Weltkrebstag
Experte Sevelda im Interview: Diese Fehler machen wir beim Thema Krebs immer noch
04.02.2026Am 4. Februar ist Weltkrebstag. Der Krebsreport 2025 zeigt auf: Krebs tritt überwiegend im höheren Alter auf. Mehr als zwei Drittel der Diagnosen werden nach dem 65. Lebensjahr gestellt. Ein Gespräch mit Univ. Prof. Dr. Paul Sevelda, dem Präsidenten der Österreichischen Krebshilfe.
Krebs ist ein Thema, das viele von uns am liebsten weit von sich wegschieben. Zu groß die Angst, zu schwer die Gedanken. Und doch zeigt der Österreichische Krebsreport 2025 sehr klar: Krebs ist vor allem eine Erkrankung des höheren Lebensalters und betrifft uns damit meist nicht „irgendwann“, sondern ganz konkret im späteren Leben. Mehr als zwei Drittel aller Krebsdiagnosen werden nach dem 65. Lebensjahr gestellt. Was auf den ersten Blick beunruhigend klingt, hat aber auch eine zweite, ermutigende Seite: Österreich verfügt über eine sehr gute medizinische Versorgung, moderne Therapien sind breit verfügbar, und die Forschung macht große Fortschritte.
Gleichzeitig zeigt der Report schonungslos, wo wir als Gesellschaft Nachholbedarf haben – vor allem bei Vorsorge, Gesundheitsbewusstsein und im offenen Umgang mit Krankheit und Lebensende. Was bedeutet das für uns als Gesellschaft? Warum ist Prävention so entscheidend, und warum beginnt sie viel früher, als viele denken? Welche neuen Therapieformen geben heute Hoffnung, selbst bei schweren Diagnosen? Und wie wichtig ist es, gerade im höheren Alter nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich gut begleitet zu werden? Darüber spricht gesund&fit mit Univ. Prof. Dr. Paul Sevelda, Gynäko-Onkologe, Brustkrebsspezialist und langjähriger Präsident der Österreichischen Krebshilfe.
Herr Professor Sevelda, der Österreichische Krebsreport 2025 stellt Menschen ab 65 Jahren in den Mittelpunkt. Warum dieser Fokus?
PROF. SEVELDA: Die zentrale Botschaft ist eigentlich eine sehr klare: Mehr als zwei Drittel aller Krebsdiagnosen betreffen Menschen ab 65 Jahren – in Österreich wie international. Krebs ist also keine Krankheit des mittleren Lebensalters, sondern eine Erkrankung, die überwiegend im höheren Alter auftritt. Diese Altersgruppe bringt spezielle medizinische, aber auch gesellschaftliche Herausforderungen mit sich, denen wir uns gezielt widmen müssen.
Ein großes Thema im Report ist die Versorgung, insbesondere mit modernen Therapien. Wie ist hier die Situation in Österreich?
PROF. SEVELDA: Österreich steht hier im internationalen Vergleich sehr gut da. Ein ganz wesentlicher Punkt ist: Es gibt bei uns keine Altersgrenze für moderne Krebstherapien. Wenn eine medizinische Indikation besteht, dann haben auch ältere Patientinnen und Patienten Zugang zu neuen, hochwirksamen und oft sehr teuren Medikamenten. Therapiekosten von mehreren tausend Euro pro Monat werden übernommen. Das ist keineswegs selbstverständlich und sollte auch einmal klar ausgesprochen werden. Wir jammern oft viel, aber die Versorgungsqualität in Österreich ist auf einem sehr hohen Niveau.
Gleichzeitig bringen ältere Patientinnen und Patienten oft weitere Erkrankungen mit.
PROF. SEVELDA: Genau. Multimorbidität ist eines der großen Themen. Viele Betroffene haben zusätzlich Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder frühere Schlaganfälle. Das macht die Krebstherapie komplexer. Die Antwort darauf sind interdisziplinäre Tumorboards, die heute in nahezu allen österreichischen Spitälern etabliert sind. Dort arbeiten Onkologen gemeinsam mit Internisten, Chirurgen, Gynäkologen, Urologen, Dermatologen – je nach Tumorart. Diese Zusammenarbeit ist essenziell, um individuelle und gleichzeitig sichere Therapieentscheidungen zu treffen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Reports ist die Vorsorge. Wo liegen hier die größten Probleme?
PROF. SEVELDA: Leider bei der Teilnahme. Wir haben in Österreich hervorragende Vorsorgeangebote – etwa das Mammografie-Screening ab 40 oder die Darmkrebsvorsorge. Trotzdem nehmen nur etwa 50–60 Prozent der Frauen regelmäßig an der Mammografie teil, bei der Darmkrebsvorsorge sind es sogar nur rund 30–40 Prozent. Dazu kommen bekannte Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum. Prävention beginnt nicht mit 65 – dann ist es oft zu spät. Gesundheitsbewusstsein müsste eigentlich vom Kindergartenalter an selbstverständlich vermittelt werden.
Was braucht es, damit Vorsorge und Prävention besser angenommen werden?
PROF. SEVELDA: Die ehrliche Antwort ist: Es gibt keine einzelne Maßnahme, keine „Magic Bullet“. Wir predigen seit über 100 Jahren Aufklärung, und dennoch handeln viele Menschen nicht entsprechend. Gesundheit wird zwar als wichtig empfunden, aber Risiken werden verdrängt. Beim Rauchen sieht man das besonders deutlich. Deshalb müssen wir vor allem bei Kindern und Jugendlichen ansetzen. Politische Maßnahmen wie Werbeverbote, Verkaufsbeschränkungen und klare gesetzliche Regelungen sind hier entscheidend, um den Einstieg in die Nikotinsucht zu verhindern.
Kommen wir zu den Therapien. Welche Fortschritte geben heute Hoffnung?
PROF. SEVELDA: Die Fortschritte sind enorm – nahezu bei allen Krebsarten. Besonders eindrucksvoll ist das beim schwarzen Hautkrebs, dem Melanom. Dank Immuntherapien erleben wir heute, dass Patientinnen und Patienten mit ehemals sehr schlechter Prognose über Jahre tumorfrei leben. Auch beim Brustkrebs, bei bestimmten Blutkrebserkrankungen wie Morbus Hodgkin, oder bei hormonempfindlichen Tumoren haben sich Wirksamkeit und Verträglichkeit deutlich verbessert. Therapien werden gezielter, individueller und oft besser verträglich – teilweise sogar in Tablettenform.
Wie sieht es bei Lungenkrebs aus?
PROF. SEVELDA: Auch hier gibt es Fortschritte, aber man muss ehrlich bleiben: Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste Krebstodesursache. Der Anteil der Nie-Raucher liegt eher bei 5–10 Prozent. So sehr die Medizin voranschreitet, die beste Therapie ist immer noch, gar nicht erst zu rauchen. Prävention bleibt hier der wirksamste Schutz.
Immer wieder ist von Krebsimpfungen die Rede. Wie realistisch sind diese?
PROF. SEVELDA: Da bin ich bewusst zurückhaltend. Therapeutische Krebsimpfungen befinden sich derzeit noch im experimentellen Stadium und sind Teil klinischer Studien. Das ist spannende Forschung, aber noch keine Therapie für den Alltag. Ich halte es für wichtig, hier keine falschen Erwartungen zu wecken. Was wir bereits haben, ist die HPV-Impfung zur Krebsprävention – das ist ein großer Erfolg. Alles Weitere ist Zukunftsmusik, wenn auch mit viel Potenzial.
Ein Thema im Report ist auch die sogenannte Polypharmazie im Alter.
PROF. SEVELDA: Ja, viele ältere Menschen nehmen bereits mehrere Medikamente ein. Kommt eine Krebstherapie dazu, steigt das Risiko von Wechselwirkungen. Hier erhoffe ich mir viel von der Digitalisierung und der intelligenten Nutzung elektronischer Systeme, die Unverträglichkeiten rascher erkennen. Das entlastet Ärztinnen und Ärzte und erhöht die Sicherheit für Patientinnen und Patienten.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in der Onkologie?
PROF. SEVELDA: Sie spielt bereits eine Rolle und wird weiter an Bedeutung gewinnen, aber sie wird den Arzt nicht ersetzen. KI kann helfen, Wissen zu strukturieren, Therapievorschläge zu analysieren und Entscheidungen zu unterstützen. Die ärztliche Kunst besteht jedoch darin, Leitlinien auf den einzelnen Menschen zu übertragen, Nebenwirkungen zu berücksichtigen und Sorgen ernst zu nehmen. Eine Therapie wirkt nur dann, wenn sie auch durchführbar und akzeptiert ist.
Abschließend möchte ich das Thema Palliative Care ansprechen.
PROF. SEVELDA: Das ist ein großes, oft tabuisiertes Thema und gleichzeitig unglaublich wichtig. Auch das ist Teil einer guten Krebsversorgung. Palliative Care bedeutet nicht Aufgeben, sondern Begleiten, Lindern und Würde bewahren. In Österreich gibt es hier noch Potenzial, aber niemand sollte sich in dieser Phase alleingelassen fühlen. Darüber zu sprechen, ist ein wichtiger erster Schritt.
Der Krebsreport 2025 zeigt auf: Krebs betrifft vor allem ältere Menschen – doch Vorsorge beginnt viel früher. Österreich bietet eine exzellente medizinische Versorgung, moderne Therapien und wachsende Möglichkeiten der individuellen Behandlung. Gleichzeitig bleiben Prävention, Aufklärung und menschliche Begleitung zentrale Aufgaben. Ein Thema, das uns alle angeht – heute und in Zukunft.