Hoheit im Bierzelt

Publikumsmagnet Stoiber attackiert Beckstein

19.09.2008

Die Bierzelt-Saison in Bayern ist voll im Gang - am 28. September sind Wahlen. Edmund Stoiber attackiert seinen Nachfolger.

Zur Vollversion des Artikels
 
Zur Vollversion des Artikels

Das Bierzelt wird für die CSU zum Ort der Gefahr. Fast gleichzeitig ziehen der alte und der neue Ministerpräsident am Mittwochabend in zwei weit entfernte Zelte ein. Günther Beckstein muss bei der Eröffnung des Berliner Oktoberfests pausenlos seine heftig umstrittene Äußerung zu Alkohol am Steuer rechtfertigen und zurücknehmen. Amtsvorgänger Edmund Stoiber zieht unterdessen triumphal ins Freisinger Festzelt ein. Eigentlich soll Stoiber CSU und Beckstein helfen. Doch auch ihm gehen die Pferde durch. Der nach seinem Sturz zum CSU-Ehrenvorsitzenden Beförderte attackiert die Schwesterpartei CDU - und verpasst Beckstein im Vorübergehen einen Kinnhaken.

Stoiber als Publikumsmagnet
Ein knappes Jahr nach seinem Abschied zieht der von seiner Partei gestürzte Pensionist bei der bisher größten CSU-Wahlkampfkundgebung mehr Zuschauer an als jeder aktive CSU-Politiker. Fast ist alles wie früher. 4.000 Menschen sind gekommen, um ihn zu feiern. Der Defiliermarsch erklingt, fünf Nonnen begrüßen ihn, die Hallertauer Hopfenkönigin, der FC Bayern Fanclub "Gute Geister in Rot-Weiß", der Trachtenverein.

Stoiber hält in einem der größten Bierzelte Bayerns eine Art Aschermittwochsrede wie einst in Passau. Eigentlich will er sich aus der Tagespolitik heraushalten. Er stehe als "Ehrenspielführer am Spielfeldrand". Der gute Vorsatz hält keine zehn Minuten, bevor Stoiber der CDU mangelndes konservatives Profil bescheinigt. "Der Konservatismus in diesem Land hat zu wenig Sprachrohre", klagt er. Die CDU sei "natürlich in der Großen Koalition viel glatt gebügelter als ihr eigentlich gut tut". Das Publikum jubelt.

Und ebenso deutlich wird, dass Stoiber ein Jahr nach dem Abschied aus der Münchner Staatskanzlei seinen Frieden mit Beckstein nicht gemacht hat. Er wünsche sich, dass die CSU in Bayern selbstbewusst auftrete und "nicht mit hängenden Schultern - na ja, 49 Prozent wären schon auch was", ruft er beschwörend. "Das ist nicht der Mythos CSU." Das ist eine kaum verborgene Attacke gegen Beckstein. Denn der hat erklärt, dass von einem Verlust der absoluten Mehrheit die Welt nicht untergehe. Und viele Zuschauer wissen sofort, wer gemeint ist. Der Großteil des Publikums sind CSU-Anhänger und -Mitglieder.

In einem der verräterischsten Momente seiner Rede nennt Stoiber seine Erben beim Namen - Parteichef Huber und - Stoiber zögert kurz - Ministerpräsident Günther Beckstein. Die Zuschauer lachen. Stoiber erfüllt, so scheint es, eine tiefe Sehnsucht seines Publikums. Er verkörpert Stolz - den "Stolz auf Bayern", den die CSU-Landesleitung vergeblich in einem gleichnamigen Wahlkampflied beschwört. Unausgesprochen bleibt, dass seine Nachfolger Erwin Huber und Beckstein den weiß-blauen Stolz offensichtlich nicht ausreichend repräsentieren. In einem Akt der Demütigung wollen sogar Bayerns Grüne Huber und Beckstein plakatieren - "Geht mit Gott, aber geht."

Auch beim Berliner Oktoberfest erklingt der Defiliermarsch, als der Bierzelt-Geschädigte Beckstein einmarschiert. Ein Heimspiel ist es für den Franken im selbst ausgerufenen "weiß-blauen Herrschaftsgebiet" gegenüber vom Roten Rathaus in Berlin nicht. Seine unüberlegte Äußerung zu Alkohol am Steuer holt ihn immer wieder ein - es sei "nicht das Problem, wenn einer eine Maß trinkt, oder wenn er ein paar Stunden da ist, auch zwei". Das führt dazu, dass Beckstein ausgerechnet beim Bier in Berlin gegen übermäßigen Bierkonsum predigen muss. "Damit das klar ist: Das Auto bleibt zu Hause und wird nicht angefasst", sagt er scherzhaft und dann, etwas ernster: "Missbrauch von Alkohol muss hart bekämpft werden."

Gründlich misslingt in Berlin auch der Einmarsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie wird nur zögerlich beklatscht. Beifall gibt es erst, als Merkel sich einschmeichelt: "Wir brauchen dringend gegenüber dem Roten Rathaus ganzjährig ein bayerisches Bierzelt." Möglicherweise wäre die CSU aber derzeit besser beraten, den Gefahrenbereich zwischen Blaskapelle und Bierbank vorerst zu meiden.

Zur Vollversion des Artikels
Weitere Artikel