Ein Satz von Bundeskanzler Christian Stocker hat eine Debatte ausgelöst, die weit über seine ursprüngliche Aussage hinausgeht. Bei einem Bürgergespräch in Salzburg am 6. August erklärte der ÖVP-Chef, er würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen. Einen Tag später entschuldigte er sich und bezeichnete seine Aussage als falsch. Dass Salzburg tatsächlich eine Station seiner aktuellen Gesprächsreihe war, bestätigt auch das Bundeskanzleramt.
Im Mittelpunkt steht seither vor allem eine Zahl: 96 Stunden unbezahlte Kinderbetreuung sollen Frauen durchschnittlich pro Woche leisten. Doch stimmt das überhaupt? Laut APA-Faktencheck lässt sich dieser Wert mit den offiziellen Daten der Statistik Austria nicht belegen. Die Realität ist allerdings kaum weniger bemerkenswert: Frauen mit Kindern kommen auf rund 40 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche – zusätzlich zur bezahlten Erwerbsarbeit.
So viel unbezahlte Arbeit leisten Frauen tatsächlich
Die derzeit wichtigsten offiziellen Daten stammen aus der Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria. Dafür wurden mehr als 4.300 österreichische Haushalte befragt und Tätigkeiten in Zehn-Minuten-Einheiten dokumentiert.
Das Ergebnis zeigt eine deutliche Schieflage: Bei Frauen mit Kindern entfallen rund zwei Drittel der gesamten Arbeitszeit auf unbezahlte Tätigkeiten und nur etwa ein Drittel auf bezahlte Arbeit. Bei Männern mit Kindern ist das Verhältnis praktisch umgekehrt.
Frauen mit Kindern verbringen im Durchschnitt rund fünfeinhalb Stunden pro Tag mit unbezahlter Arbeit, Männer rund drei Stunden. Auf sieben Tage gerechnet ergibt das für Frauen knapp 40 Stunden pro Woche – also ungefähr das Ausmaß eines klassischen Vollzeitjobs.
Wichtig: In diesen 40 Stunden steckt nicht ausschließlich Kinderbetreuung. Auch Hausarbeit und andere unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt werden eingerechnet.
Kinderbetreuung allein: So groß ist der Unterschied zwischen Müttern und Vätern
Betrachtet man ausschließlich die aktive Kinderbetreuung, verbringen Frauen mit mindestens einem minderjährigen Kind durchschnittlich knapp zwei Stunden täglich damit, Männer 53 Minuten.
Werden Tätigkeiten mitgezählt, bei denen Kinderbetreuung parallel zu etwas anderem erfolgt, steigt der Wert auf etwa zweieinhalb Stunden bei Frauen und rund eine Stunde bei Männern.
Besonders deutlich wird der Unterschied bei Kleinkindern: Ist das jüngste Kind unter drei Jahre alt, verbringen Frauen durchschnittlich rund vier Stunden täglich mit Kinderbetreuung, Männer etwa eineinhalb Stunden. Allein damit kommen Mütter kleiner Kinder auf ungefähr 28 Stunden Kinderbetreuung pro Woche.
Und auch das bildet eben nur jene Zeit ab, die tatsächlich als Betreuungstätigkeit erfasst werden kann.
Bei kleinen Kindern können es auch mehr als 60 Stunden sein
Wie stark die Zahl davon abhängt, was überhaupt unter Care-Arbeit verstanden wird, zeigt eine Berechnung des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien. Das ÖIF fasst den Begriff deutlich weiter. Auch gemeinsam mit dem Kind ausgeübte Aktivitäten – vom Essen über Sport bis zu sozialen Kontakten – werden als direkte Care-Arbeit berücksichtigt.
Nach dieser Methode verbringen Frauen, deren jüngstes Kind unter sechs Jahre alt ist, mehr als neuneinhalb Stunden pro Tag mit direkter Care-Arbeit. Das entspricht rund 66,5 Stunden pro Woche – Haushaltsführung noch nicht eingerechnet. Bei Müttern mit Kindern zwischen sechs und 14 Jahren sind es noch mehr als sechs Stunden täglich.
Die Frage "40, 66 oder 96 Stunden?" lässt sich daher nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Entscheidend ist, was man als Arbeit definiert und welche unsichtbaren Tätigkeiten mitgezählt werden.
Das eigentliche Problem ist nicht die 96-Stunden-Zahl
Gerade deshalb droht die Diskussion um eine einzelne Zahl vom wesentlich wichtigeren Ergebnis abzulenken: Unabhängig von der Berechnung übernehmen Frauen in Österreich weiterhin deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer.
Selbst wenn beide Partner ähnlich viel erwerbstätig sind, liegt laut Statistik Austria der Anteil der Frauen an der Kinderbetreuung bei rund 64 Prozent. Arbeitet die Frau sogar mehr Erwerbsstunden als ihr Partner, übernimmt sie immer noch mehr als die Hälfte der Kinderbetreuung.
Das hat Konsequenzen, die weit über einen stressigen Alltag hinausgehen. Wer mehr unbezahlte Arbeit übernimmt, reduziert häufiger seine bezahlte Arbeitszeit, arbeitet Teilzeit oder unterbricht die Karriere. Weniger Gehalt bedeutet wiederum weniger Einzahlungen ins Pensionssystem – und damit langfristig weniger Geld im Alter.
Was aus der Stocker-Debatte bleibt
Ob man Kinderbetreuung am Ende mit 28, 40, 66 oder – inklusive permanenter Verfügbarkeit – 96 Stunden beziffert, hängt von der Berechnung ab. Dass die unbezahlte Arbeit zwischen Frauen und Männern weiterhin ungleich verteilt ist, ist dagegen statistisch eindeutig.
Und genau darin liegt die eigentliche Relevanz der aktuellen Debatte. Care-Arbeit endet nicht mit dem Zuklappen des Laptops oder einem Feierabend. Sie besteht auch aus Arztterminen, Geburtstagsgeschenken, Kindergarten-Nachrichten, Wäschebergen, Essensplanung und der Frage, wer nachts aufsteht, wenn das Kind weint.
Vieles davon taucht in keiner Arbeitszeitstatistik auf. Die finanziellen Folgen können Frauen dagegen noch Jahrzehnte später auf ihrem Pensionskonto sehen.