Belle Burden
Belle Burden: Warum ihr Scheidungs-Buch Frauen weltweit bewegt
Eine Ehe zerbricht. Nach rund 20 Jahren verlässt ein Mann seine Frau, die drei gemeinsamen Kinder bleiben zurück. Es gibt eine andere Frau, eine Affäre und – und für die Ehefrau plötzlich jede Menge Fragen: Wem gehört was? Wie geht es weiter? Vor allem aber: Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, mit dem man sein halbes Leben verbracht hat? Es ist eine Geschichte, die sich millionenfach erzählen ließe. Die von Belle Burden spielt allerdings in einer besonderen Welt: New York, Martha’s Vineyard, Privatschulen, Familienvermögen, Trusts und ein Ehevertrag. Ihr autobiografisches Buch "Fremde" ist inzwischen ein Bestseller – und soll für Netflix verfilmt werden, mit Gwyneth Paltrow in der Hauptrolle. Interessant ist Burdens Geschichte nicht nur wegen der spektakulären Scheidung oder des Geldes. Im Zentrum steht eine viel unbequemere Frage: Was passiert, wenn der Mensch, den man nach 20 Jahren Ehe zu kennen glaubt, plötzlich zum Fremden wird?
Nähe bedeutet nicht, den Menschen zu kennen
Genau darum geht es in "Fremde": um die irritierende Erkenntnis, dass Nähe nicht automatisch bedeutet, einen Menschen vollständig zu kennen. Man kennt seine Gewohnheiten, seine Familie, seine Geschichten, seine Stimme im Nebenzimmer. Man teilt Kinder, Freunde, Urlaube und Erinnerungen. Und trotzdem kann dieser Mensch eines Tages eine Entscheidung treffen, die das gemeinsame Leben von Grund auf verändert – und die man selbst nicht kommen sah. Im März 2020 kommt für Belle Burden der Anruf, der ihr Leben verändert. Ein ihr Unbekannter erzählt ihr, dass ihr Mann eine Affäre mit seiner Frau hat. "James", wie Burden ihren Ehemann im Buch nennt, bestätigt diese Beziehung. Zunächst versichert er ihr, sie bedeute nichts. Am nächsten Morgen erklärt er ihr, dass er die Ehe beenden will. Der Schock ist also nicht allein die Untreue. Es ist die Erfahrung, dass der Mann, mit dem sie 20 Jahre verheiratet war, ihr plötzlich fremd erscheint. Und während Belle Burden versucht zu verstehen, was in ihrer Ehe geschehen ist, entdeckt sie eine zweite Form der Entfremdung: Sie muss feststellen, wie viele Bereiche ihres gemeinsamen Lebens sie ihrem Mann überlassen hatte – auch finanziell.
Auch interessant
Mit der Scheidung zerbrach das sichere "Wir"
Burden stammt aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, hat Jura studiert und sich nach der Geburt ihrer drei Kinder aus dem Berufsleben zurückgezogen. Ihr Mann machte Karriere. Sie selbst sehnte sich nach der "normalen Familie", die ihr in der Kindheit gefehlt hatte: eine Mutter, die zu Hause war, viele Geschwister, keine Scheidungen. "Und so wurde ich zu dem, was ich eigentlich nie hatte sein wollen – ich wurde zu einer Mutter, die jeden Tag mit Schokoladenkeksen in der Hand ihre Kinder von der Schule abholte", schreibt sie. Mit der Scheidung zerbrach dieses vermeintlich sichere "Wir". Plötzlich stellten sich Fragen, die während der Ehe keine waren: Was gehört wem? Burden verfügte selbst über erhebliches Vermögen, unter anderem aus Trusts, beschreibt aber, wie verunsichernd es war, die Strukturen ihres gemeinsamen Lebens nicht vollständig zu überblicken. Aus "unserem Haus" wurde eine rechtliche Frage – und aus Vertrauen eine Frage der eigenen Sicherheit.
Auch sehr viel Geld schützt nicht...
Gerade hier wird "Fremde" interessant: Vermögen und Unabhängigkeit sind nicht dasselbe. Auch sehr viel Geld schützt nicht davor, sich in einer Ehe plötzlich neu orientieren zu müssen. Eine Recherche des "New Yorker" zeichnet zudem ein differenzierteres Bild von Burdens Vermögensverhältnissen: Ein großer Teil ihres erheblichen Vermögens war in Trusts gebunden und damit nicht einfach verfügbar. Doch ihre Geschichte ist nicht die einer Frau, die nach der Scheidung mittellos dasteht. Interessanter ist die Frage, was Unabhängigkeit in einer Partnerschaft bedeutet. Man kann einem Menschen vertrauen und trotzdem nicht alles wissen. Im Alltag einer langen Beziehung vergisst man leicht, dass selbst der Mensch, den man am besten zu kennen glaubt, in seinem Innersten immer ein Stück weit fremd bleibt.
“Ich hoffe, ich habe ihnen gezeigt, dass man sich, egal, wie tief man fällt, wieder aufraffen kann..."”
Bestseller-Autorin Belle Burden
"Fremde" ist kein Plädoyer gegen die Ehe. Dass einer in einer Partnerschaft beruflich zurücksteckt und der andere Karriere macht, muss kein Problem sein. Entscheidend ist, wie ein Paar diese Rollen miteinander gestaltet. Bei Belle Burden zeigte sich erst mit der Scheidung, wie viel Verantwortung sie ihrem Mann überlassen hatte. Am Ende ist sie weit entfernt von Verbitterung. Sie möchte ihren Kindern vermitteln, wie wichtig es ist, auf Vertrauen zu bestehen, den Lebensgefährten gut zu kennen und die eigene Eigenständigkeit, Stimme und Intuition nicht zu verlieren. "Ich hoffe, dass sie sich genauso verlieben, wie ich mich in ihren Vater verliebt habe, und ich hoffe, ich habe ihnen mit meinem Beispiel gezeigt, dass man sich, egal, wie tief man fällt, wieder aufraffen und von vorn beginnen kann." In guten wie in reichen Zeiten.