Autorin Bonnie Garmus war Mitte 60, da gelang ihr mit ihrem Roman Eine Frage der Chemie, der auch als Serie adaptiert wurde, ein Weltbestseller, der viele Wochen international die Buchcharts dominierte.
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Märchenhafter Erfolg?
Es fühlte sich von außen an wie ein Märchen, dieser Erfolg, der sich anscheinend über Nacht eingestellt hat. Dabei arbeitete Garmus schon ihr Leben darauf hin. Denn vor dem Hit hatte sie bereits zwei Bücher geschrieben, die allerdings von Verlagen verschmäht wurden, und viele Jahre als Werbetexterin gearbeitet.
Hier spielt Lyrik eine Hauptrolle
Wir durften mit Bonnie Garmus anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans als eines von zwei heimischen Medienhäusern reden. Dabei erzählte uns die Autorin unter anderem, sie habe erst spät verstanden, dass Eine Frage der Chemie ein großer Erfolg ist. Druck verspürte sie keinen bei der Arbeit an ihrem neuen Roman; denn da war sie noch mit der Promotion für ihren ersten beschäftigt.
Erwartungen nach Ausnahmeerfolg
Gut für sie, denn nach einem Ausnahmeerfolg sind die Erwartungen hoch. Wie ist denn nun der neue Roman von Bonnie Garmus? In Peck & Peck muss der junge Batter (der übrigens nach einem heldenhaften Hund benannt ist) im Amerika der 80er-Jahre seinen Weg erst finden. Nach Hilfsjobs heuert er bei der renommierten Lyrikzeitschrift der Peck-Brüder an und taucht tief in die Welt der Gedichte, des Schreibens und fieser Intrigen ein.
So ist "Peck & Peck"
Garmus ist mit ihrem nischigen Lyrik-Thema "all in" gegangen: Das ist vermutlich nicht für alle Lesenden etwas. Aber die Autorin hat wieder liebenswerte Figuren, einen besonderen Hund sowie eine berührende Familiengeschichte erdacht - sie wiederholt sich nicht und trotzdem findet sich alles, was sie als Autorin ausmacht. Lyrik rettet Batter und Schreibkunst wie diese rettet - mit Blick auf mach ein Grauen der Realität - uns alle.
Garmus: "KI nimmt uns die Freude an der Kunst"
Wir haben mit Bonnie Garmus über ihr neues Buch geredet.
oe24: Ihr neuer Roman heißt "Peck & Peck" – worum geht’s darin für Sie?
BONNIE GARMUS: Ich wollte davon erzählen, wie wesentlich es für uns alle ist, die Kraft zu entwickeln, für sich selbst einzustehen und dafür zu kämpfen, was wichtig ist im Leben. Viele haben genau davor Angst; ich nehme mich selbst da nicht aus. Aber der einzige Weg, etwas zu ändern, ist, sich darüber klarzuwerden, an was du glaubst und wer du bist. Und dann loszulegen.
“Aber der einzige Weg, etwas zu ändern, ist, sich darüber klarzuwerden, an was du glaubst und wer du bist.”
Bonnie Garmus
oe24: Was können wir von Romanheld Batter lernen?
GARMUS: Er ist in einigen Dingen gut: Shirts zusammenlegen oder Tische abräumen, und er kann sehr gut kopieren. Oft machen wir uns kleiner, sagen, naja, das ist ja nichts, aber in Wirklichkeit ist jede dieser Fähigkeiten wichtig. Denn alles, was du im Leben machst, ist die Vorbereitung auf etwas anderes. Also mach dich niemals kleiner, denn du erreichst jeden einzelnen Tag etwas. Auch wenn es manchmal langsam passiert, irgendwann wachsen wir an dem, was wir tun.
oe24: Es scheint oft so, als würden Erfolgsgeschichten über Nacht passieren, was natürlich nicht richtig ist. Sie haben immer schon geschrieben, waren jahrelang als Werbetexterin tätig. Wie war es dann, einen Roman zu verfassen?
Garmus: Es ist witzig, ich habe meine Arbeit als Werbetexterin aus vielerlei Gründen sehr gerne gemacht – Ideen und Konzepte umsetzen, das ist für mich ein großartiger Job. Übrigens waren viele der großen Autoren Werbetexter: Vonnegut, Joseph Heller oder Rushdie, Fitzgerald – alle von ihnen haben so angefangen. Man sollte also auf diese Arbeit nicht herabschauen, man kann dort viel ausprobieren. Ich hatte großes Glück, dass ich so viel Schreiberfahrung dadurch bekam, dass ich als Texterin jeden Tag schreiben durfte. Es ist ein Privileg, dafür bezahlt zu werden. Klar gab es aber auch Dinge, die ich daran nicht so mochte, es kommt aber immer auf ein gutes Gleichgewicht an.
“Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich an einem "Zweites-Album"-Syndrom leiden könne.”
Bonnie Garmus
oe24: Das nächste Buch zu schreiben nach einem Weltbestseller stelle ich mir herausfordernd vor. Wie sind Sie es angegangen?
Garmus: Ich habe mit "Peck & Peck" begonnen, als ich auf Tour für "Eine Frage der Chemie" war. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich an einem "Zweites-Album"-Syndrom leiden könne. Auch deshalb nicht, weil "Eine Frage der Chemie" am Anfang gar kein großer Erfolg war. Also hatte ich keinen Druck, wurde nicht von dem Gedanken geplagt, es besser machen zu müssen. Selbst, als ich den Roman beendet habe, habe ich daran keinen Gedanken verschwendet. Die Erwartungen kamen eher von außen, es war nichts, was ich selbst empfunden hätte. Darum konnte ich auch damit umgehen, ich konnte zu den Erwartungen nein sagen. Und das war sehr gesund. Denn Autoren sollen neue Projekte mit Kreativität und Originalität angehen und nicht in ihrer Entwicklung stehenbleiben und immer wieder das Gleiche schreiben.
“Es hat sehr lange gedauert zu verstehen, dass das Buch ein Erfolg war. Und ich spreche hier von Jahren.”
Bonnie Garmus
oe24: Was hat Sie am meisten überrascht nach Ihrem großen Erfolg mit "Eine Frage der Chemie"?
GARMUS: Wissen Sie, ich habe den Erfolg eine ganze Weile nicht als solchen wahrgenommen. Leute haben mir zwar gesagt, oh, dein Buch verkauft sich echt gut, aber die Tantiemen kommen ja zeitverzögert. Ich hatte also keinen rechten Beweis, um meinen Erfolg zu messen. Du kannst es mit nichts vergleichen. Also musst du einfach dran glauben. Ich persönlich habe nie jemanden mein Buch lesen sehen. Im Gegensatz zu all den Leuten, die mir immer gesagt haben, sie sehen dauernd Menschen, die es lesen. Ich lebe in London, in einer großen Stadt, und irgendwann dachte ich, es ist alles Einbildung und man ist einfach nur nett zu mir. Es hat sehr lange gedauert zu verstehen, dass das Buch ein Erfolg war. Und ich spreche hier von Jahren.
oe24: Wie hat sich Ihr Leben nach "Eine Frage der Chemie" verändert?
Garmus: Ich bin kein Filmstar. Mein Leben ist genau wie vorher. Unlängst hat mich ein alter Klient angerufen, für den ich viele Reden geschrieben habe, und meinte, "ich weiß, dass du sehr beschäftigt bist, aber ich brauche dringend deine Hilfe mit dieser Rede!" Und weil er ein lieber Freund ist, mit dem ich schon so lange zusammenarbeite, habe ich gesagt, "natürlich mache ich das." Alle anderen aber meinten: "Liebe Güte, du musst sagen, dass du für so etwas zu beschäftigt bist!" Doch für mich ist es so, dass wir Freunde sind und ich ihm natürlich helfe, und ich finde es schön, mal wieder eine Rede zu schreiben. Ja, ich war stolz, dass er mich gefragt hat!
oe24: Weisen Ihre Werke Verbindungen auf?
Garmus: Humor vielleicht? Und dass immer ein Hund vorkommt. Ich denke auch, dass die Art, wie ich eine Geschichte ausgestalte, ähnlich ist. Außerdem werde ich immer über Dinge schreiben, die Begeisterung in mir wecken. Und da gibt es noch einige.
“Je mehr Denkarbeit wir an Maschinen abgeben, desto dümmer werden wir”
Bonnie Garmus
oe24: Wie wird KI in Zukunft unsere künstlerischen Prozesse beeinflussen? Im Buch kommt eine Stelle vor, in der es um einen Computer geht, der Gedichte herstellt …
Garmus: Meine ehrliche Meinung ist, dass wir uns in die falsche Richtung bewegen. Wenn du einen Computer für dich schreiben lässt, dann nimmst du dir die Fähigkeit, selbst zu denken, du beschließt, dein Gehirn nicht zu benutzen, und dafür zahlst du einen hohen Preis. Du produzierst dann keine Alphawellen mehr, die direkt mit deinem Gedächtnis und deinem kritischen Denken verbunden sind. Je mehr Denkarbeit wir an Maschinen abgeben, desto dümmer werden wir – das ist noch die netteste Art, wie ich das formulieren kann. Darum lebt heute die erste Generation der Menschheit, die nicht besser ist als die Generation vor ihr. Ich denke, dass es eine gefährliche Technologie ist, aber das wissen wir ohnehin schon länger. Es braucht Regulierungen und dafür ein Aufsichtsgremium von Menschen aus aller Welt, nicht nur eine Handvoll Milliardäre. Menschen, die diese Technologie entwickeln, das sind keine Kunstschaffenden, sie erschaffen keine Kultur. Die zerstören etwas, das anderen Menschen viel Freude bereitet. Auch Ihnen bereitet Kunst doch Freude. KI hat in uns die Illusion erzeugt, dass nun vieles leichter wird. Haben wir nicht alle gedacht, "wie schön, die wird jetzt unser Haus putzen?" Unseren Geschirrspüler ausräumen? Das wäre perfekt! Stattdessen nimmt es uns die Freude. Die Frage sollte nicht sein, ob eine KI ein Gedicht schreiben kann. Sondern ob es okay ist, mit gestohlenem geistigen Eigentum Kunst zu machen. Wenn ich höre, dass Firmen ihren Mitarbeitenden sagen, ab jetzt verwenden wir KI, dann ist das, als würden sie sagen: "Okay, von jetzt an rauchen wir alle". So gefährlich ist das. Eine Freundin von mir kann keine Entscheidungen mehr ohne ihren Chatbot treffen. Sie fragt sogar, was sie anziehen soll. Ich habe sie gefragt: "Hast du denn keinen Spiegel?" Ihr Selbstvertrauen ist komplett zerstört.
oe24: Batters bester Freund Paul ist homosexuell. Das konnte man in den 80er–Jahren noch nicht ausleben. Warum ist es Ihnen wichtig, auch marginalisierte Gruppen in Ihren Büchern Platz zu geben?
GARMUS: Meine Tochter ist lesbisch und hat viele lesbische und transsexuelle Freunde. Ich bin es so leid, dass diese Menschen behandelt werden, als wären sie minderwertig, nicht gut genug oder komisch. Das ist komplett falsch und zeigt eine Ignoranz gegenüber den biologischen Tatsachen. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Aber das stimmt nicht, und wir wissen das seit rund achtzig Jahren. Es gibt mindestens fünf Geschlechter. Es wäre schön, wenn das bald zu unserem Allgemeinwissen gehören würde.
oe24: Was ist Ihr nächstes Projekt
GARMUS: Ich habe so viele Ideen für weitere Bücher und denke, irgendwann werde ich im Flugzeug sitzen, eine Stimme hören und ihr folgen.