Umstritten

Arzt verteidigt Wachstum-Stopp für Ashley

04.01.2007

Einer der Ärzte der behinderten neunjährigen Ashley aus den USA, Douglas Diekema, hat die weltweit kontrovers diskutierte Behandlung des Mädchens verteidigt.

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"Wir haben sehr gründlich darüber nachgedacht, ob bestimmte Behandlungen helfen könnten oder nicht", sagte der Mediziner. Mit Operationen und einer Hormontherapie ist das Mädchen auf dem körperlichen Entwicklungsstand einer Sechsjährigen gehalten worden, unter anderem damit es weiter von seiner Familie zu Hause im US-Bundesstaat Washington gepflegt werden kann. Das Mädchen leidet nach Angaben der Eltern an einer irreversiblen Hirnschädigung.

Entscheidung nach langer Diskussion
"Die Entscheidung fiel nach einer langen Diskussion, und erst nachdem höchst verantwortungsvolle Mitglieder unseres Ethik-Ausschusses die Eltern angehört haben und gesehen haben, wie sie mit ihrer Tochter umgehen", sagte Diekema der Zeitung. Neben "ein, zwei beunruhigenden E-Mails" habe er auch viel zustimmende Post erhalten. "Jedes Mal, wenn wir Medikamente verschreiben, ein gebrochenes Bein behandeln oder versuchen, Krebspatienten zu heilen, verändern wir Dinge, die ansonsten eine natürliche Entwicklung gewesen wären", erklärte der US-Mediziner.

Eingriff auch in den USA umstritten
Arthur Caplan, Medizinethiker an der University of Pennsylvania, kritisierte den Eingriff, das Mädchen am Erwachsen werden zu hindern. "Ich glaube, dass die Peter Pan-Variante moralisch falsch ist", schrieb Caplan am Sonntag in einem Kommentar in einer US-Zeitung. "Ashley klein zu halten ist eine pharmakologische Lösung für ein soziales Versagen - die Tatsache nämlich, dass die amerikanische Gesellschaft für schwer behinderte Kinder und ihre Familien nicht genug Hilfe leistet".

Massive Kritik - und Unterstützung
Die Eltern teilten online mit, ihre Webseite habe seit Bekanntwerden der Geschichte in den Medien über eine Million Zugriffe erhalten. In 48 Stunden seien mehr als 1.000 Kommentare eingegangen. Im Internet erfuhren die Eltern Unterstützung, aber auch massive Kritik. "Abscheulich", "grotesk" und "wie bei Frankenstein", hieß es. "Hier haben die Ärzte nur wieder versucht, Gott zu spielen."

Gebärmutter und Brüste entfernt
Der geistig und körperlich schwer behinderten Ashley wurden im Sommer 2004 die Gebärmutter und die Brüste entfernt, zweieinhalb Jahre lang bekam sie in hohen Dosen das weibliche Geschlechtshormon Östrogen verabreicht. Die Östrogentherapie habe das Wachstum des jetzt 135 Zentimeter großen Mädchens gebremst. Die Gebärmutteroperation sorge dafür, dass Ashley nicht unter Monatsblutungen und Schmerzen leiden müsse, argumentieren die Eltern.

Öffentlicher Brief der Eltern
In einem öffentlichen Brief erklärten die Eltern ihre Beweggründe. "Ashley geht es gut, sie ist gesund, glücklich und wird liebevoll betreut", heißt es auf der eigens eingerichteten Internetseite. "Die "Ashley Behandlung" hat den Zweck, die Lebensqualität unserer Tochter zu erhöhen und nicht die Bequemlichkeit ihrer Betreuer."

Ursache lässt sich nicht klären
Die Ursache für die Krankheit des Kindes ließ sich den Eltern zufolge trotz unzähliger Untersuchungen nicht klären. Ashley ist nach Angaben ihrer Eltern auf dem geistigen Entwicklungsstand eines drei Monate alten Babys. Sie könne sich nicht selbst bewegen, umdrehen oder den Kopf halten, geschweige denn ein Spielzeug in die Hand nehmen. "Wir nennen sie unseren Kissen-Engel", schreiben die Eltern, "weil sie so süß ist und immer genau da bleibt, wo wir sie hinlegen - normalerweise auf ein Kissen".

In Österreich nicht möglich
"Schwerste ethische Bedenken" zum künstlichen Wachstums-Stopp bei der neunjährigen behinderten Ashley aus Seattle brachte Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin in Wien, am Freitag vor. "Man hätte sich gegen diese Operationen aussprechen sollen und ich glaube auch, dass man sich in Österreich aus medizinischer und rechtlicher Sicht anders entschieden hätte", sagte der Universitätsprofessor.

"Die österreichische Rechtslage würde das meines Wissens nach nicht zulassen", meinte Körtner. Hier zu Lande würde die körperliche Unversehrtheit eines Menschen im Falle eines Rechtsstreits vermutlich sehr hoch gewichtet.

Urteil bei Grenzfällen schwierig
"In ethischen Grenzfällen muss man vorsichtig sein, ein Urteil abzugeben", sagte Günter Virt, stellvertretender Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien. "Wenn man einem Menschen künstlich Wachstum und Reife nimmt, dann geht das an den Innenbereich der Menschenwürde", meinte er. Und über die Menschenwürde könne niemals ein anderes Gut gestellt werden, so der Moraltheologe.

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