl zeigen."

Die chinesischen Medien konnten nach dem Erdbeben erstmals ausführlich über Leid und Folgen der Katastrophen berichten. Sie trugen die erschütternden Bilder in die noch intakten Wohnzimmer und förderten damit die Spendenbereitschaft, an der Regierung vorbei.

"China ist im Rettungs- und Wiederaufbaumodus", erklärt Russell Leigh Moses, ein in Peking lebender Politikwissenschafter. Daraus lasse sich jedoch noch keine Änderung der Gesellschaft ableiten. Allerdings sei die Spendenbereitschaft aus Eigeninitiative von den einfachen Leuten gekommen. "Der Regierung muss man anrechnen, dass sie dem zumindest nicht im Weg stand", sagte Moses.

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