Großer Favorit
76. Berlinale: Hype um Österreich-Beitrag "Rose"
16.02.2026Sandra Hüller brilliert bei der Berlinale in Markus Schleinzers Wettbewerbsbeitrag "Rose" als Frau, die im 17. Jahrhundert in die Rolle eines Mannes schlüpft. Damit zählt der Film des Austro-Regisseurs bereist zu den großen Favoriten im Rennen um den "Goldenen Bären".
Die Welt ist hart, nüchtern und zugleich stilisiert, die Markus Schleinzer mit "Rose" erschaffen hat. Mit seinem lange erwarteten historischen Zeit- und Genderdrama feierte der 54-jährige Wiener am Samstag Weltpremiere im Rahmen des laufenden Berlinale-Wettbewerbs. Und Schleinzer legt ein Werk vor, das nicht nur mit einem ganz eigenen Charakter aufwartet, sondern mit Sandra Hüller auch einer Hauptdarstellerin, die mittlerweile zum Weltstar aufgestiegen ist.
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Wie bei seinem Vorgänger "Angelo" geht Schleinzer für "Rose" narrativ zurück in der Geschichte, erzählt diesmal jedoch nicht vom Wien des 18. Jahrhunderts, sondern vom ländlichen Deutschland des 17. Jahrhunderts. Und er stellt wieder eine Außenseiterfigur ins Zentrum, die vermeintlich integriert ist, letztlich aber doch an den starren Konventionen der Zeit scheitert.
Eine Frau als Mann
Im Zentrum von "Rose" steht die gleichnamige Titelfigur, wortkarg verkörpert von der Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller. Als Kriegsveteran inmitten der Gräuel des Dreißigjährigen Kriegs kommt sie als Mann agierend in ein abgelegenes Dorf irgendwo im malträtierten Reich und reklamiert mit Dokumenten belegt einen alten Hof samt Ländereien als Erbe für sich.
Der misstrauischen Dorfgemeinschaft rund um den Großbauern (Godehard Giese) ist das alles andere als recht. Doch der maulfaule, arbeits- und strebsame Fremde, der seinen kleinen Hof alsbald zum Florieren bringt, gewinnt letztlich den Respekt der Mitmenschen. Und fühlt sich so integriert und sicher, dass er gar dem Angebot des Großbauern zustimmt, dessen Tochter Suzanna (Caro Braun) zu heiraten.
Auch wenn "Rose" nicht auf einem dezidierten Fall beruht, gelingt Schleinzer und seinem neuerlichen Co-Autor Alexander Brom jedoch die Anmutung, einer exemplarischen Geschichte der Zeit beizuwohnen. Verzichtet wird dabei auf eine hinführende Biografie, den größeren Rahmen. "Rose" ist und bleibt stets im Moment, nah an den Figuren. Es bedarf letztlich nicht biografischer Vorgeschichten und individueller Details eines Lebens bis zu diesem Augenblick, was den Eindruck des Parabelhaften schmälern würde.
Sandra Hüller als lakonischer Mann
Hüller ist eine unprätentiös männliche Figur, lakonisch, die Geschlechterfrage im Habitus letztlich nicht übertrieben adressierend. Und nicht partout darauf aus, Sympathieträger zu sein. Ihr zur Seite steht als Filmdebütantin Caro Braun als Ehefrau, die einen größeren Entwicklungsweg zurücklegt vom verschreckten Mädchen zur ebenbürtigen Bäuerin an der Seite ihres vermeintlichen Mannes.
Gemeinsam zeichnet man in der meist windumtosten Landschaft ein Panoptikum des Lebens in der frühen Neuzeit. In nüchternem Schwarz-Weiß wirken die Bilder oft wie ein Brueghel-Gemälde, aus dem die Mehrzahl der Personen eliminiert wurde. Der Dreißigjährige Krieg dient lediglich als Grundierung im Hintergrund, es dominiert im starken Hell-Dunkel-Kontrast das Alltagsleben in seiner aus heutiger Sicht Härte, ohne dies krampfhaft auszustellen. Die Wertvorstellungen, die Usancen bleiben unbewertet stehen.
Gegen die Vereinnahmung durch das Heute
Der Versuchung der allzu großen Parallelsetzung mit dem Heute widersteht Schleinzer auch mit dem Einsatz der hier und da auftauchenden Erzählerinnenstimme von Marisa Growaldt, die gleichsam die lyrischen Qualitäten des Werks hervorhebt. Die Sprache des Film lässt dabei Andreas Gryphius durchscheinen, was aber weniger der Distanzierung als der konkreten Verortung dient.
Auf diese Weise entblättert sich undidaktisch eine Geschichte, die Grundfragen wie nach der Hose als einzigem Weg zur Freiheit aufwirft und dabei Geschlechter- und Rollenbilder im konkreten Handeln über den Haufen wirft. Am Ende weicht "Rose" dann von der eingeschlagenen Stilistik ab, erinnert im beschließenden Gerichtsprozess nicht von ungefähr an Carl Theodor Dreyers "Passion der Jungfrau von Orléans" und bleibt auch hier doch vollends unpathetisch. "Rose" präsentiert sich so als subtil widerständiges Werk, das sich schnellen Einordnungen und Labels entzieht und nicht zuletzt vom Minenspiel zweier großer Schauspielerinnen lebt.
Newcomerin Caro Braun beeindruckt
Dass Sandra Hüller in dieser Disziplin brilliert, ist mittlerweile keine Überraschung. Dass aber die erst 26-jährige Filmdebütantin Caro Braun der Kollegin in nichts nachsteht, schon eher. "Man wird durch diesen Film sehr geschützt und weiß, man wird hier nicht bloßgestellt", unterstrich die deutsche Künstlerin im APA-Gespräch vor der Weltpremiere. Schleinzer sei einfach ein besonderer Filmemacher. "Markus ist jemand, der auch mit einem zusammen weint, und das hatte ich auch noch nicht mit einem Regisseur, dass er mit mir in die Emotionen geht und nicht sagt, ich bleibe in meinem analytischen Modus", zeigte sich Braun positiv erstaunt von der Arbeitsweise des Wieners.
Zugleich sei der 54-Jährige fraglos hochintellektuell. Mit jemandem zu arbeiten, der eine große Vision habe, sei ein Traum: "Es ist sehr euphorisierend, weil man das Gefühl hat: Ich bin hier bei was ganz Großem dabei - und das fehlt mir sonst manchmal." Dass es Schleinzer dennoch gelinge, seinen Schauspielerinnen künstlerische Freiheit zu lassen, sei dann aber das wirklich Frappante.
"Aber er hat eine klare Idee und kann aus dieser Position heraus sagen: Ich habe Deine Rolle vielleicht anders imaginiert, aber hier bist du als Mensch, der der Figur nochmal eine andere Energie schenkt. Und das nicht nur zu akzeptieren, sondern regelrecht zu befeuern, ist großartig", zollte Caro Braun dem Filmemacher ihren Respekt.