Weltcup-Auftakt rückt näher

Stunde der Wahrheit für neues Material

18.10.2012

Premiere der schmäleren Ski rückt näher. Neue Gefahren lauern auf die Fahrer.

Zur Vollversion des Artikels
© GEPA
Zur Vollversion des Artikels

Der Aufschrei war gewaltig, als der Internationale Skiverband (FIS ) im Juli 2011 seine Materialmaßnahmen zur Bekämpfung der Verletzungsflut im Alpin-Weltcup präsentierte. Von einem Rückfall in die Zeiten eines Hansi Hinterseer, dem Ruinieren des Sports oder einer völlig ahnungslosen FIS war vielerorts im Weltcup-Zirkus die Rede gewesen. Der Sturm hat sich vor der Rennpremiere mit dem neuen Material am 27. und 28. Oktober in Sölden - vorerst - gelegt. Allerdings scheinen durch den deutlich größeren Aufwand an Muskelkraft neue Verletzungsgefahren zu lauern.

Weniger Verletzungen?
Die Ski länger und schmäler, die Kurvenradien größer, die Zahl der Verletzten geringer - so lautet kurz zusammengefasst die neue Sicherheitsformel der FIS, die nach jahrelangen Tests, Beobachtungen und wissenschaftlichen Analysen erstellt wurde. Rundum begeistert ist zwar nach wie vor kaum jemand. Aber selbst die härtesten Kritiker wie der US-Amerikaner Ted Ligety hielten sich nach den sommerlichen Versuchen mit Rundumschlägen nobel zurück.

Sölden bringt erste Aufschlüsse
Nun folgt in Sölden die Stunde der Wahrheit. Und zwar gleich mit dem Riesentorlauf und somit jener Disziplin, die von den Veränderungen am stärksten betroffen ist. Mit Neugier und Ungewissheit warten die Athleten, Trainer und Skifirmen auf die ersten Erkenntnisse unter Wettkampfbedingungen.

Topstars wieder vorne erwartet
Kaum jemand glaubt, dass das neue Material die Hackordnung wild durcheinanderwürfeln wird. "Die üblichen Verdächtigen werden weiterhin vorne sein", vermutete Andreas Puelacher, der Cheftrainer der österreichischen Riesentorlauf-Männer. "Es wird sicher Opfer und Gewinner geben. Das werden aber eher Ausnahmen sein", lautet die Prognose von Sigi Voglreiter, Rennleiter der Skifirma Fischer. Head-Rennchef Rainer Salzgeber sieht zumindest zu Beginn einen klaren Vorteil für die Routiniers. "Für die Jungen wird es richtig schwer", sagte Salzgeber.

Furcht vor weichem Schnee
Die Befürchtungen, dass ab Sölden das Ende des Carvens und der Schritt zurück in 1970er Jahre eingeläutet wird, haben sich ein wenig gelegt. "Die Zuschauer werden keine Veränderungen merken", war sich die steirische Doppel-Weltmeisterin Elisabeth Görgl sicher. Anders dürfte die Sache aussehen, wenn es wärmer und damit weicher wird. "Bei Bedingungen wie beim vergangenen Weltcup-Finale in Schladming wird es meiner Meinung nach nicht mehr zum Anschauen sein", merkte der Salzburger Gesamt-Weltcup-Gewinner Marcel Hirscher an.

Mehr Muskelkraft benötigt
Voglreiter glaubt, dass der "geschulte Zuschauer" sehr wohl deutliche Unterschiede bemerken wird: "Es schaut nicht mehr so 'easy' aus." Der Oberösterreicher sprach damit auch gleich die neuen Gefahren an. "Man braucht jetzt deutlich mehr Muskelkraft", berichtete auch "Mr. Riesentorlauf" Ligety (Weltmeister 2011, dreifacher Disziplinen-Weltcupsieger). "Wir müssen mehr Energie und Kraft als zuvor aufwenden", pflichtete der kroatische Routinier Ivica Kostelic bei.

Salzgeber nannte das mögliche Problem beim Namen, nämlich schwere Stürze völlig ausgepumpter Athleten: "Die Erschöpfung wird klar ersichtlich sein. Die logische Konsequenz wäre, dass jetzt dadurch Stürze und Verletzungen anstehen könnten."

Raich: "Es ist jetzt sicherer"
Das Ziel der FIS, die Kräfte in den Kurven und damit die Belastung für Knie und Rücken zu verringern, dürfte aber erreicht werden. "Es wirken weniger Kräfte. Das ist positiv für den Körper und sicherer", erklärte Benjamin Raich. Der Tiroler war von Anfang an hinter den Materialänderungen gestanden und sieht sich und die FIS bereits bestätigt: "Mittlerweile hat sich für fast alle Kollegen herausgestellt, dass es positiv ist."

Kurssetzung entscheidend
Für den einstigen Weltklasse-Skifahrer Günther Mader, der heute als Salomon-Rennleiter fungiert, wird der Erfolg des Projekts auch entscheidend von der Kurssetzung abhängen. Trotz der größeren Kurvenradien der Ski hat die FIS ihr Regelwerk nicht verändert. Den kurssetzenden Trainern bleibt damit ein recht großer Spielraum, gemäß "Gentlemen Agreement" sollen jedoch Tempokontrolle und Anpassung ans Gelände sowie die Bedingungen stets im Vordergrund stehen. "Ich hoffe, dass die Trainer so intelligent sind, dass sie an den Sport und nicht nur an ihre eigenen Läufer denken", meinte Mader.

Nächste Seite: Das sagen Rennläufer und Betreuer zum neuen Material

Marcel Hirscher (ÖSV-Athlet, amtierender Gesamt-Weltcup-Sieger): "Es fühlt sich besser an, als ich am Anfang geglaubt habe. Bei harten Bedingungen merkt man nicht viel Unterschied. Bei hohen Temperaturen wie beim vergangenen Weltcup-Finale in Schladming wird es aber schwierig, dann wird es meiner Meinung nach nicht mehr zum Anschauen sein."

Benjamin Raich (ÖSV-Athlet, Doppel-Olympiasieger, dreifacher Ex-Weltmeister, Gesamt-Weltcup-Sieger 2006): "Ich habe jahrelang Änderungen gefordert und befinde die Maßnahmen für gut. Mittlerweile hat sich auch für fast alle Kollegen herausgestellt, dass es positiv ist. Es wirken weniger Kräfte, das ist positiv für den Körper und sicherer."

Elisabeth Görgl (ÖSV-Athletin, Doppel-Weltmeisterin): "Am Anfang hatte ich Probleme, jetzt spüre ich keinen Unterschied mehr. Die Zuschauer werden keine Veränderungen merken. Für die Läuferinnen, die technisch sauber fahren, könnte es ein Vorteil werden."

Kathrin Zettel (ÖSV-Athletin, Ex-Weltmeisterin): "Ich habe mich darauf eingestellt, kein Problem. Man muss die Kurven jetzt anders anfahren."

Maria Höfl-Riesch (Athletin Deutschland, Gesamt-Weltcup-Siegerin 2011, Ex-Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin): "Bei den ersten Tests gleich nach der letzten Saison war es noch etwas ungewohnt. Aber nachdem ich den Sommer über viel und intensiv trainiert habe, komme ich gut damit zurecht. Ich bin selbst gespannt, wie die ersten Rennen laufen werden."

Ivica Kostelic (Athlet Kroatien, Gesamt-Weltcup-Sieger 2011, Ex-Weltmeister): "Das sind die Regeln, und die haben wir zu akzeptieren. Mein Eindruck ist, dass wir Athleten mehr Energie und Kraft als zuvor aufwenden müssen. Bei optimalen Bedingungen habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass der Ski jetzt mehr das tut, was ich möchte."

Ted Ligety (Athlet USA, Olympiasieger und Weltmeister): "Es dauert definitiv einige Zeit, um sich an die neuen Geräte zu gewöhnen. Man braucht jetzt deutlich mehr Muskelkraft. Solange der Schnee hart ist, fahren sich die neuen Ski gut, vielleicht sind sie sogar noch schneller als die alten. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Sicherheit nicht erhöht wird. Für die jungen Fahrer wird es vor allem bei weichen Bedingungen die Hölle, für die Kinder ganz besonders."

Mathias Berthold (ÖSV-Cheftrainer Männer): "Der Zuschauer wird nicht viel Unterschied bemerken. Wenn die Verhältnisse nicht hundertprozentig gut sind, dann werden es die Jungs etwas schwieriger haben. Ob es wirklich viel kraftaufwendiger wird, werden wir erst in den Wettkampfsituationen sehen."

Günter Obkircher (ÖSV-Riesentorlauf-Trainer Frauen): "Die Veränderungen werden bei den Damen nicht so groß spürbar sein. Bei normaler Kurssetzung wird für den Zuschauer nichts Neues zu sehen sein. Die Kräfte sind mit dem neuen Material schöner verteilt, es wird mehr über den Außenski gefahren werden."

Andreas Puelacher (ÖSV-Riesentorlauf-Trainer Männer): "Die Athleten müssen noch genauer über den Außenski fahren. Die Gewichtsverteilung ist circa 80:20 Prozent statt bisher 60:40. Man darf nicht zu früh auf den Innenski steigen. Ich gehe davon aus, dass sich die Hierachie nicht verändern wird. Die üblichen Verdächtigen werden weiter vorne sein."

Rainer Salzgeber (Head-Rennleiter): "Richtigen Spaß hat keiner damit. Die Routiniers sollten es recht schnell in den Griff kriegen, für die Jungen wird es richtig schwer. Ich glaube, dass der Riesentorlauf jetzt einen weiteren Schritt Richtung Spezialdisziplin macht. Ob die Allrounder mit den Spezialisten mithalten können, ist fraglich. Die Erschöpfung der Athleten wird aber klar ersichtlich sein. Die logische Konsequenz wäre, dass jetzt dadurch Stürze und Verletzungen anstehen könnten."

Günther Mader (Salomon-Rennleiter): "Wir groß der Unterschied ist, wird speziell von der Kurssetzung der Trainer abhängen. Ich hoffe, dass die Trainer so intelligent sind, dass sie an den Sport und nicht nur an ihre eigenen Läufer denken. Den einen oder anderen Ausfall wegen eines Innenskifehlers wird's schon geben. Ich glaube schon, dass es sicherer wird. Vor allem der Druck aufs Kreuz und auf die Knie wird reduziert. Es gibt fast keinen Läufer, der nicht Probleme in diesen Bereichen hatte, da musste etwas passieren. Die Gesundheit ist das höchste Gut."

Sigi Voglreiter (Fischer-Rennleiter): "Der geschulte Zuschauer wird sicher etwas merken, es schaut nicht mehr so 'easy' aus. Für die Athleten ist es sehr kraftaufwendig, sie brauchen jetzt noch mehr Muskeln, müssen aber auch technisch sehr ausgereift sein. Zum Beispiel in Alta Badia waren die Läufer bisher schon immer völlig über dem Limit, wie wird das erst jetzt? Es wird sicher Opfer und Gewinner geben. Das werden aber eher die Ausnahmen sein, die Besten werden größtenteils weiter vorne sein. Die schlampigen Fahrer könnten Probleme bekommen. Die Herausforderung wird: Wer schafft mit dem neuen Material die engsten Kurven?"

Zur Vollversion des Artikels
Weitere Artikel