Schülerinnen und Schüler an Mittelschulen und AHS-Unterstufen sollen Tablets und Laptops künftig eineinhalb Schuljahre später erhalten. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) argumentiert, dass ein zu früher Einsatz digitaler Geräte den Lernerfolg beeinträchtigen könne. Paul Beyer Klinkosch, Mitgründer der Wiener Bildungsfirma SchuBu, hält es für falsch, die Diskussion vor allem auf die Bildschirmzeit zu beschränken. Entscheidend sei vielmehr, wie digitale Geräte im Unterricht eingesetzt werden.
Bisher bekommen Schülerinnen und Schüler an teilnehmenden Schulen bereits in der fünften Schulstufe ein Notebook oder Tablet. Ab dem Schuljahr 2027/28 soll die Ausgabe erst im zweiten Semester der sechsten Schulstufe erfolgen. Die ersten Kinder nach dem neuen Modell erhalten ihre Geräte damit im Februar 2029. Beyer Klinkosch warnt davor, die spätere Ausgabe automatisch als Fortschritt für das Bildungssystem zu betrachten. "Jetzt besteht die Gefahr, dass wir denselben Denkfehler in die andere Richtung machen und weniger Technologie automatisch für besseren Unterricht halten", erklärt der SchuBu-Mitgründer.
Bildschirmzeit ist nicht gleich Lernzeit
Dass digitale Geräte im Klassenzimmer auch Nachteile haben, bestreitet Beyer Klinkosch nicht. Laut der PISA-Studie 2022 geben rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler im OECD-Durchschnitt an, in den meisten oder allen Mathematikstunden durch digitale Geräte abgelenkt zu werden.
Die Untersuchung zeigt allerdings auch, dass Jugendliche, die digitale Geräte in der Schule bis zu einer Stunde täglich für Lernzwecke verwenden, im Durchschnitt bessere Mathematikergebnisse erzielen als jene, die ganz darauf verzichten. Ob die Gerätenutzung tatsächlich für die besseren Leistungen verantwortlich ist, lässt sich daraus nicht ableiten.
Für Beyer Klinkosch liegt der Unterschied vor allem in der Art der Nutzung. Wer durch soziale Medien scrollt, beschäftigt sich schließlich anders mit einem Bildschirm als jemand, der in einer digitalen Simulation selbst Entscheidungen treffen und deren Folgen nachvollziehen muss.
Auch interessant
Digitale Simulation zeigt Folgen von Ausgrenzung
Eine stärkere Konzentration auf analoge Lernformen hält der SchuBu-Gründungspartner vor allem in Volksschulen für sinnvoll. Auch in höheren Schulstufen haben Stift und Papier ihren Platz, etwa beim Schreiben längerer Texte. Diskussionen und praktische Experimente müssen ebenfalls nicht vor einem Bildschirm stattfinden.
Bei komplexen Themen können digitale Anwendungen dagegen helfen, Zusammenhänge verständlicher zu machen. Als Beispiel dient eine Simulation für den Demokratieunterricht, die SchuBu entwickelt hat. Darin erleben Schülerinnen und Schüler, wie eine Bevölkerungsgruppe zunehmend bevorzugt wird, während eine andere ihre Rechte verliert und schließlich zur Flucht gezwungen wird. Anschließend bespricht die Klasse die Folgen der getroffenen Entscheidungen.
Fake News als Thema im Unterricht
Ein weiteres Problem sieht Beyer Klinkosch im Umgang mit digitalen Informationen. Nur weil Kinder mit Smartphones und sozialen Medien aufwachsen, können sie noch lange nicht zwischen seriösen Quellen und Falschmeldungen unterscheiden. In den Unterrichtsmaterialien von SchuBu kommt deshalb bereits in der ersten Klasse der Sekundarstufe ein Internet-Simulator zum Einsatz. In einer geschützten Umgebung üben Kinder, Informationen zu suchen, E-Mails zu schreiben und persönliche Daten zu schützen. In der zweiten Klasse kommen Messenger-Dienste hinzu. Bei einem digitalen Agentenspiel untersuchen die Schülerinnen und Schüler außerdem echte Internetseiten auf mögliche Falschinformationen. "Digitale Mündigkeit muss genauso vermittelt, erlernt und geübt werden wie Lesen, Schreiben und Rechnen", betont Beyer Klinkosch.
Kritik am späteren Einsatz von Tablets
SchuBu entwickelt digitale Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe. Beyer Klinkosch bezweifelt, dass die spätere Ausgabe von Tablets und Laptops allein den Unterricht verbessert. "Entscheidend ist, ob Kinder am Ende mehr verstehen, selbstständiger denken und Wissen kritisch hinterfragen können", erklärt er. Die berechtigte Kritik an zu viel Bildschirmzeit dürfe jedenfalls nicht dazu führen, dass sinnvolle digitale Lernmöglichkeiten aus dem Unterricht verschwinden.