"Pädokrimineller Straftäter und Sektenguru", "Verantwortung statt Wertsteigerung" oder "WAM = Tätermuseum": Das stand auf Transparenten, die Demonstrierende der Gruppe "Mathilda" am Dienstag vor dem Wiener Aktionismus Museum (WAM) in der Wiener Innenstadt in die Höhe hielten. Der Grund: die neue Retrospektive "Otto Muehl: Kunst am Abgrund". Der Begründer der Kommune am Friedrichshof wurde wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger 1991 zu sieben Jahren Haft verurteilt.
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Im Museum lud Direktor Klaus Albrecht Schröder Journalistinnen und Journalisten zur Pressevorführung der schon im Vorfeld auch wegen des Untertitels medial umstrittenen Ausstellung Muehls (1925-2013). Kurz davor hat sich eine Reihe an prominenten Personen aus der Kultur- und Universitätsbranche mit einem Schreiben mit der Protestaktion von "Mathilda" solidarisiert. Diese Gruppe aus Künstlerinnen, Wissenschaftern und Betroffenen, die einst in der Muehl-Kommune am Friedrichshof sexualisierte Gewalt und psychischen Missbrauch erlebt haben, kämpft seitdem für ihre Rechte und die "Entkunstung der Kunst" und Entmystifizierung Muehls.
"Verantwortung des Kunstbetriebs"
"Mühl hat Kunst und Künstlerstatus in sein autoritäres System von Macht, Kontrolle, Abhängigkeit sowie massivem psychischem und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen eingebunden", heißt es im Schreiben. Es gehe, so weiter, "um die Verantwortung des gesamten österreichischen Kunstbetriebs", der Muehl über Jahrzehnte kanonisiert, ausgestellt, gesammelt und finanziell verwertet habe.
Im Gegenzug stehe eine "materielle Entschädigung" für die Betroffenen bis dato aus. "Wenn Täter:innen als künstlerische Avantgarde verehrt und ihre Gewalt relativiert wird, werden patriarchale und missbräuchliche Machtverhältnisse weiterhin legitimiert und fortgeschrieben", betont das Protestschreiben. Die Unterzeichnenden fordern daher ein "Ende dieser Verwertung" als "Teil einer umfassenderen, notwendigen Auseinandersetzung."
"Wir sind ein Kunstmuseum"
150 Gemälde, Objekte, Druckgrafiken und zwei Filme sind ab 10. September in der WAM-Retrospektive zu sehen, die in sechs Kapiteln Muehls künstlerische Entwicklung von den frühen 1960er-Jahren bis zur Verhaftung und Verurteilung 1990 zeigt.
Schröder verteidigte, dass die Ausstellung seines Werkes weder "die Bedeutung seiner Kunst durch seine Verbrechen zum Verschwinden bringen, noch die Verbrechen durch die Bedeutung seiner Kunst relativieren". Er betonte: "Wir sind ein Kunstmuseum und stellen die Kunst von Otto Muehl aus." Nicht, so der Direktor, als "Illustration seiner Biografie" oder als "Beweismittel seiner Straftaten". Im Pressetext wird betont, dass in der Schau "keine Werke gezeigt werden, auf denen Missbrauchsopfer zu sehen sind." Nach seiner Haft lebte Muehl in ähnlichen missbräuchlichen Strukturen weiter.
Fragen zu fehlender Kontextualisierung musste sich der frühere Albertina-Direktor aber gefallen lassen, verteidigte jedoch die "Autonomie der Kunst." Muehl selbst betrachtete die von ihm gegründete Kommune stets als Gesamtkunstwerk, was eine Trennung zwischen Künstler, Werk und Taten zudem erschwert.
"Mensch als Material"
Es sei ihm, so Schröder in Zeiten von Zensur, um die kunsthistorische Bedeutung gegangen. Die Geschichte der Kommune werde nicht verschwiegen. In den ausgestellten Begleittexten ist u.a. zu lesen: "Muehl zeigt den Menschen als Material, wie der Krieg Menschen zum Material macht: ein Wesen ohne Identität." Ein paar Absätze später ist vermerkt: "in den Aktionen steigert Muehl sukzessive diese Vorstellung vom Menschen zu einem Exzess aus Sexualität, Gewalt und Obszönität." Nachsatz: "Für seinen eigenen späteren Machtmissbrauch entwickelt der Gründer der Kommune kein Sensorium, kein Schuldbewusstsein."
Wie mit der Kunst des Sektenführers umgehen? Diese Frage beschäftigt Museen, die Forschung, den Kunstmarkt und vor allem Betroffene, die auch mit steter Re-Traumatisierung konfrontiert sind. Das WAM forciert die These der Trennung von Künstler und Werk. Fakt ist, dass der Ankauf der Sammlung Friedrichshof eine Millioneninvestition war. Sie legitimiere, so "Der Standard", die Verwertung für die Investorengruppe rund um Philipp Konzett.
Schröder betonte beim Pressegespräch, dass es um mehr als 10.000 Werke von Muehl nach 1980 ginge, die nicht zum unveräußerlichen Kernbestand des WAM gehören. Die Preise für Muehl seien aber, so der Direktor, ohnehin "im Keller". Mitglieder der Gruppe "Mathilda" und andere fordern seit langem eine Entschädigung. Laut "Presse" will die Genossenschaft Teile des Erlöses der Sammlung an Kinder zahlen, die zwischen 1972 und 1990 in der Kommune in Burgenland lebten. Die Details sind noch nicht klar, laut "Kurier" soll es um einen Betrag von 2,5 Millionen Euro für 160 Personen gehen. (APA)