Gaza und Co.
ESC: Darum boykottieren heuer gleich 5 Länder
14.05.2026Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island boykottieren heuer den Eurovision Song Contest (ESC) von Wien - aus Protest gegen die Teilnahme Israels.
Ihre Kritik richtet sich vorrangig an das Vorgehen des Landes im Gazastreifen nach dem Überfall der Hamas. Die ablehnende Haltung gegenüber militärischer Gewalt hat in einigen dieser Länder jedoch auch historische und gesellschaftliche Wurzeln. Ein Überblick über die Nahost-Politik der fünf Länder.
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Spanien
Spanien zählt seit dem Beginn des durch den Hamas-Großangriff auf Israel ausgelösten Gazakriegs zu den härtesten Kritikern der israelischen Regierung. Premierminister Pedro Sánchez wirft Israel einen Völkermord im Gazastreifen vor. Im Juni 2024 schloss sich Spanien als erstes europäisches Land dem von Südafrika angestrengten Völkermordverfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) gegen Israel an. Zudem verhängte die Regierung in Madrid Sanktionen - u.a. Einreiseverbote gegen zwei rechtsextreme israelische Minister - und berief ihre Botschafterin in Tel Aviv ab.
Das Parlament in Madrid stimmte 2014 für die Anerkennung Palästinas als eigenständiger Staat, die Regierung unter Sánchez vollzog den Schritt 2024 offiziell. Weiters fordert Spanien gemeinsam mit Irland, Slowenien und den Niederlanden, das Handelsabkommen zwischen der EU und Israel - genannt Assoziierungsabkommen - aufzulösen. Zentral für ihre Argumentation ist die Menschenrechtsklausel (Artikel 2) des Abkommens, welche besagt, dass die Zusammenarbeit auf der Achtung der Menschenrechte und demokratischen Grundsätzen beruhe. Außerdem hat Spanien die Importe aus illegalen israelischen Siedlungen gestoppt.
Auch auf den US-israelischen Krieg mit dem Iran reagierte Spanien prompt: Innerhalb der ersten 24 Stunden des Krieges nannte Premier Sánchez die Angriffe eine Verletzung des internationalen Völkerrechts. Spanien verweigerte den USA infolge die Nutzung der Militärbasen Rota und Morón für Angriffe auf den Iran. "Wir sind ein souveräner Staat und wollen nicht an illegalen Kriegen beteiligt sein", so Premier Sánchez in einer Ansprache vor dem Unterhaus des Parlaments im März. Die entschiedene Haltung der spanischen Regierung führte auch immer wieder zu diplomatischen Spannungen mit Israel und den USA. Im März dieses Jahres drohte US-Präsident Donald Trump Spanien mit einem Handelsembargo.
Ein großer Teil der spanischen Bevölkerung verurteilt Israels Vorgehen im Gazastreifen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2025 warfen rund 80 Prozent der Befragten Israel Völkermord vor. Etwa 60 Prozent sprachen sich zudem für einen unabhängigen palästinensischen Staat aus. Im September vergangenen Jahres führten die teils gewaltsamen Proteste Zehntausender pro-palästinensischer Demonstranten zum Abbruch des Radrennens La Vuelta - das drittgrößte Etappenrennen der Welt. Die Proteste richteten sich gegen die Teilnahme des israelischen Radteams.
Die Anti-Kriegs-Haltung der Spanier ist stark von ihrer Geschichte geprägt. Besonders der Terroranschlag 2004 auf vier Pendlerzüge in Madrid durch Al-Kaida-Sympathisanten verstärkte die Ablehnung der Bevölkerung gegenüber Spaniens Beteiligung an internationalen Kriegen. Nach Massenprotesten zog Spanien 2004 seine Truppen aus dem Irak ab.
Irland
Auch Irlands pro-palästinensische Haltung wird zum Teil mit der eigenen Geschichte begründet. Große Teile Irlands befanden sich 800 Jahre lang unter englischer beziehungsweise britischer Herrschaft. "Wir erkennen unsere eigene Geschichte in ihren Augen", meinte der 2024 zurückgetretene irische Premierminister Leo Varadkar. "Eine Geschichte von Vertreibung, Enteignung, infrage gestellter oder verweigerter nationaler Identität, gezwungene Emigration, Diskriminierung und jetzt auch Hunger."
Im 19. Jahrhundert litt Irland unter der Großen Hungersnot, die durch die Kartoffelfäule verursacht wurde - eine Pflanzenkrankheit, die mehrere Jahre hinweg die Kartoffelernten vernichtete. Etwa eine Million Iren starben, eine weitere Million verließen infolge der Hungersnot das Land.
Irland erklärte 1980 als erstes EU-Mitglied die Notwendigkeit eines unabhängigen palästinensischen Staates. Die offizielle Anerkennung erfolgte 2024, gemeinsam mit Spanien und Norwegen. Irland tritt entschlossen für eine Zweistaatenlösung ein. Auch hier lassen sich Parallelen zur eigenen Geschichte erkennen: Irland wurde 1921 geteilt.
Slowenien
In Slowenien profilierte sich Präsidentin Nataša Pirc Musar als eine der schärfsten Kritikerinnen von Israels Vorgehen in Gaza. Für ihre klare Verurteilung des dortigen Geschehens als Völkermord erntete sie im Mai 2025 im Europäischen Parlament Applaus.
Im Juli letzten Jahres war Slowenien auch das erste europäische Land, das ein volles Waffenembargo gegen Israel verhängte. Spanien folgte dem slowenischen Beispiel. Die beiden Länder berufen sich dabei auf Artikel 6 des Waffenhandelsvertrags, wonach Vertragsstaaten den Transfer von konventionellen Waffen nicht genehmigen dürfen, wenn die Waffen zur Verwendung in einem Völkermord bestimmt sind.
Slowenien erlangte erst 1991 Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien. Die slowenische Soziologin Nika Kovač sah im Gespräch mit Al Jazeera auch darin den Grund, warum Slowenien Sympathien für Länder zeigt, die gerne unabhängig wären.
Neben dem Boykott des ESC verkündete der öffentlich-rechtliche Sender TV Slovenija, dieses Jahr den Song Contest nicht zu übertragen. Stattdessen werde der Sender die Filmreihe "Voices of Palestine" mit palästinensischen Dokumentar- und Spielfilmen zeigen. Allerdings wird erwartet, dass Slowenien seine Israel-Politik unter dem wahrscheinlichen künftigen Premier Janez Janša revidieren wird. Er hat gute Chancen, mit weiteren rechtsgerichteten Parteien das bisherige Mitte-Links-Kabinett abzulösen. Experten halten eine Rücknahme der Anerkennung Palästinas durch die neue Regierung für wahrscheinlich. Janša lehnte es auch als einer von wenigen slowenischen Spitzenpolitikern ab, Israel einen Völkermord im Gazastreifen zu attestieren.
Schon die Mitte-Links-Regierung des scheidenden Premiers Robert Golob hatte ihre Position gegenüber Israel abgemildert. Ursprünglich wollte sie sich - wie auch die Niederlande und Irland - der Völkermord-Klage Südafrikas gegen Israel anschließen. Aufgrund von "Druck von außen" entschied sich die Regierung in Ljubljana im März aber doch dagegen. Hintergrund dürfte sein, dass viele der Cyberabwehrsysteme des Landes aus Israel stammen und daher eine Beteiligung an der Klage die nationale Sicherheit Sloweniens gefährden würde. Israel spielte auch eine Rolle im slowenischen Parlamentswahlkampf: Wenige Tage vor dem Urnengang am 22. März wurde bekannt, dass israelische Ex-Geheimdienstler hinter einer Schmutzkampagne gegen die Regierung standen. Wegen seiner Kontakte zu diesen Parteien geriet Oppositionsführer Janša im Wahlkampffinish in die Defensive und verspielte seinen großen Vorsprung.
Ebenfalls ins Visier der boykottierenden Länder geraten sind die Importe aus illegalen israelischen Siedlungen. Spanien und Slowenien haben die Importe gestoppt. Der niederländische Minister für Justiz und Sicherheit, David van Weel, sagte im November 2025, es gebe noch keine Gesetzeslage für ein Verbot, aber es werde daran gearbeitet.
Niederlande
Protest gegen Israels Vorgehen in Gaza scheint in den Niederlanden stärker aus der Zivilgesellschaft als aus der Politik zu kommen. Die niederländische Regierung entschied sich vergangenes Jahr dagegen, Palästina als Staat anzuerkennen.
Nach dem Hamas-Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 fanden große pro-palästinensische Demonstrationen statt. Gegen die Eröffnung des neuen Holocaust-Museums im März 2024 protestierten etwa mehrere Tausend Menschen lautstark. Im Umfeld eines Europa-League-Spiels zwischen den Fußballmannschaften Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv war es zu gewaltsamen Ausschreitungen und Attacken gegen israelische Fußballfans gekommen. Es gab mehrere Verletzte.
Niederländische Beamte protestieren seit 2023 regelmäßig gegen ihre Regierung und deren weitere Unterstützung Israels. Die ehemalige Diplomatin Angelique Eijpe reichte deswegen sogar ihre Kündigung ein: "Angesichts der niederländischen Politik in Bezug auf Gaza konnte ich nicht länger Teil der Organisation sein, weil es weder mit meiner persönlichen noch mit meiner beruflichen Integrität vereinbar war, dort weiterzuarbeiten."
Als Grund für den diesjährigen Boykott des ESC gab der niederländische Sender Avrotros unter anderem das humanitäre Leid im Gazastreifen sowie die Besorgnis über die unabhängige Berichterstattung und die zahlreichen Opfer unter Journalisten an. Trotz des Boykotts richtete Amsterdam am 11. April eine der ESC-Pre-Partys aus. 27 der 35 Künstler und Künstlerinnen nahmen teil. Der diesjährige israelische ESC-Teilnehmer Noam Bettan blieb dem Event fern.
Island
Island zog als letztes der fünf boykottierenden Länder seine Teilnahme nur Stunden vor der von der EBU (European Broadcasting Union) gesetzten Deadline im Dezember 2025 zurück. Der Generaldirektor der isländischen Rundfunkanstalt RÚV dazu: "Aus der öffentlichen Debatte in diesem Land und der Reaktion auf die Entscheidung der EBU (...) geht klar hervor, dass es weder Freude noch Frieden hinsichtlich der Teilnahme von RÚV geben wird."
Auch 2019 forderte eine Petition den ESC-Boykott Islands. Damals richtete Israel den Song Contest aus. Die isländische Band Hatari nahm trotzdem teil, sorgte aber für Furore, weil sie bei der finalen Punktevergabe Schals mit der palästinensischen Flagge in die Kamera hielten. Der isländische Sender RÚV wurde daraufhin von der EBU abgestraft.
Island erkannte die Souveränität von Palästina 2011 an und setzt sich für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. Der Inselstaat ist ein verlässlicher Partner für UNRWA - das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten. 2023 unterzeichneten Island und UNRWA ein mehrjähriges Abkommen für die Unterstützung palästinensischer Flüchtlinge. Island gehört zu den Ländern mit den höchsten Pro-Kopf-Beiträgen an das Hilfswerk.
2025 warnte Islands Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir vor der UN-Generalversammlung vor einer "ethnischen Säuberung" in Gaza und verurteilte Israels Vorgehen als "grausam", "unmenschlich" und "illegal".