Der Bundeskanzler im

Kurz: "Alle Branchen gleichzeitig öffnen"

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Der Bundeskanzler kündigt an: "5 Mio. bis Ende Juni geimpft".
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ÖSTERREICH: Sie haben Öffnungen für Mitte Mai angekündigt. Was und wie soll geöffnet werden?

Sebastian Kurz: Derzeit ist die Situation so, dass wir in sieben Bundesländern keinen harten Lockdown haben. In Wien und Niederösterreich haben wir leider Gottes noch diesen harten Lockdown, der wird auch schon bald auslaufen, dann sind Schulen und Geschäfte wieder geöffnet in allen Bundesländern und dann geht es natürlich darum, einen Öffnungsschritt zu setzten in allen anderen Branchen, die jetzt noch immer geschlossen sind. Zum Beispiel im Tourismus, in der Gastronomie, aber auch Sport und Kultur. Das bereiten wir gerade gemeinsam mit einer Öffnungskommission vor – mit dem Ziel, dass all diese Branchen gleichzeitig öffnen können, aber natürlich überall zu Beginn mit gewissen Sicherheitskonzepten.

ÖSTERREICH: Das heißt groß­flächige Öffnungen mit einer Reintestpflicht?

Kurz: Genau so ist es. Wir setzen da auf den Grünen Pass. Umso mehr Menschen geimpft sind, umso weniger brauchen wir die Tests. Aber am Anfang werden die Tests beim Grünen Pass ein ganz zentrales Element sein. Und so glauben wir, dass wir ab Mitte Mai diese Öffnungsschritte möglich machen können. Wir wollen hier bewusst einen ­ordentlichen Schritt für alle Branchen, keine Bevorzugung, leicht verständlich für die Menschen. Also Abstand, Testungen, Maske.

ÖSTERREICH: Wann verkünden Sie die Details?

Kurz: Wir werden die ganze Woche über mit Sozialpartnern, Bundesländern und Experten diese Detailregelungen ausarbeiten und Ende der Woche dann diesen Plan präsentieren.

ÖSTERREICH: Derzeit haben wir einen Maßnahmen-Fleckerlteppich in Österreich. War die Regionalisierung wirklich gescheit?

Kurz: Absolut! Das, was Sie als Fleckerlteppich bezeichnen, das hat Zehntausende Arbeitsplätze gerettet. Es hat zu Ostern einige gegeben, die gesagt haben, wir brauchen in ganz Österreich einen Lockdown. Wir haben uns in sechs Bundesländern einen harten Lockdown erspart. Dort konnten die Kinder in die Schule gehen, die Geschäfte waren offen.

ÖSTERREICH: Es gibt einen ­neuen Gesundheitsminister. Haben Sie die geplanten Öffnungsschritte bereits mit ihm abgestimmt?

Kurz: Ja, ich habe ein erstes ­Arbeitsgespräch mit dem Gesundheitsminister gehabt, das war ein sehr gutes, ich habe einen sehr positiven Eindruck. Ab Montag wird er angelobt, und dann heißt es mit vollem Einsatz in die Arbeit einsteigen.

ÖSTERREICH: Hat Sie der Rücktritt von Rudi Anschober überrascht?

Kurz: Ja, natürlich. Ich habe gewusst, dass er immer wieder auch gesundheitlich zu kämpfen hatte, es gab ja auch in den Medien viele Spekulationen dazu, aber der Zeitpunkt war für alle in gewisser Weise überraschend. Es ist das dritte Regierungsmitglied innerhalb eines Jahres, das die Regierung verlassen musste. Also man sieht, die Politik ist ein sehr herausforderndes Feld. Man trägt da viel Verantwortung, das ist natürlich oft auch eine Belastung. Ich glaube, der Rücktritt ist auch ein Anlass, dass wir uns alle bewusst sein sollten, dass hinter jedem Spitzenpolitiker, den man zu Recht auch immer kritisieren darf, doch ein Mensch steckt und jeder, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Politik, gerade während so einer Pandemie gefordert ist, wenn er viel Verantwortung trägt.

ÖSTERREICH: Wir bekommen jetzt eine Million Impfdosen von Biontech/Pfizer schon früher. Ab wann werden die verimpft?

Kurz: Das ist der Impfturbo, um den wir lange gekämpft haben. Jetzt gibt es endlich die gerechte Verteilung in Europa, die wir gefordert haben. Das beschleunigt unsere ganze Impfbewegung massiv. Das Gute ist, die Lieferung kommt ab 26. April schrittweise, der Großteil dann im Mai und Juni. Derzeit rechnen wir damit, dass sich fünf Millionen Menschen impfen lassen wollen. Das würden wir bis Ende Juni schaffen.

ÖSTERREICH: Sie sind seit zehn Jahren Regierungsmitglied. Ich nehme an, dass letzte Jahr war das herausforderndste für Sie?

Kurz: Das letzte Jahr hat sich angefühlt wie zehn Jahre. Es war ein unglaublich anstrengendes Jahr. Viele Entscheidungen, die zu treffen waren, waren nicht nur unpopulär, es ist immer schwierig, Entscheidungen mit sehr viel Auswirkung, aber mit sehr wenig Daten- und Faktenbasis treffen zu müssen.

ÖSTERREICH: Wie anstrengend war dieses Jahr für Sie persönlich?

Kurz: Extrem anstrengend. Aber es ist schön, wenn man in der Regierung ist und etwas bewegen kann, Menschen helfen kann, aber es ist auch anstrengend. Gerade wenn man an der Spitze ist, ist man am Ende des Tages auch sehr einsam, weil man sich zwar mit anderen beraten kann und Meinungen einholen kann, aber am Ende muss jemand entscheiden. Und das ist eine große Verantwortung.

ÖSTERREICH: Was war abseits von Corona der prägendste ­Moment der letzten zehn Jahre für Sie?

Kurz: Sicherlich die Migrationskrise. Als das 2015 begann, war die Masse der Regierenden für die offenen Grenzen, für die Willkommenspolitik. Ich war von Anfang an überzeugt, das kann nicht gut gehen. Ich habe mich massiv ­dagegen gestemmt, mit wenigen Verbündeten. Ich bin damals als rechtsradikal abgetan worden. Es war ein Kraftakt, in Europa da eine andere Linie durchzusetzen.

ÖSTERREICH: Wir haben 2013 ein Interview geführt, da haben Sie gesagt, in zehn Jahren wollen Sie keine Politik mehr machen …

Kurz: Das hat sich geändert, ich bin älter geworden. Ich muss zugeben, es waren intensive zehn Jahre. Ich habe nie gedacht, dass ich in dieser Position als Bundeskanzler sein werde. Ich habe mir mein Leben immer anders vorgestellt. Aber ich bin froh, dass ich in dieser Position einen Beitrag für Österreich leisten kann. Aber als mittlerweile 34-Jähriger weiß ich, ich werde keine Zehn-Jahres-Pläne mehr machen!

Interview: Niki Fellner