Guru erinnert sich

Als der Herminator fast ein Bein verloren hätte

© gepa
Heini Bergmüller stand als Fitmacher hinter den Erfolgen von Ski-Superstar Hermann Maier. Seinen wichtigsten Job machte er vor genau 25 Jahren - als der Herminator bei einem Motorrad-Unfall fast ein Bein verloren hätte.
Zur Vollversion des Artikels

Freitag, 24. August, 2001, kurz nach 19 Uhr: Hermann Maier hat seinen Trainingstag im Olympiastützpunkt Obertauern beendet. Er startet sein Motorrad und cruist ins Tal Richtung Flachau, wo er sich mit seinem Bruder Alex beim Fußballspiel seines früheren Klubs treffen will.

Auf der Umfahrungsstraße in Radstadt passiert es: Ein deutscher Pensionist im Mercedes will links abbiegen und übersieht den damals besten Skirennläufer der Welt. Maier bleibt mit einem offenen Unterschenkelbruch im Straßengraben liegen. Den Arzt, der wie durch ein Wunder wenige Minuten später zur Stelle ist, fleht er an: "Bitte rette mein Bein!" Kurz später hebt der Helikopter mit dem schwer verletzten Ski-Olympiasieger Richtung UKH Salzburg ab.

Bei Bergmüller läutet das Telefon. 25 Jahre später erinnert sich der damalige Olympiastützpunkt-Chef an die dramatischen Stunden.

"In der Intensivstation haben wir Comeback-Pläne geschmiedet"

oe24: Wie haben Sie von Maiers Unfall erfahren?

Heini Bergmüller: Ich bin von unserem Arzt Harald Aufmesser angerufen worden. Der hatte gleich neben der Unfallstelle eine Privatklinik. Während ich im Hintergrund den Helikopter-Lärm gehört habe, hat sich Hermann von der Trage aus am Telefon gemeldet. Ich hab versucht, ihn zu beruhigen. Kaum hat er aufgelegt, habe ich mir mit meinem Team erste Gedanken gemacht, wie ein Comeback aussehen könnte und welche Schritte es dazu braucht. So verrückt es aus heutiger Sicht klingt: Wir haben tatsächlich an die Olympischen Spiele fünf Monate später in Salt Lake City gedacht. Um halb sieben Uhr in der Früh hat Artur Trost aus dem Unfallkrankenhaus angerufen und gemeint, dass die OP zwar lange gedauert hat, aber dass alles gut gegangen ist.

oe24: Die sind sich bekanntlich für Hermann nicht ausgegangen ...

Bergmüller: Trotzdem war es wichtig, ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Ich erinnere mich noch gut daran, als Hermann in der Intensivstation gelegen ist und wir gemeinsam Comeback-Pläne geschmiedet haben. Ich habe den berühmten Handkurbel-Ergometer aus Deutschland organisiert, mit dem hat Hermann sofort nach der Übersiedelung aus der Intensiv- in die Normalstation jeden Tag trainiert. Im Nachhinein haben alle die Sinnhaftigkeit hinterfragt, aber für den Kopf war das unglaublich wichtig.

oe24: Die wenigsten hatten Maier damals ein ernsthaftes Comeback zugetraut. Haben Sie immer daran geglaubt?

Bergmüller: Ja, weil ich gewusst habe, wie stark Hermann im Kopf ist. Dabei hat kaum jemand realisiert, wie schwer er wirklich verletzt war. Das rechte Bein ist nur mehr an ein paar Fäden gehangen, dazu kamen Einblutungen im Becken, die die Nerven im Fuß so schwer geschädigt haben, dass die Bewegungsfreiheit bis heute nicht wiederhergestellt ist. Die Operation war das eine. Aber die Zeit danach war genauso entscheidend. Ich trau mich zu behaupten, dass wir die Sport-Reha des Jahrhunderts hinbekommen haben. Das hat nur funktioniert, weil Leute wie Physiotherapeut Vincent Vermeulen fast rund um die Uhr für Hermann da waren und Hermann überall aktiv mitgemacht hat. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendein Sportler auf der Welt so viel in ein Comeback investiert hat.

Hermann ist noch heute Vorbild für Verletzte

oe24: Tatsächlich ging das als eines der größten in die Sportgeschichte ein ...

Bergmüller: Es ist auch 25 Jahre später unglaublich, dass Hermann eineinhalb Jahre nach diesen schweren Verletzungen den Super-G in Kitzbühel gewonnen hat, dass er noch einmal Weltmeister geworden ist und noch einmal den Gesamtweltcup geholt hat. Das Schöne ist, dass sich noch heute Leute bei mir melden und mir erzählen, dass ihnen Hermann als Vorbild geholfen hat, nach einer schweren Verletzung zurückzukommen.

Hermann Maier beim legendären Super-G-Sieg am 27. Jänner 2001. © gepa

oe24: Unterhalten Sie sich mit Hermann noch heute darüber?

Bergmüller: Das letzte Mal haben wir vor drei Wochen telefoniert, aber da ist es um andere, private, Dinge gegangen. Über Hermanns Reha und die Zeit damals haben wir uns vor etwa zwei Jahren, als ich an meiner Autobiografie gearbeitet habe, intensiv unterhalten. Die Tage, Wochen und Monate damals haben uns schon sehr zusammengeschweißt.

Bergmüller mit Maier beim Reha-Training. © gepa