Kult-Motorräder

KTM-Boss: Mit Vollgas aus der Krise

© KTM
KTM-CEO Gottfried Neumeister spricht im oe24-Interview über die Fertigungstiefe in Österreich und das neue Werk in Brasilien. Entwicklung, Motorsport-Zentrale und die derzeitigen Arbeitsplätze sollen in Österreich bleiben.
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KTM fertigt die leistungsfähigsten Motorräder der Welt in Österreich, hat nach eigenen Angaben "den finanziellen Turnaround" geschafft und schreibt seit dem 2. Quartal 2026 wieder Gewinne.

Dem vorhergegangen ist eine schmerzhafte Sanierung nach der Milliarden-Pleite Ende 2024. Die Schulden betrugen damals rund 2,2 Milliarden Euro. Der indische Bajaj-Konzern rettete die legendäre Firma mit rund 800 Millionen Euro, hat seitdem das Sagen. Stefan Pierer verließ KTM, Industrie-Profi Gottfried Neumeister übernahm alleine. Im oe24-Interview spricht er über neue Werke, neue Maschinen und seine Arbeit als CEO.

oe24: Herr Neumeister, Sie führen KTM seit 2025 als CEO. Wie starten Sie Ihre Arbeitswoche?

KTM-Vorstandsvorsitzender Gottfried Neumeister: Die Woche beginnt um 5:30 Uhr. Ich fahre von Wien nach Mattighofen, ab 7 Uhr gehen die ersten Telefonate los. Der Großteil meiner Fahrt ist schon Arbeit. Wobei ich diese erste Stunde Ruhe genieße, wo man sich sortieren und vorbereiten kann auf die Arbeitswoche.

oe24: Wie steht es um KTM? Die Belegschaft wurde seit 2024 von etwa 6.000 auf rund 3.000 Mitarbeiter reduziert. Wie geht es weiter?

Neumeister: Im Moment wachsen wir wieder. Die Stimmung ist eine deutlich positivere, wobei ich immer vorsichtig und demütig bleibe. Wir müssen die Transformation, die wir begonnen haben, nun nachhaltig unter Beweis stellen.

oe24: Arbeitet KTM wieder profitabel? 

Neumeister: Heuer haben wir im ersten Halbjahr schon eine Wende geschafft mit einem positiven EBITDA. Im zweiten Quartal konnten wir dann ein positives EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) zeigen - das war eine wirklich substanzielle Verbesserung. Also wir haben uns um 166 Millionen Euro verbessert im Vergleich zum Vorjahresquartal.

oe24: Sie erwirtschaften wieder Gewinne, haben den Turnaround geschafft. Wie schaut es eigentlich aus mit den indischen Eigentümern? Wie viel von KTM bleibt jetzt in Österreich und was wird vielleicht von der Produktion noch nach Asien verlagert werden?

Neumeister: Es gibt keinen Plan, etwas von unserer Produktion nach Asien zu verlagern. Wir produzieren ja alle Offroad-Modelle hier in Österreich. Auch die sogenannten Big Bikes, das heißt jene Motorräder ab 1000 Kubikzentimeter, bauen wir hier. Auch die Motorenfertigung der 990er-Reihe läuft in Munderfing (OÖ).

Aber die Ausrichtung auf internationale Wachstumsmärkte ist für uns sehr wohl relevant. Wir haben KTM wieder auf die Beine gestellt und jetzt geht es darum, die nächsten Schritte zu setzen. Und da gibt es gerade sehr erfreuliche Neuigkeiten: Vor weniger als einem Jahr haben wir den Startschuss für unser neues Werk in Brasilien gegeben. Am Mittwoch haben wir es offiziell eröffnet. Was hier von unserem Team geschaffen wurde, man muss sich vorstellen noch mitten in der Sanierungsphase, darauf bin ich persönlich sehr stolz!

Wir haben bisher rund 3 Millionen Euro in den Standort investiert. Das Werk ist im Einschichtbetrieb auf rund 10.000 Motorräder pro Jahr ausgelegt und bietet uns die Möglichkeit, mit diesem spannenden Markt in Brasilien weiter zu wachsen.

Das heißt umgekehrt für Österreich, für all jene Modelle, die wir heute hier produzieren, gibt es keine Pläne, die zu verlagern. Im Gegenteil, wir versuchen, unsere Auslastung in Österreich weiter zu verbessern. Seit September arbeiten wir in einer zweiten Schicht.

KTM 390 ADVENTURE laufen in Manaus in Brasilien vom Band. © KTM

Neumeister hat das Unternehmen in seiner tiefsten Krise seit zwei Jahrzehnten übernommen. Er startete als Co-CEO des langjährigen Chefs und Eigentümers Stefan Pierer im Herbst 2024.

Die Verkaufszahlen der Motorräder waren auch im Insolvenzjahr 2024 gut, die Gruppe verkaufte fast 290.000 Bikes. Im Jahr davor sogar 381.555 Motorräder. Aber gleichzeitig versenkte man mit der Fahrrad-Division rund 400 Millionen Euro, die Übernahme von MV Agusta kostete rund 200 Millionen.

Man baute einen Lagerbestand von mehr als einer Viertelmillion Motorräder auf. "Es waren eigene Fehler, keine externe Krise", sagt Neumeister im Interview. Die Bikes haben sich immer gut verkauft, nur wurden teils zu viele produziert und in zu vielen verschiedenen Varianten. Es brauche Fokus.

“Natürlich sind wir in einem sehr schwierigen Umfeld. Nicht nur in Europa, sondern auch global. Der Krieg im Nahen Osten hat plötzlich die Lieferketten von einer Nacht auf die andere verlängert und plötzlich kommen 6 Wochen keine Teile.”

KTM-CEO Gottfried Neumeister

oe24: Sie suchen bereits neue Mitarbeiter? Anfang des Jahres mussten noch einmal 500 - vor allem in der mittleren Führungsebene - gehen.

Neumeister: Ja, wir haben derzeit einige Stellen ausgeschrieben. Auch haben wir in der Krise nie aufgehört, Lehrlinge auszubilden. Anfang des Jahres gab es noch einen Einschnitt, um den Turnaround zu schaffen. Wir arbeiten jetzt daran, dass wir uns wieder steigern können. Das ist durchaus herausfordernd, weil viele Zulieferbetriebe gar nicht damit gerechnet haben, dass wir uns so schnell wieder erholen.

Wir sind in einer Welt, wo viele Automobilhersteller eigentlich die Menge zurückfahren und hier viele Zulieferbetriebe darunter leiden, manche sind da leider Gottes auch in Insolvenzen geschlittert und andere erkennen plötzlich, dass auch Defence ein tolles Geschäftsmodell wäre, es dort wenig Preissensibilität gibt und satteln um.

Ich habe immer gesagt, erst wenn wir profitabel sind, dann können wir wieder darüber nachdenken, zu wachsen und Dinge zu vergrößern. Für 2027 überlege ich schon, wie wir unsere Lieferketten sichern.

oe24: Wie schaut es denn mit den Zulieferern aus? Sie haben die großen Bikes angesprochen, wo der große V-Motor für die Flaggschiffe, der Big Block LC8 in Mattighofen endgefertigt wird. Wie viele der Komponenten sind von diesem großen V-Motor eigentlich aus Österreich und was kommt schon aus Asien?

Neumeister: Ein geringer Teil kommt aus Asien. Prozentuell um die 70% aller Teile, die wir heute in Österreich verbauen, kommen aus Österreich und Europa. Wir haben wirklich ganz tolle Zulieferbetriebe in Österreich, die über Jahrzehnte KTM zur Seite gestanden sind - auch in der Insolvenz.

Und das sind unfassbare Unternehmerpersönlichkeiten, die gesagt haben: "Herr Neumeister, das ist einfach Unternehmertum. Ich habe viele Jahre sehr gut mit KTM verdient, jetzt ist es halt einmal ein schlechteres Jahr".

Sie sind trotz allem wirklich zu uns gestanden und stehen weiterhin zu uns, obwohl viele von ihnen auch sehr viel Geld verloren haben. Das habe ich immer bedauert, das waren Versprechen, die leider vor meinem Einstieg gegeben worden sind, aber ich habe trotzdem mitgefühlt. Denn ich wusste genau, dass unser Überleben für viele auch bedeutet hat, dass sie tiefe Abstriche machen mussten. Und das ist genau das, worum es geht: Diese Beziehungen zu pflegen, diese Partnerschaften aufrechtzuerhalten und hier zusammenzuhalten. Ich glaube, das kann in Österreich und auch in Europa nur auf diesem Weg funktionieren.

KTM ist im Motorsport Kult. Neumeister will mit der Marke weiterhin in MotoGP, Rallye Dakar und Co präsent sein. © KTM

oe24: Lohnt sich die Fertigung in Europa noch oder ist sie zu teuer?

Neumeister: Zum Thema Fertigungskosten: Die Anteile der Lohnkosten am gesamten Motorrad sind relativ gering. Die Assemblierungskosten in Österreich, nämlich das wirklich hier zusammenstellen, das sind nur 8%. Wenn ich woanders günstiger fertige, aber im selben Atemzug 25% Zoll drauf geknallt bekomme, dann nützt mir diese Einsparungsmöglichkeit gar nichts.

Die Zölle haben uns gezeigt - wobei ich an den freien Markt glaube -, wie schnell sich hier global Dinge verschieben können. Man ist plötzlich einer ganz neuen Situation ausgesetzt, mit 25 oder sogar 50% Zoll. Und da hat es plötzlich nicht nur Sinn, sondern ist auch deutlich günstiger, wenn man hier lokal produziert. Es ist wichtig, vor Ort ein Netzwerk zu haben.

“Wir bei KTM haben das Beste aus beiden Welten. Wir haben einen Standort in Österreich mit 400 Ingenieuren, die wirklich zu den besten Entwicklern der Welt gehören, wir zeigen tagtäglich, dass unsere Produkte Maßstäbe setzen können. Wirkliche Benchmarks für alle, und zwar in allen Motorsportklassen! Und wir haben mit Bajaj einen starken Partner in Indien, der auch wieder Synergien in der Supply Chain ermöglicht.”

KTM-CEO Neumeister

oe24: Welche Rolle spielt der Motorsport für KTM nach der Krise?

Neumeister: Wir konnten gerade erfreulicherweise in Spielberg gewinnen! Auch Offroad konnten wir schon einige Weltmeistertitel dieses Jahr einfahren. Wir haben auch die Dakar Rallye gewonnen. Diese härteste Rallye der Welt hat KTM in den letzten 25 Jahren von 2001 bis 2026 volle 21 Mal gewonnen!

Das sind keine Glückstreffer, sondern das ist wirklich über Jahrzehnte jetzt schon der Beweis, dass wir die besten, robustesten und leistungsstärksten Motorräder der Welt bauen. Und ich finde, darauf kann man auch stolz sein. Das ist der Ready-to-Race-Spirit. Wir haben viele coole und tolle Marken in Österreich, aber von den Consumer Brands, die man in der ganzen Welt kennt, gibt es nicht allzu viele. KTM zählt definitiv dazu.

Die Leute kennen unsere Motorräder von Buenos Aires bis nach Bangkok und man freut sich immer, wenn ein Orange irgendwo aus dem Straßenverkehr rausblitzt und man erkennt, ach, da ist gerade eine KTM an einem vorbeigefahren.

Deswegen freue ich mich, dass es uns wieder besser geht.

KTM-Boss Neumeister feiert den heurigen Rennsieg im österreichischen Spielberg. © KTM

Lieferketten-Probleme stören in der Produktion

oe24: Wo drückt der Schuh derzeit am meisten?

Neumeister: Natürlich sind wir in einem sehr schwierigen Umfeld. Nicht nur in Europa, sondern auch global. Der Krieg im Nahen Osten hat plötzlich die Lieferketten von einer Nacht auf die andere verlängert und plötzlich kommen 6 Wochen keine Teile. Da produzieren wir eine Adventure und plötzlich werden gewisse Teile nicht geliefert, weil sie 6 Wochen länger am Schiff sind.

oe24: Was machen Sie dann, wenn das benötigte Teil nicht kommt?

Neumeister: Das ist wie Hütchen spielen. Man muss improvisieren, man muss schauen, gibt es andere Modelle, die man in der Zwischenzeit aufbauen kann? Wenn zum Beispiel ein Blinker fehlen würde, so baut man das Motorrad fertig auf und montiert die Blinker später nach. Weil man die Kapazität nicht verlieren möchte.

“Jeden Tag müssen wir die Lieferketten aktiv managen. Das ist nach dieser finanziellen Restrukturierung jetzt sicher unser Hauptaugenmerk.”

KTM-CEO Neumeister

KTM Super Duke 1390 - rund 24.000 Euro. 190 PS, 145 Newtonmeter Drehmoment und 200 Kilo. © KTM

KTM hat mit rund 400 Ingenieuren und hunderten Profis in der Fertigung ganz viel Knowhow in Österreich und will dem Motorsport treu bleiben.

Weiterhin werden in Munderfing und Mattighofen alle Offroader, wie auch die großen Flaggschiffe produziert.

Auch an den drei Marken Husqvarna, GasGas und KTM hält man fest.

Manche der KTM-Maschinen entfalten auf der Straße eine angsteinflößende Leistung…

oe24: Die Super Duke 1390 hat eine enorme Leistungsentfaltung im oberen Drehzahlbereich wegen der verstellbaren Nockenwelle. Manche sagen, das ist fast unverantwortlich, dass das jeder sofort fahren darf, der mit 24 Jahren den A-Schein hat, da hat der Gesetzgeber vielleicht geschlafen. Wie sehen Sie Ihre Verantwortung als Unternehmen da?

Neumeister: Die 1390 Super Duke würde ich keinem Führerscheinneuling empfehlen. Das ist unser leistungsstärkstes und performantestes Motorrad. Ich würde mich von der 390 über die 790 und 990 Duke hinaufarbeiten. Mit dem Stufenführerschein A1 und A2 sind wir in Österreich international vorbildlich aufgestellt. Das lässt jemanden langsam hineinwachsen.

KTM Super Duke 1390. © KTM

oe24: Die 790 Duke wird ja bei CF Moto in China produziert. Wie überzeugen Sie preisbewusste Kunden davon, nicht gleich eine günstigere CF Moto 800 NK mit dem gleichen LC8c-Motor und mehr Serienausstattung zu kaufen?

Neumeister: Das kann man so nicht vergleichen. Wir haben ein Joint Venture in China für unsere 790er, das ist aber nur ein Bruchteil unseres Gesamtmodellportfolios, unter 10 Prozent. Nur weil sie dort gefertigt werden, heißt das nicht, dass dieselbe Technologie verbaut ist. Wir sind wesentlich leichter, sind noch performanter. Wir verwenden ganz andere Komponenten, verkaufen auch zu anderen Preispunkten. Die Anbauteile sind hochwertiger, das Steuergerät eigens programmiert.

High-Tech im KTM-Motorrad

Das ECU-Mapping (oft einfach "Mapping" genannt) ist das digitale Gehirn und die Steuerungssoftware eines Motors. KTM hat dafür eigene High-Tech-Software, die andere Hersteller nicht erreichen.

ECU steht für Engine Control Unit (Motorsteuergerät). Das Mapping ist im Grunde ein digitaler Datensatz, der festlegt, wie der Motor in jeder Millisekunde und in jeder Fahrsituation reagieren soll. Das Mapping regelt über Sensoren im Millisekundentakt die wichtigsten Kernfunktionen:

  • Einspritzmenge: Wie viel Benzin wird in den Zylinder gespritzt?
  • Zündzeitpunkt: Wann genau springt der Funke der Zündkerze über, um das Gemisch zu zünden?
  • Ride-by-Wire (E-Gas): Wie aggressiv öffnen sich die Drosselklappen, wenn man den Gasgriff um 10 % dreht?
“Die Forschung und Entwicklung bleibt auf jeden Fall in Österreich.”

KTM-Boss Neumeister

CEO Neumeister erklärt, wie viel High-Tech in einem Oberklasse-Motorrad von KTM schon heute steckt:

  • ARAS (radarbasierte Fahrerassistenzsysteme):
    Moderne Premium-Motorräder haben vorne kleine Radarsensoren verbaut. Damit hält das Motorrad auf der Autobahn automatisch den Abstand zum Vordermann (Adaptiver Tempomat/ACC) und warnt vor drohenden Auffahrunfällen. KTM war hier (z.B. bei der 1290 Super Adventure) tatsächlich einer der weltweiten Pioniere.
  • Kurven-ABS:
    Ein normales ABS ist nur darauf ausgelegt, das Blockieren der Räder beim Geradeausbremsen zu verhindern. Wenn man sich in der Kurve (Schräglage) befindet und eine Vollbremsung macht, kann ein normales Motorrad wegrutschen. Das Kurven-ABS misst über Sensoren permanent die Schräglage und dosiert den Bremsdruck in der Kurve so perfekt, dass das Motorrad stabil bleibt und man nicht stürzt.
  • Spezialausstattung:
    Der CEO meint damit die vielen elektronischen Bauteile, Assistenzsysteme und Gadgets (wie Tempomat, Fahrmodi, elektronisches Fahrwerk, Connectivity-Systeme), die heute in Straßenmotorrädern stecken.
  • Over-The-Air Updates:
    Das bedeutet, dass das Motorrad über eine eingebaute SIM-Karte oder über WLAN eine Internetverbindung hat. Software-Updates, neue Funktionen oder Fehlerkorrekturen werden drahtlos über das Internet auf das Motorrad gespielt – wie bei einem Smartphone oder Tesla.

oe24: Wie steht es um die Weiterentwicklung der Technologie?

Neumeister: Die Forschung und Entwicklung bleibt auf jeden Fall in Österreich. Wir haben natürlich jetzt ein begrenzteres Budget. Sie müssen sich vorstellen, wir sind in der Spitze auf 250 Millionen Euro Entwicklungsbudget gekommen, damit waren wir unter den Top 500 der Welt, da zählen Pharmazie- und Erdöl-Unternehmen dazu. Aber wir werden immer noch ein Top-Niveau halten können – dafür steht KTM ja auch.

oe24: Wann kommt das selbstfahrende Motorrad?

Neumeister: Das wird noch einige Zeit dauern (lacht). Aber auf der internationalen Motorradmesse EICMA am 3. November in Mailand stellen wir unsere neuen Modelle vor – darauf freue ich mich!