Ökologe warnt
11.000 Tierarten bedroht: Lobau trocknet aus
Rund 11.000 Tierarten, unzählige Pflanzen und eine weltweit einzigartige Tierwelt unter der Erde machen die Lobau zu einem echten Naturjuwel am Rande von Wien. Rund ein Fünftel aller in Österreich heimischen Tier- und Pflanzenarten ist in diesem Schutzgebiet zu Hause. Doch die Aulandschaft leidet unter akutem Wassermangel. Wie dramatisch die Lage im Auwald tatsächlich ist, schilderte Gewässerökologe Christian Griebler im ORF-Wien-Podcast "Stadtwandel".
Verstecktes Leben unter der Erde
Vor allem unter der Erdoberfläche verbirgt sich ein wahrer Schatz. Neben winzigen Flohkrebsen, Asseln und Hüpferlingen leben im Grundwasser auch zwei stark gefährdete Schneckenarten der Roten Liste. "Die Lobau gehört im internationalen Kontext zu den artenreichsten Grundwasserlebensräumen der Welt", hielt Griebler fest. Dieses Ökosystem spielt sich in einer Schotter- und Sandschicht ab, die lediglich fünf bis maximal zwanzig Meter tief reicht und deshalb extrem verwundbar ist. Für den Forscher gleicht das Areal einer faszinierenden Naturschau. "Es ist wie ein lebendes Museum, aber es ist eben ein lebendes Museum. Ich kann mich hier nach wie vor um die Arten kümmern und sie nicht in Schubladen und in Gläsern mit Alkohol einsortieren und bewundern", betonte der Wissenschafter gegenüber dem ORF.
Auch interessant
Lebensader für die Untere Lobau gekappt
Gleichzeitig dient das Grundwasser über das örtliche Wasserwerk als wichtige Trinkwasserreserve für Wien, falls Hitzeperioden oder Wartungsarbeiten an den Hochquellenleitungen auftreten. Während die Obere Lobau über die Neue Donau künstlich mit Wasser versorgt wird, ist die Untere Lobau seit der Donauregulierung und dem Bau der Donauinsel fast völlig vom Fluss abgeschnitten. Nur bei Hochwasser rinnt etwas Wasser über den Schönauer Schlitz hinein, was jedoch jede Menge Schlamm ablagert und die Altarme weiter verlanden lässt. Im vergangenen Sommer trocknete die Untere Lobau nahezu vollständig aus.
Aus Sicht des Ökologen muss daher auch der untere Teil dringend mit Donauwasser versorgt und die Durchflussmenge erhöht werden. Weil das Wasser der Neuen Donau keine Trinkwasserqualität besitzt, prüft die Stadt Wien derzeit entsprechende Maßnahmen und will bis Jahresende Ergebnisse vorlegen. Um den Wasserfluss wiederherzustellen, müsse man zudem an manchen Stellen baggern. "Da muss wieder richtig Kraft rein", forderte Griebler.
Sorge vor fatalem Mehrfacheffekt durch Tunnel
Zusätzliche Gefahr befürchtet der Ökologe durch die Pläne für den Lobautunnel. Während die Gutachten der Asfinag im Nationalparkbereich von einer Grundwasserabsenkung um höchstens zehn Zentimeter ausgehen, sieht Griebler darin bei ohnehin extrem niedrigen Pegeln ein enormes Risiko. "Wenn ich aber jetzt schon Grundwasser-Tiefststände habe, wie im heurigen Jahr, und davon noch einmal zehn Zentimeter abziehe, heißt das für viele Flächen in der Lobau, dass sie jetzt nicht mehr nass sind, sondern trocken fallen", warnte der Experte.
Zusammen mit der Klimaerwärmung und extremen Wetterereignissen drohe ein gefährlicher Dominoeffekt für den Auwald. "Ein Ökosystem in einer Extremsituation würde ich nicht dem Risiko aussetzen, auch wenn es nur ein Restrisiko ist, dass ich jetzt in diesen Wasserhaushalt negativ eingreife", mahnte Griebler abschließend.