ZiB2-Interview

Virtuelle Bot-Armeen: Expertin warnt vor digitaler Manipulation

19.03.2026

Sie posten, liken und kommentieren im Sekundentakt. Sogenannte Bots manipulieren gezielt den Diskurs im Netz und können sogar reale Gewalt befeuern, warnt Extremismusforscherin Julia Ebner in der ZiB2.

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© Screenshot/ORF
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Der Kampf um unsere Meinung findet längst nicht mehr nur am Stammtisch statt, sondern wird im Internet mit harten Bandagen und gezielten Manipulationen geführt. Julia Ebner, Expertin vom Institute for Strategic Dialogue in London, warnt in der ZiB2 eindringlich vor der Macht künstlicher Bot-Netzwerke.

"Derartige koordinierte Bot-Aktionen können den Diskurs beeinflussen und sich sogar offline in Hasskriminalität niederschlagen", erklärt Julia Ebner im Gespräch mit Margit Laufer. Die Gefahr sei demnach absolut real. Durch Hasspostings und die gezielte Verbreitung von Falschmeldungen werde eine Stimmung erzeugt, die ganze Gruppen unserer Gesellschaft dämonisiert oder entmenschlicht.

Die dunkle Macht der Fake-Profile

Hinter den tausenden Kommentaren, die oft wie eine Lawine über soziale Medien hereinbrechen, steckt System. Das Ziel ist die massive Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung. "Es kann der Eindruck erzeugt werden, dass zum Beispiel antisemitische Stimmen viel weiter verbreitet sind, als sie es tatsächlich in der Bevölkerung sind", hält die Expertin fest. Dies führe zu einer gefährlichen Normalisierung von hasserfüllten Inhalten.

Dabei ziehen oft mächtige Akteure im Hintergrund die Fäden. "Staatliche Akteure, vor allem aus Russland, aber auch dem Iran und der Türkei wollen Einfluss auf den politischen Diskurs in anderen Ländern nehmen", betont Ebner. Aber auch nicht-staatliche Gruppen nutzen Bot-Fabriken, um ihre radikalen Ideen in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

Spaltung als politisches Kalkül

Besonders vor Wahlen oder in Krisenzeiten laufen die Bot-Netzwerke zur Hochform auf. Es geht darum, demokratische Institutionen ins Wanken zu bringen. "Traumatische Ereignisse machen größere Bevölkerungsegmente anfällig für eine Radikalisierung", warnt die Forscherin. Diese tiefen Emotionen werden von politischen Akteuren eiskalt ausgebeutet.

Plattformen lassen User im Stich

Obwohl das Problem bekannt ist, passiert vonseiten der großen Tech-Konzerne zu wenig. "Leider gehen die Plattformen nicht proaktiv ausreichend dagegen vor", kritisiert Ebner. Zwar gebe es mit dem Digital Services Act auf EU-Ebene nun strengere Regeln, doch die Umsetzung stecke noch in den Kinderschuhen. Die Identifizierung der wahren Täter bleibe enorm schwierig, da es viele Grauzonen gibt.

Psychoterror per Mausklick

Besonders schlimm trifft es Menschen, die direkt ins Visier solcher Kampagnen geraten. Egal ob Politiker, Aktivisten oder Künstler, die Angriffe hinterlassen Spuren. "Das kann psychisch enorm belastend sein, wenn man den Eindruck hat, dass so viele Menschen gegen einen sind, wobei es sich in Wirklichkeit um Bots handelt", schildert Ebner die belastende Situation.

Für alle Nutzer im Netz gilt daher höchste Wachsamkeit. "Man sollte sich in den Kommentarspalten immer wieder fragen, ob man es mit Bots oder tatsächlich authentischen Inhalten zu tun hat", rät die Expertin. Es brauche ein neues digitales Bürgertum und mehr Bildung, um im technischen Wettlauf gegen die immer intelligenter werdenden Bot-Systeme nicht den Kürzeren zu ziehen.