Landwirtschaft
Trockenheit bringt Österreichs Tierhaltung an ihre Grenzen
Österreich erlebt eine historische Dürre. Für die Landwirtschaft bedeutet das massive Ernteausfälle. Besonders betroffen sind Wiesenflächen. In manchen Regionen werden bis zu 50 Prozent weniger Ertrag erwartet. Aber auch Mais- und Getreideernten zeigen Einbußen. Mais und Getreide dienen in Österreich zu einem erheblichen Teil nicht der direkten menschlichen Ernährung, sondern als Tiernahrung. Beim Körnermais wird mehr als die Hälfte der heimischen Produktion direkt verfüttert oder von Mischfutterwerken verarbeitet. Sinkende Erträge können deshalb vor allem die Tierhaltung treffen – durch eine Verknappung und Verteuerung von Futtermitteln. Viele Betriebe haben bereits jetzt ihre Winterfutterreserven angebrochen und müssen frühzeitig Tiere töten lassen, da nicht mehr genügend Futter vorhanden ist. Futter zuzukaufen ist oft schwierig, weil die Trockenheit große Teile Österreichs und auch andere Regionen in Europa betrifft.
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig spricht von einem "absoluten Ausnahmejahr". Besonders problematisch wird es im Herbst und Winter, wenn die jetzt verfütterten Wintervorräte tatsächlich gebraucht werden.
Die Landwirtschaft fordert deshalb weitere staatliche Unterstützung. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie viele Tiere können landwirtschaftliche Betriebe unter den veränderten klimatischen Bedingungen in Zukunft versorgen?
Was Totschnig als "absolutes Ausnahmejahr" bezeichnet, dürfte durch den Klimawandel künftig häufiger vorkommen. Für Österreich rechnen Klimaforscher mit trockeneren Sommern und einer höheren Verdunstung. Die Landwirtschaft wird sich damit auf veränderte Bedingungen einstellen müssen. Offen ist, ob Politik und Landwirtschaft deshalb langfristig auch die Zahl der gehaltenen Tiere an die verfügbaren Futter- und Wasserressourcen anpassen beziehungsweise reduzieren– oder ob stattdessen versucht wird, die bestehende Tierhaltung durch zusätzliche Futtermittel und eine stärkere Nutzung von Ackerflächen abzusichern.
Die EU setzt jedenfalls weiterhin auf die Stärkung der Tierhaltung. Anfang Juli veröffentlichte sie eine Strategie für einen widerstandsfähigen, wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Tierhaltungssektor. Die Kommission betont darin, dass die Tierhaltung langfristig stark und widerstandsfähig bleiben soll.
Auch Österreich ergreift aktuell Maßnahmen, um die bestehenden Tierbestände abzusichern. Das Land Oberösterreich prüft zusätzliche Möglichkeiten zur Futtergewinnung. Die Landwirtschaftskammer Oberösterreich organisiert dazu aktuell Kooperationen zwischen Ackerbau- und Tierhaltungsbetrieben: Um die Futterknappheit für die Tierhaltung zu überbrücken, sollen auch Ackerflächen stärker für die Futterproduktion genutzt werden. Aber wie?
Die sogenannten Zwischenfrüchte – also die Pflanzen, die nach der Ernte von beispielsweise Getreide auf dem Acker wachsen – werden bisher häufig nicht geerntet. Sie bleiben auf dem Feld, werden eingearbeitet oder frieren im Winter ab. Dadurch bleiben Pflanzenmasse und Nährstoffe auf dem Acker und begünstigen die nächste Ernte. Diese Zwischenfrüchte sollen nun aber als Tierfutter abgetragen werden. Dadurch werden auch wichtige Nährstoffe vom Acker abtransportiert, die anschließend wieder ersetzt werden müssen. Zum anderen soll Körnermais, der normalerweise als Korn geerntet und unter anderem für die menschliche Ernährung verwendet wird, teilweise stattdessen als Tierfutter genutzt werden, vor allem für Rinder. Das bedeutet: Mais, der sonst als Körnermais zur Verfügung stehen würde, wird für die Tierhaltung verwendet. Bei dieser sogenannten Ganzpflanzennutzung werden außerdem deutlich mehr Nährstoffe vom Feld abgeführt als bei der normalen Körnermaisernte.
Laut der Veröffentlichung der Landwirtschaftskammer Oberösterreich sollen diese Maßnahmen bereits im Herbst 2026 oder im Frühjahr 2027 zusätzliches Tierfutter liefern. Die jetzt verfütterten Wintervorräte könnten damit wieder aufgefüllt werden.
Kritiker:innen fordern stattdessen eine Reduktion der Tierbestände, da auch in Zukunft mit Hitze und Trockenheit zu rechnen sei. Stattdessen sollte auf hitze- und trockenheitsresistente Obst- und Gemüsesorten gesetzt werden, wie zum Beispiel die Kichererbse.
Auch die Dürreversicherung wird öffentlich stark gestützt. 2026 investieren Bund und Land Oberösterreich rund 36 Millionen Euro in die Absicherung landwirtschaftlicher Betriebe gegen Dürre, Hagel und andere Naturgefahren. 55 Prozent der Versicherungsprämien werden von der öffentlichen Hand übernommen.
Für die Tiere löst eine Versicherung allerdings kein Futterproblem.
Wenn Weiden vertrocknen und Ernten ausfallen, brauchen Tiere trotzdem täglich ausreichend Futter und Wasser.
Doch die Dürre ist längst kein völlig überraschendes Ereignis mehr. Steigende Temperaturen, längere Trockenperioden und höhere Verdunstung verschärfen die Situation durch den Klimawandel.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie viel Geld in diesem Jahr zur Rettung der bestehenden Strukturen bereitgestellt wird.
Sondern auch, ob eine Tierhaltung, die bei zunehmender Hitze und Trockenheit regelmäßig auf staatliche Unterstützung und zusätzliche Futtermittel angewiesen ist, langfristig noch an die verfügbaren natürlichen Ressourcen angepasst ist.