Premiere

Jelinek im Volkstheater "angekommen"

© APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER
Unter dem Titel "Die Ankunft" zieht Jan Philipp Gloger mit vier Texten von Elfriede Jelinek einen Bogen von der deutschen Romantik bis zur propagierten Remigration - Emmy Werner als Engel
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Wenn man nicht achtgibt und gegensteuert, lassen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bald nicht voneinander unterscheiden, lautet die verbindende Klammer. Konzept, Bühne, Kostüme und wohl auch ein Großteil der Inszenierung des Volkstheater-Direktors Jan Philipp Gloger stammen aus dem Oktober 2021, als er an dem damals von ihm geleiteten Schauspiel des Staatstheaters Nürnberg im Rahmen des bundesweiten Theaterprojekts "Kein Schlussstrich!" zur Aufarbeitung der Terrormorde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Deutschland eine Trilogie von Jelinek-Texten herausbrachte: "Wolken.Heim." zeigt die ideologischen Grundlagen und ästhetischen Verklärungen des Nationalismus, "Rechnitz (Der Würgeengel)" den Wahnsinn der völligen Entmenschlichung in den letzten Tagen der NS-Herrschaft und "Das schweigende Mädchen" eine gegenüber dem rechten Terror blinde Justiz.

"Die Ankunft" © APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER

Der anwesende Bürgermeister als Adressat

In Wien hat man einen weiteren Text hinzugesellt, der seinen Ursprung im Jahr 2000 hat, überarbeitet wurde und nun erstmals auf der Bühne zu sehen war: "Das Lebewohl - nein: die Ankunft" ist das Schlussstück dieser "vier Stücke zur rechten Zeit" und zeigt die Rechtspopulisten am Ziel: Sie feiern, drohen (etwa gegen die im Parkett sitzende Presse) und verhöhnen (etwa den in einer Loge sitzenden Wiener Bürgermeister, der zu hören bekommt: "Kein Arbeiter bewegt sich noch in dieser Arbeiterbewegung. Und wenn, dann hin zu uns."). Dem siebenköpfigen Ensemble genügt es, slick, smart und selbstbewusst aufzutreten, dass nicht viel Fantasie dazugehört, sich ganz ähnliche Szenen in der nicht allzufernen Realität vorzustellen.

"Die Ankunft" © APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER

Doch auch einen genialen Besetzungsschachzug machte Gloger, der Wien weit über Nürnberg hinaushebt: Als "Engel der Geschichte" hat er seine Vorvorvorvorgängerin Emmy Werner besetzt, die das Haus 1988-2005 leitete und nun mit 88 Jahren ihr Bühnencomeback gab. Sie irrlichtert von Anfang an mit großen, schwarzen Papierflügeln durch die befremdlichen Vorgänge, kommentiert sie, schüttelt den Kopf und merkt am Ende an, man müsse sich mit den Ausgrenzern und Hetzern, die an eine vermeintlich große Geschichte anknüpfen wollen, die in Wahrheit nur Verlierer hervorgebracht hat, nicht zusammensetzen, sondern auseinandersetzen.

Totenstille im Saal, Relaxen im RUHE-Raum

Zusammengesetzt wie die Stockwerke eines Puppenhauses wurden kurz zuvor jene Bühnenteile, in denen sich die einzelnen Kapitel des Abends entfaltet haben. "Wolken.Heim." spielt auf und vor einem Ziegeldach, aus dessen rauchenden Schornstein Gestalten wie die Loreley oder Wotan ihre Requisiten holen und den aufsässigen Engel hineinstopfen. Die Schärfe der Montage aus Heidegger-, Hegel-, Kleist- und Hölderlin-Zitaten bleibt in dieser stark gekürzten Comic-Version des Stückes auf der Strecke.

"Die Ankunft" © APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER

Ungleich böser (auch dank Katharina Kurschat als (aus)plaudernde Kellnerin) entwickelt sich "Rechnitz" zunächst als Tanz auf dem Vulkan, der mit der Erschießung ungarischer Juden als Mitternachtseinlage explodiert. Während Andrej Agranovski für die 180 Opfer 180 Mal mit einer Schaufel auf den Bühnenboden schlägt, herrscht Totenstille im Saal. Die Schlossherrin flüchtet nach dem Massaker in die Schweiz, wo sich das gesamte Ensemble in Bademänteln oder Masseursarbeitskleidung buchstäblich zur Ruhe setzt: Der mit Ambient-Musik bespielte weiße Ruheraum hat die Buchstaben R, U, H und E als Mobiliar und wird später als Keller des Hauses dienen.

"Die Ankunft" © APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER

Slapstick und Musical

Am schwächsten, weil mit der Nacherzählung der NSU-Morde, ihrer schleppenden Aufklärung und der Groteske ihres ausufernden Prozesses ein in Österreich nicht allzu breit diskutiertes Thema behandelnd, wirkt nach der Pause "Das schweigende Mädchen", in dem Gloger die verunglückte Spurensicherung als Slapstickszene und die richterliche Rechtfertigung als Musicaleinlage aufbereitet. Die von Beate Zschäpe angezündete, aber nicht vollständig ausgebrannte Wohnung wird dem deutschen Haus als zentraler Aufenthaltsort dienen. Der Brandgeruch wird allerdings niemals wieder vollständig beseitigt werden können.

"Die Ankunft" © APA/VOLKSTHEATER/ANTONIA MAYER

Gezündelt wird wieder, das ist keine Neuigkeit. Dass es aber vieler entschlossener Feuerlöscher bedarf, um einen neuen Flächenbrand zu verhindern, ist die unmissverständliche Botschaft dieses Abends. Langer, herzlicher Applaus.