Secondhand-Tracht

Wo einst Wein floss, hängen jetzt 1.500 Dirndl

© ORF/Katharina Bleicher
Ein echtes Kuriosum in Bad Vöslau: Wo Kunden früher ihre Jause und ein Glaserl Wein bestellt haben, wühlen sie heute durch Kleiderstangen voller Tracht.
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Seit zehn Jahren betreibt die gebürtige Schweizerin Therese Witzmann-Merian in einem ehemaligen Heurigenlokal einen Secondhand-Dirndlladen – und pünktlich zur Oktoberfest-Saison brummt das Geschäft wie nie.

Die Geschichte dahinter ist herrlich alltäglich: Als ihre Tochter einen Job an der Hotelrezeption annahm und plötzlich mehrere Dirndl brauchte, machten sich Mutter und Tochter auf die Jagd nach gebrauchter Tracht. Aus dem Familienausflug wurde ein Hobby, aus dem Hobby ein Geschäft. Heute hängen mehr als 1.500 Dirndl in den ehemaligen Weinstuben – Kaufpreis ab 80 Euro, leihen geht schon ab 50 Euro.

Männer wollten nicht mehr nur zuschauen

Richtig lustig wird's bei den Lederhosen: Ursprünglich kamen die Herren nur als geduldige Begleiter mit, während die Frauen Dirndl anprobierten. Doch das Warten vor der Umkleidekabine wurde ihnen offenbar zu fad. "Es war wirklich so, dass sich Männer beschwert haben, warum ich nur an die Frauen denke und nicht an sie", verrät Witzmann-Merian schmunzelnd.

Regelrechte Lederhosen-Partys

Mittlerweile gibt es waschechte Lederhosen-Partys im Geschäft: "Vergangenen Samstag waren zwei Sanitäter da, frisch aus dem Dienst. Dann haben vier Männer gleichzeitig anprobiert und es war ein richtiges Lederhosen-Fest, bei dem sie sich gegenseitig beraten haben."

Der legendäre "Dirndlblick"

Ob ein Dirndl passt, weiß die Chefin sofort – nicht am Preisschild, sondern an den Augen der Kundin: "Das ist wie bei jeder Frau, wenn sie ein schönes Kleidungsstück trägt. Wenn sie nicht zupft, sondern vor dem Spiegel tanzt – das nenne ich dann den Dirndlblick." Bei der Qualität kennt sie kein Pardon: Nur Stücke aus echten Trachtenshops oder selbst genäht kommen ins Sortiment, billige Internet-Ware fliegt gnadenlos raus. Ihr Fazit zu den alten Modellen: "Die alten Dirndl überleben uns alle."

Tradition mit Herz

Was einst als reine Wohltätigkeitsaktion begann – die Einnahmen gingen komplett an einen guten Zweck –, ist heute Witzmann-Merians Hauptberuf. Einen Teil ihres Umsatzes spendet sie aber nach wie vor. Ihr Prinzip: "Mir ist es wichtig, dass meine Preise so fair sind, dass sich viele etwas kaufen können, die es sich sonst nicht leisten können."