Equal Pension Day
Pensionslücke: Österreich ist "Vize-Europameister"
AK-Präsidentin Renate Anderl forderte u.a. den Ausbau der Kinderbetreuung und ein Bonus-Malus-System für die Älterenbeschäftigung. Auch Caritas, ÖGB und Pensionistenverband sehen Handlungsbedarf. Kritik an der Regierung äußerte die Opposition.
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Die durchschnittliche Frauenpension liegt derzeit bei 1.614 Euro pro Monat, Männer erhalten im Schnitt 2.664 Euro. Dass Frauen weniger Pension erhalten als Männer sei "das Ergebnis struktureller Ungleichheit. Sie verdienen im Erwerbsleben weniger, sie übernehmen deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit, sie arbeiten häufiger in Teilzeit und sie haben öfter unterbrochene Erwerbskarrieren", so Anderl. Statt jährlicher Betroffenheit am Equal Pension Day brauche es "endlich Taten in Form von existenzsichernden und alternsgerechten Arbeitsbedingungen, gesetzlichen Verbesserungen und flächendeckender Kinderbetreuung."
Österreich "Vize-Europameister"
Frauen erhalten in Österreich im Durchschnitt um fast 40 Prozent (39,4 Prozent) weniger Pension als Männer. Das belegt auch der internationale Vergleich: Laut dem jüngsten OECD-Bericht bildet Österreich im deutschsprachigen Raum das Schlusslicht bei der Gleichstellung im Alter und liegt bei der Pensionslücke weit über dem OECD-Schnitt. Auch die Eurostat-Zahlen bestätigen diese Tendenz: Österreich weist im EU-Vergleich nach Malta die zweithöchste Pensionslücke nach Geschlechtern auf.
Einer der Gründe dafür ist, dass Frauen nach wie vor mehr Zeit in Karenz verbringen als Männer. Deshalb fordert die Arbeiterkammer auch eine bessere Anrechnung von Kindererziehungszeiten und ein "faires Stufenmodell mit acht statt vier Jahren Gutschrift auf dem Pensionskonto", so Anderl. Verschärft wird das Problem durch Teilzeitarbeit. Viele Frauen müssen ihre Arbeitszeit deshalb reduzieren, weil Kinderbetreuung, Pflege und Haushalt überwiegend auf ihren Schultern lasten. "Dass Frauen weniger verdienen liegt nicht an den Frauen und das ist auch bestimmt keine Lifestyle-Teilzeit." Das rächt sich dann im Alter: Aktuell sind 28 Prozent der alleinstehenden Pensionistinnen armutsgefährdet, während es bei den Männern lediglich 14 Prozent sind.
Gegen höheres Pensionsalter
In der aktuellen Debatte um ein höheres Pensionsalter ist Anderl klar gegen die Forderung von Seniorenbund-Chefin Ingrid Korosec und dem Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle (beide ÖVP), den Pensionsantritt nicht vom Alter, sondern den geleisteten Jahren abhängig zu machen. Seit Jänner 2024 wird das gesetzliche Frauenpensionsalter schrittweise auf 65 Jahre angehoben, das Ergebnis sei jedoch "ernüchternd". Anstatt länger im Betrieb gehalten zu werden, steigt auch die Arbeitslosigkeit älterer Frauen an. "Dass die Menschen länger arbeiten, wenn man das Pensionsalter anhebt, ist ein Märchen", meinte Anderl.
Aktuelle Daten würden zeigen, dass die Arbeitslosenquote bei Frauen zwischen 60 und 64 Jahren mittlerweile bei 7,2 Prozent liegt (2025). Ein immer späterer Pensionsantritt führe also nicht automatisch zu längerer Beschäftigung, sondern für viele direkt in die Arbeitslosigkeit. Anstatt über ein höheres Pensionsantrittsalter zu diskutieren, müssten die Arbeitsbedingungen für ältere Menschen verbessert werden. Auch ÖGB-Chef Wolfgang Katzian ist gegen eine Anhebung: "Wer jetzt darüber fantasiert, das gesetzliche Antrittsalter auf 67, 68 oder 70 anzuheben, muss auch verantworten, dass diese Frauen damit noch länger arbeitslos wären."
Um die Altersdiskriminierung zu bekämpfen, fordert die AK ein Bonus-Malus-System. Demnach soll jeder Betrieb ab 20 Beschäftigten jährlich darüber informiert werden, wie viele Ältere er im Vergleich zum eigenen Branchenschnitt beschäftigt. Unterschreitet ein Unternehmen diese Zielvorgaben systematisch - etwa indem Frauen vor der Pension "aussortiert" werden - soll es finanziell zur Kasse gebeten werden. Betriebe, die hingegen ihre Branchenziele erreichen und Älteren einen sicheren Arbeitsplatz bieten, sollen belohnt werden.
Opposition mit scharfer Kritik
Anderls Forderungen bekamen am Mittwoch Zuspruch von einigen weiteren Organisationen. Neben dem ÖGB und SPÖ-nahen Pensionistenverband forderte auch Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler, "bei den Ursachen anzusetzen". Kritisch sieht sie die Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung: Diese treffen laut ihr vor allem Frauen mit niedrigem Einkommen.
Kritik an der Bundesregierung kam naturgemäß auch aus der Opposition. "Die Regierung verschleppt eine der wichtigsten Gleichstellungsmaßnahmen der vergangenen Jahre (EU-Lohntransparenzrichtlinie, Anm.). Solange Frauen nicht wissen, ob sie für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden, bleibt Lohndiskriminierung oft im Verborgenen", monierte die grüne Frauensprecherin Meri Disoski in einer Aussendung. Sie fordert daher einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem ersten Geburtstag sowie den flächendeckenden Ausbau von Betreuungsangeboten. Insbesondere von der "Frauenpartei" SPÖ komme ihr zu wenig.
Von einem "Schlag ins Gesicht, für jeden, der dieses Land mit seiner Hände Arbeit aufgebaut hat" sprach indes FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belaktowitsch hinsichtlich Mattles Vorschlag. "Eine Pflegerin, eine Kellnerin, ein Facharbeiter oder ein Bauarbeiter kann nach 45 Jahren Knochenarbeit einfach nicht mehr. Ihnen und all jenen, die Brüche im Erwerbsleben haben, mit noch mehr Arbeitsjahren zu drohen, ist eine beispiellose Arroganz und Missachtung der Lebensleistung von Millionen Österreichern."