Interview

Ablaufdatum ab 50? Christa Kummer schießt gegen ORF

19.05.2026

Nach Jahrzehnten im Scheinwerferlicht zieht ORF-Wetterikone Christa Kummer „Auf dem roten Stuhl“ eine bemerkenswert offene Bilanz über strenge Kleidungsvorschriften, das Ablaufdatum für Frauen im Fernsehen und ihr neues Leben abseits des Küniglbergs. 

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Sie prägte über Jahrzehnte das meteorologische Gesicht des ORF, nun nahm das Urgestein des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Platz „Auf dem roten Stuhl“. Im gewohnt intimen Gesprächsformat mit Bernhard Egger zeigte sich Dr. Christa Kummer gewohnt elegant, aber bemerkenswert pointiert und reflektiert. Es war eine Bilanz über ein Leben im Scheinwerferlicht, das von strengen Vorschriften, modischen Hypes und strukturellen Ungleichheiten im Medium Fernsehen geprägt war.

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„Ich bin das Produkt“ – Der Sprung ins kalte Wasser

Als Christa Kummer 1995 ihre Karriere beim ORF begann, war die Fernsehlandschaft eine völlig andere. Die Reichweiten waren gigantisch, der Druck enorm. Über ihre erste Sendung sagt sie: „Ich habe Fieber gehabt, ich war nervös. Ich war in einem Dreivierteljahr zweimal in der Blue Box und das dritte Mal bereits live. Ich hatte damals 1,5 Millionen Zuschauer, es gab ja nicht wirklich etwas anderes“, resümiert Kummer. Dennoch sei sie froh, dass es genau so kam: „Man kann nur schwimmen lernen, wenn man ins Wasser fällt.“

 


 

„Das Alleinsein im Studio, das Sich-selbst-Unterhalten“, habe sie anfangs gestört. Rasch wurde der gelernten Geografin und Hydrogeologin klar, dass im Fernsehen die Person untrennbar mit der Funktion verschmilzt. „Ich bin sozusagen auch das Produkt. Ich bin Moderatorin und keine Schauspielerin. Ich versuche nicht, Christa Kummer zu spielen, ich bin Christa Kummer.“ Professionalität bedeute für sie jedoch auch, private Befindlichkeiten hinter der Kamera zu lassen: „Wenn man einen grantigen Tag hat, wird man dennoch nicht das so weiterverkaufen.“

Die Garderoben-Diktatur: Zwischen Prada, Gucci und zugenähten Ausschnitten

Besonders augenscheinlich rekonstruierte Kummer im Interview die Absurditäten des damaligen Frauenbildes im TV. Als Frau sei es primär immer darum gegangen, wie man aussieht.

Im Zentrum stand dabei eine Form von optischer Zensur: Früher wurde das Moderationspersonal oft nur bis zur Hüfte gezeigt, dennoch redeten ständig bis zu fünf Personen in die visuelle Gestaltung hinein. Mitbestimmung war damals Fehlanzeige. Ebenso rigide zeigten sich die Stil-Vorschriften. Im Sommer waren schulterfreie Outfits absolut tabu, zu tiefe Ausschnitte wurden kurzerhand zugenäht und die Haare mussten streng zurückgebunden werden. Das änderte sich später. 

© APA/ORF/THOMAS RAMSTORFER

Ein unfreiwilliges Dauerthema wurden Kummers Schuhe. „Die Stöckelschuhe trage ich, seit ich 16 bin, und plötzlich war das ein Riesenthema“, erinnert sie sich schmunzelnd. Der ORF stellte ihr, aufgrund der hohen Resonanz, infolge extreme Designerschuhe von Luxusmarken wie Prada oder Gucci zur Verfügung.

„Ich habe den Steuerzahler kein Geld gekostet“

Kummer betont dabei die wirtschaftliche Korrektheit: Da das Budget geschont werden musste und Schleichwerbung beim Wetter verboten war, wanderte das edle Schuhwerk nach den Sendungen ausnahmslos in den Fundus des ORF. Sie habe den ORF kein Geld gekostet und auch dem Steuerzahler nicht, stellt sie klar. Sie selbst hätte nie so viel Geld für Schuhe ausgegeben. Das Phänomen dahinter durchschaute sie schnell: „Ich habe rasch erkannt, dass es gar nicht ums Wetter geht, sondern darum, wie ich ausschaue.“

Digitale Oase und die rote Linie des Privaten

Abseits des klassischen linearen Fernsehens hat Christa Kummer mittlerweile eine neue, intensiv genutzte Heimat gefunden: die sozialen Medien. Hier pflegt sie ein, wie sie selbst sagt, fast „inniges Verhältnis“ zu ihrer Community. Wenn sie viel Energie in Social Media investiere, dann müsse das Ergebnis einen echten Mehrwert bieten. Der Zuspruch gibt ihr recht: Zu 99 Prozent erhalte sie ausschließlich positive Rückmeldungen, was sie als sehr wohltuend empfindet. 

© TZOe Artner

Eine glasklare Grenze zieht die Wienerin jedoch beim Thema Privatsphäre. Ihr Ehemann Franz Hofbauer bleibt bewusst aus der Öffentlichkeit herausgehalten. „Mein Mann will da gar nicht vorkommen und das respektiere ich auch.“

Das Ablaufdatum für Frauen über 50

Nun hat Christa Kummer das gesetzliche Pensionsalter erreicht. Die Bilanz fällt versöhnlich, aber nicht frei von systemischer Kritik aus. Zeit ihres Lebens habe sie junge Kolleginnen und Kollegen intensiv gefördert. Umso schmerzhafter sei die Beobachtung des Alterns vor der Kamera.

Es sei zutiefst traurig, dass im Medienbetrieb nach wie vor mit zweierlei Maß gemessen werde: Während ältere Männer wie selbstverständlich bis ins hohe Alter Hauptabendsendungen moderieren dürfen, ereilt Frauen über 50 oft das unsichtbare Abstellgleis.

Dennoch blickt sie ohne Groll oder Wehmut nach vorne. Der Abschied vom Bildschirm ist für sie ein Akt der Befreiung und des Einvernehmens mit sich selbst. Ihre Ansage auf dem roten Stuhl hallt jedenfalls selbstbewusst nach: „Ich weine nicht darum, dass ich den ORF nicht mehr an meiner Seite habe.“