Welt-Analyse

Dämonisierung hilft "gefährlichstem Deutschen"

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ULRICH SIEGMUND könnte der 1. AfD-Ministerpräsident werden. Brandmauer gegen rechts ist passé
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Magdeburg. Der 6. September wird zum Wegweiser für Deutschlands politische Zukunft. Sachsen-Anhalt, das mitteldeutsche Bundesland, wählt und erstmals könnte ein AfD-Kandidat einen ful - minanten Sieg erringen: Ulrich Siegmund, 38.

42 Prozent. Der AfD-Frontmann liegt in allen Umfragen meilenweit vor CDU-Ministerpräsident Schulz: 42 zu 25 Prozent. Er könnte somit der erste rechtspopulistische Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes werden, die Brandmauer gegen rechts wäre damit zerbröckelt, von der politischen Realität überholt.

Siegmund ist ein Strahlemann, Typ junger Jörg Haider. Immer lächelnd, stets freundlich, sportlich durchtrainiert, ein Läufer, gepflegt.

Er ist römisch-katholisch, 2017 ausgetreten, verheiratet und Vater eines Kindes. Früher war er bei der CDU, jetzt steht er ganz weit rechts der Mitte.

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Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" widmete ihm zuletzt sogar eine Cover-Story mit Fahndungsplakat-Ästhetik. "Der gefährlichste Mann Deutschlands" stand da auf dramatisch-schwarzem Hintergrund, darauf zu sehen im frontalen Passbild-Format Siegmund.

In der Titelstory heißt es: "AfD-Spitzenpolitiker Siegmund will sich an die Macht lächeln. Hinter ihm: ein rechtsextremes Netzwerk und Personal, das selbst der eigenen Parteispitze Angst macht."

Spiegel-Cover für Siegmund "Ritterschlag".

Siegmund sei ein "gefährlicher Verführer, der sich mit Männern umgebe, „deren politische Biografien tief in die neonazistische Szene reichen". So hat Siegmund beste Kontakte zu Österreichs Identitären-Chef Martin Sellner. Mehr an harter Kritik bietet die Titelstory nicht. Tatsächlich hat das Cover aber eine breite Debatte in der deutschen Medienbranche ausgelöst.

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Ex-"Welt"-Herausgeber Ulf Poschardt (Axel Springer) bezeichnete die Story als "journalistischen Offenbarungseid". Denn nichts in der Titelgeschichte deute an, dass Siegmund gefährlicher sei als andere Politiker aus AfD oder Linkspartei. Solche Zuspitzungen nützten eher der AfD, als dass sie ihr schadeten.

Und Alexander Marguier, Chefredakteuer des Magazins "Cicero", wertet das Cover als "erstklassige Wahlkampfunterstützung für die AfD".

"Wahlwerbung". Siegmund selbst sah das Cover als "Ritterschlag". Er kaufte Hunderte "Spiegel"-Exemplare, signierte sie vor laufender Kamera und verteilte sie an seine Anhänger. Er sagt: "Das muss man sich mal überlegen, also ein Terrorist ist nicht gefährlich, ein Straftäter ist nicht gefährlich, irgendwelche Attentäter sind nicht gefährlich, aber jemand, der sein Land liebt, der für eine bessere Zukunft kämpft und der die Demokratie wirklich zum Leben erwecken möchte, der ist der Gefährlichste bei uns in Deutschland …" Und: "Bessere Wahlwerbung kann man für uns gar nicht machen", sagt Siegmund.

Hype. Überhaupt erinnert der mediale Siegmund-Hype und der Kampf der Medien gegen ihn an die Zeit Jörg Haiders in Österreich. Auch Haider hat die ständige Skandalisierung seiner Person erst richtig groß gemacht.

Trotzdem bleibt eine Frage im Zusammenhang mit der Sachsen-Anhalt-Wahl: Was ist die AfD von heute? Eine Volkspartei? Autor Harald Martenstein beschreibt das in der "Welt am Sonntag" so: "Die Partei wächst so schnell, dass sie es selbst kaum fassen kann. Die Vorstellung, man könne sie noch durch Dämonisierung einhegen, ist realitätsfern."

Längst habe die AfD Wurzeln in allen Milieus geschlagen. Die harte Corona-Politik hat ihr jenes Publikum zugetrieben, das früher bei den Grünen war. Die Angst vor Islamisierung machte die Partei für Christen attraktiv. Und jede EU-Kritik treibt ihr konservative Wähler zu.

Fest steht jedenfalls, die Bandmauer, die mantra - artig hervorgeholt wird, wenn es um die AfD geht, sowie die Abwertung der Partei und deren Wähler, hat nichts gebracht. Das funktionierte bei Trump nicht, das wird auch bei der AfD nichts helfen.

Wahlen gewinnen werden in Zukunft nur jene, die offen auf Probleme reagieren, die real sind und von anderen entweder nicht gelöst oder verdrängt werden.