"Anti-Meloni"
Italien: Ex-Hammerwerferin soll Meloni stürzen
28.04.2026Mitte-Links-Lager präsentiert Bürgermeisterin von Genua als " Kanzlerkandidatin" für Parlamentswahl 2027
Sie ist derzeit eine der am meisten diskutierten Personen der Politik in Italien. Dabei ist Silvia Salis, ehemalige Olympia-Hammerwerferin, erst seit knapp einem Jahr im Amt und war zuvor ohne Politikerfahrung. Seit elf Monaten ist die 40-Jährige Bürgermeisterin der Hafenstadt Genua und wird als Oppositionsführerin gehandelt, als Gegenspielerin der rechten Regierungschefin Giorgia Meloni.
Politische Beobachter bezeichnen Salis bereits als "Anti-Meloni". Wobei: Beide sind blond, charismatisch und durchsetzungsstark. Salis' schneller politischer Aufstieg ist bemerkenswert. Die Ehefrau eines Regisseurs und Mutter eines dreijährigen Kindes gewann im Mai 2025 klar die Bürgermeisterwahl in Genua. Es gelang ihr, die zersplitterten Mitte-Links-Kräfte zu einen und nach acht Jahren die Vorherrschaft der Mitte-Rechts-Koalition im Rathaus ihrer Heimatstadt zu beenden. Im Wahlkampf wurde sie wegen ihrer politischen Unerfahrenheit von der Rechten kleingemacht. Die Wählerschaft in Genua ließ sich davon jedoch nicht beeinflussen und entschied sich klar für die Quereinsteigerin, die zuvor vor allem für ihre sportlichen Erfolge bekannt war.
Salis ist eine starke Frau im wörtlichen Sinn
Salis ist eine starke Frau im wörtlichen Sinn. Als Hammerwerferin gewann sie zehn nationale Meistertitel und nahm an den Olympischen Spielen in Peking (2008) sowie London (2012) teil. Nach dem verletzungsbedingten Ende ihrer Karriere im Jahr 2016 begann sie ein neues Kapitel als Sportfunktionärin und wurde 2021 Vizepräsidentin des Italienischen Olympischen Komitees.
Der Einstieg in die Politik erfolgte, nachdem die Mitte-Links-Parteien in Genua monatelang erfolglos nach einem gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten gesucht hatten. Als in der Demokratischen Partei (PD) die Idee aufkam, Salis zu nominieren, sagte sie zu, stellte jedoch sofort klar, kein bloßes Promi-Aushängeschild sein zu wollen. Als Bedingung für ihre Spitzenkandidatur forderte sie ein geschlossenes Bündnis aller Kräfte links der Mitte. Diese Forderung zeigte Wirkung und sie gewann die Wahl.
Salis könnte der Sprung in die nationale Politik bevorstehen
Nach nur knapp einem Jahr im Amt könnte Salis nun der Sprung in die nationale Politik bevorstehen. Seit der Niederlage von Ministerpräsidentin Meloni beim Referendum über die umstrittene Justizreform am 23. März befindet sich die rechte Regierung in Rom in politisch unruhigem Fahrwasser. Melonis Sorgenfälle häufen sich: Zwei umstrittene Regierungsmitglieder und Parteifreunde der Ministerpräsidentin - Tourismusministerin Daniela Santanché und Justiz-Staatssekretär Andrea Delmastro - mussten zurücktreten. Auch die internationale Politik wirken belastend. Hohe Energiekosten und andere Auswirkungen der Kriege im Nahen Osten, die schwieriger gewordenen Beziehungen zu den USA setzen Meloni zusätzlich zu. So verweigerte Italien kürzlich zwei US-Kampfflugzeugen die Landung auf dem US-Stützpunkt Sigonella auf Sizilien. Die betont freundschaftlichen, engen Beziehungen Melonis zu US-Präsident Donald Trump haben sich dadurch deutlich abgekühlt.
Auf die bisher ziemlich im Abseits stehende Mitte-Links-Opposition wirkt dies revitalisierend. Der letzte Wahlsieg der Demokratischen Partei geht auf das Jahr 2013 zurück. Die 40-jährige sozialdemokratische Oppositionsführerin Elly Schlein gilt vielen als zu wenig charismatisch, um Mitte-Links zum ersehnten Wahlsieg zu führen. Zudem gerät sie immer wieder in Konflikt mit ihrem Verbündeten, dem früheren Ministerpräsidenten Giuseppe Conte, dem Vorsitzenden der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung. Beide streben danach, die Opposition im nächsten Wahlkampf anzuführen, gelten jedoch zugleich als zu schwach, um das zerstrittene Politlager zusammenzuführen. Diese Rolle könnte stattdessen nun Silvia Salis zufallen.
Unter linken Wählern wächst die Hoffnung auf Salis als ernsthafte Konkurrenz für Meloni. Sie selbst zeigt sich dafür offen - wieder vorausgesetzt, dass das gesamte Mitte-Links-Lager sie gemeinsam trägt. So wie ihr in Genua der politische Durchbruch gelang, soll ihr nächstes Jahr der Sprung ins politische Zentrum Italiens gelingen.