Bildungssystem

OECD-Direktor sieht große Lücken bei Sprachförderung

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Österreich gibt im Bildungsbereich vergleichsweise viel Geld aus, bei wichtigen Kompetenzen zeigt die Entwicklung dennoch nach unten. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht vor allem bei Lesen, Sprachförderung und dem Umgang mit digitalen Medien Handlungsbedarf.
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Im ZiB2-Interview mit Marie-Claire Zimmermann verwies Schleicher darauf, dass sich die Leistungen österreichischer Schüler in Mathematik und beim Lesen gegenüber früheren Jahren verschlechtert hätten. In den Naturwissenschaften habe es hingegen leichte Verbesserungen gegeben. Bei den Bildungsausgaben liege Österreich weiterhin im guten Mittelfeld.

Digitale Welt verändert das Lesen

Besonders deutlich sei die Entwicklung bei der Lesekompetenz. Österreichischen Jugendlichen falle es heute schwerer, komplexe Aufgaben zu bewältigen sowie Texte zu bewerten und zu reflektieren. "Die Schüler lesen schneller, aber weniger akkurat", erklärte Schleicher.

Einen Grund sieht er im Umgang mit digitalen Medien. Die digitale Welt liefere häufig fertige Antworten, während die sorgfältige Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven seltener werde. Besonders kritisch beurteilt Schleicher die Nutzung eigener Smartphones im Unterricht. Diese hänge "sehr stark negativ mit der Leistungsentwicklung zusammen".

Digitale Medien grundsätzlich aus den Schulen zu verbannen, hält er aber nicht für den richtigen Weg. Entscheidend sei deren gezielter Einsatz. "Wenn wir einfach den Schülern digitale Instrumente vorsetzen ohne wirklich klares pädagogisches Konzept, dann hat das oft eben auch negative Folgen", so der OECD-Bildungsdirektor.

Sprachprobleme belasten weiteren Bildungsweg

Großen Nachholbedarf ortet Schleicher bei Kindern mit Migrationshintergrund. Die Leistungsschere zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund sei in Österreich besonders groß, auch wenn soziale Faktoren berücksichtigt würden. Entscheidend sei deshalb eine möglichst frühe Förderung. Bei Drei- und Vierjährigen habe Österreich aufgeholt, bei Kindern unter drei Jahren liege das Land allerdings weiterhin zurück. Gerade in diesem Alter würden wesentliche sprachliche Grundlagen gelegt.

"Wenn wir im Grunde nicht sicherstellen, dass alle jungen Menschen mit einem guten Sprachniveau in die Schule kommen, dann wird es für die später sehr schwer", erklärte Schleicher. Als positives Beispiel nannte er Großbritannien. Dort gebe es in Kindergärten speziell ausgebildete Fachkräfte, während Schüler mit Sprachdefiziten auch in den ersten Schuljahren gezielt unterstützt würden. Für Schleicher ist die Sprache die entscheidende Grundlage für den weiteren Bildungsweg. "Die Sprachkenntnisse, das sind die Mutter aller Kompetenzen, und da muss man wirklich die Grundlagen legen."

Frühe Förderung statt Wiederholen der Klasse

Kritisch sieht Schleicher auch die Entwicklung bei Klassenwiederholungen. Während deren Zahl im OECD-Vergleich zurückgeht, steigt sie in Österreich. Für den Bildungsdirektor ist Sitzenbleiben häufig nicht die richtige Antwort auf Leistungsprobleme. Stattdessen sollten Defizite früher erkannt und Schüler individuell unterstützt werden. Das sei günstiger und erfolgreicher, als Kinder den gleichen Stoff nochmals absolvieren zu lassen. Länder mit gezielter individueller Förderung würden im internationalen Vergleich bessere Ergebnisse erzielen.

OECD-Direktor für sechsjährige Volksschule

Unterstützung kommt von Schleicher auch für Überlegungen zu einer sechsjährigen Volksschule. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) will ein entsprechendes Modell im Rahmen eines Schulversuchs erproben. "Längeres gemeinsames Lernen hat sich in der Regel bewährt", sagte Schleicher. Besonders Kinder aus einem schwierigeren sozialen Umfeld könnten davon profitieren. Österreich gehöre international zu den wenigen Ländern, die Schüler noch vergleichsweise früh auf unterschiedliche Schulformen aufteilen.

Statt die Erwartungen an Kinder zu senken, müsse das Bildungssystem aus Sicht des OECD-Direktors stärker unterstützen. Schüler aus allen sozialen Schichten sollten die Möglichkeit haben, hohe Leistungen zu erreichen. Auch beim Lehrkräftemangel sieht Schleicher soziale Unterschiede. Laut OECD sind zwar insgesamt vergleichsweise wenige Stellen unbesetzt, Schulen in benachteiligten Gegenden berichten jedoch deutlich häufiger über fehlendes Personal. Entscheidend sei deshalb nicht nur, wie viele Lehrkräfte vorhanden seien, sondern auch, an welchen Schulen sie eingesetzt werden.