Der Schweizer im Allgemeinen neigt ja seit jeher zur Verkleinerung: Egal, ob‘s das Stündli ist, das uns allen einmal schlägt, ein Zügli oder gar der Drahtschmidlisteg in Zürich – Diminutiv ist Pflicht. Ja, manche Worte sind unverkleinert nicht mehr denkbar, das Muesli etwa, die Karotte heißt hierzulande klarerweise Ruebli und das Croissant ganz unfranzösisch Gipefli.
Kleine Sünden sind nicht mehr so schlimm
Warum das so ist, darüber wissen die Sprachpäpstinnen und -päpste Bescheid: Das Ganze komme aus dem romanischen Sprachraum und drücke Bescheidenheit und eine gewisse Vertrautheit aus. Und: Die Sünden des Lebens klingen dann nicht mehr so schlimm, der Reigen reicht da vom Schnäpsli bis zum – Käfeli, Sie haben’s erraten.
Zu den Zürcher Bädern ist zwar wenig Sündiges zu sagen – an der Limmat und am See heißen sie trotzdem "Badis". Achtzehn Stück gibt es – viel für eine 400.000-Seelen-Stadt. Und sie hätten eigentlich das Zeug, unsere Urlaubsgewohnheiten ordentlich über den Haufen zu werfen. Grado, Rimini oder Cattolica? Zürich kann auch was in Sachen Badeurlaub! Und vielleicht sogar ein bisschen mehr. Scusi, mein geliebtes Italien.
Anfahrt funktioniert wie im Schlaf - mit dem Nightjet
Doch dazu später mehr, damit sich die Anreise mal vom traditionellen Runterstauen zum italienischen Stiefel unterscheidet, haben die ÖBB seit einigen Tagen eine neue Nightjet–Strecke aufgemacht: Sie steigen um 21.39 Uhr in Wien Hauptbahnhof ein – und um 10.30 Uhr in Zürich aus. Ab Herbst wird es um knapp zwei Stunden flotter gehen, dann nehmen die SBB die schnellere Nordstrecke wieder in Betrieb. Und: Zugestiegen kann bis Salzburg werden - diese Reise ist also nicht nur was für Wienerinnen und Wiener.
Die Tickets gibt’s ab 29,90 Euro pro Person, ein Liegewagen-Platz oder die neuen Minicabins sind um etwas mehr als 100 Euro zu bekommen, ein Schlafwagen-Abteil (mit zwei Plätzen) kann schon mal an die 200 Euro kommen. Die Preise sind je nach Auslastung unterschiedlich, mit etwas Flexibilität bei den Reiseterminen ist die Chose aber durchaus eine Konkurrenz zu der an sich sehr guten Flugverbindung nach Zürich.
Und das völlig zu Recht: oe24 testet den Nightjet der neuesten Generation, der auf der Zürich-Strecke zum Einsatz kommt. Nun, der Sitzwagen ist zwar ein neues Level, eine Nacht darin zu verbringen aber nur unwesentlich bequemer als ein Flug nach Übersee. Also die Mini-Cabin? Eine Supervariante für alleine oder zu zweit Reisende, denn jeweils zwei Cabins können durch Beiseiteschieben eines Rollos zu einer Kabine gemacht werden. Allerdings: Platzangst sollte man keine haben – und auch eine gewisse Gelenkigkeit schadet keineswegs.
Geräumig kommt indes der neue Vierer-Liegewagen daher. Und der Schlafwagen – wohlgemerkt mit exklusiver Dusch-WC-Nasszelle - setzt überhaupt neue Maßstäbe. Luxuriöser ist nur der Orient-Express.
Für ÖBB-Nightjet–Chef Kurt Bauer setzt eben darauf, dass Urlaub per NJ eben schon im Zug beginne - und die Reisenden in der neuen NJ–Generation ein ganz neues Urlaubserlebnis hätten. Zudem spart man sich ein oder gar zwei Nächte im Hotel.
Perfekt für Menschen mit Flugangst
Die Klientel seien vor allem Menschen, die auf Nachhaltigkeit setzen – oder zum Beispiel wegen Flugangst ungern in Jets steigen, so Bauer. Der Erfolg gibt ihm recht: "Wir werden am Jahresende einen neuen Fahrgastrekord im Nightjet haben", wagt Bauer bereits Anfang Juli eine Prognose. Die neue Strecke nach Zürich sollte da mithelfen - schon bisher fuhren 1,5 Millionen Menschen zwischen der Schweiz und Österreich, das sollte noch mehr werden.
Das gilt vor allem für Eisenbahn-Fans: Denn Zürich ist der perfekte Startpunkt für die weltberühmte Grand Tour der Schweizer Bundesbahnen SBB: Die Tour lässt sich beliebig zusammenstellen, zur Verfügung stehen 1.280 perfekt erschlossene Bahnkilometer, die klassische Strecke dauert acht Tage und führt unter anderem von Zürich über St. Moritz mit dem Glacier Express bis nach Zermatt.
Baden und Geld scheffeln
Doch als der Premieren–Nightjet gegen halb zehn in Zürich einfährt - ab Herbst ist die Ankunft nach Ende der Bauarbeiten dann business–tauglich für kurz nach halb neun geplant - ist es brennend heiß, also nach dem Einchecken ins Hotel ab in eines der Badis am See. Sie sind allesamt schnell mit der Tram (die 430.000-Einwohner-Stadt Zürich hat keine U–Bahn) - oder noch besser per Fuß erreichbar.
Ja, Zürich ist DIE Geld- und Business-Stadt der Schweiz, mit einem Bruttodurchschnittseinkommen von knapp 90.000 Franken (97.000 Euro) ist man schweizweit die Nr. 1, bei den obersten 20 Prozent der Einkommensverdiener liegt der Kanton Zürich landesweit auf Platz 2 hinter dem noblen Kanton Zug. Entsprechend busy geht’s in Zürich zu, in der Haupteinkaufmeile – der Bahnhofsstraße – drängen sich die Shops aller Luxusmarken, vornehmlich klarerweise Uhren und alle Modedesigner.
Aber gleichzeitig versprüht Zürich ein unglaublich entspanntes Flair: Am Ufer des Zürichsees herrscht sowieso Urlaubsstimmung. Doch auch am gefluteten Schanzengraben sowie an der Limmat - dem zentralen Entwässerungsfluss des Sees, der via Aare und Rhein in die Nordsee fließt – relaxen sich durchwegs junge Zürcherinnen und Zürcher.
Also ab ins Wasser! Hier die wichtigsten Badis für oe24 getestet:
Die Strandbäder für Familien und Gemütliche
Mythenquai (Zürich–Enge): Das Bad hat einen 250 Meter langen Sandstrand, eine riesige Wiese, Sprungtürme im See (bis zu 5 Metern) und ein Restaurant der bekannten vegetarischen Kette Hiltl.
Tiefenbrunnen (Zürich-Seefeld): Auf der gegenüberliegenden Seeseite gelegen. Es hat eine tolle 62-Meter-Rutschbahn, die direkt in den See führt, ein Kinderplanschbecken, Sprungtürme und einen genialen Blick auf die Alpen.
Die Stadtbäder - Sehen und gesehen werden.
Das Seebad Utoquai ist ein wunderschönes, historisches Holz–Kastenbad aus dem Jahr 1890 direkt an der Seepromenade. Perfekt für den schnellen Sprung in den erfrischenden See zwischendurch oder nach der Arbeit.
Seebad Enge: Eine Holzplattform direkt am und im See. Hier gibt es zwei abgetrennte Schwimmbereiche, einer exklusiv für Frauen.
Es gibt Badis für Frauen und Männer
Apropos Frauen: Auch wer den Blicken des jeweils anderen Geschlechts ausweichen will, dem kann geholfen werden:
Untertags getrennt baden - am Abend zusammen feiern
Frauenbad am Stadthausquai: Das ist ein wunderschönes Jugendstilbad in der Limmat, das tagsüber nur den Frauen vorbehalten ist. Abends öffnet es für alle als sogenannte Barfussbar.
Männerbad Schanzengraben: Das älteste Freibad der Stadt (es ist seit 1863 in Betrieb), versteckt in einem alten Festungsgraben und ist perfekt an Hitzetagen. Tagsüber nur für Männer, abends mutiert es zur legendären Rimini–Bar für alle.
Zu meckern gibt es da gar nichts - nur eine kleine Ungerechtigkeit zu vermerken: Während das Männerbad gratis ist, bezahlen Frauen am Stadthausquai wie in den anderen Badis acht Franken, also umgerechnet 8,70 Euro. Zum Vergleich: Auch in einem städtischen Bad in Wien sind derzeit 8,10 Euro fällig.
Flussbäder sind wunderbar - und gratis
Damit wären Besucherinnen und Besucher ja an sich gut bedient – doch die eigentlichen Geheimtipps für Bade–Fans liegen etwas weiter abseits an der Limmat. Die beiden Flussbäder an der Oberen und Unteren Letten sind einfach ein Hit und noch dazu völlig kostenlos. Ersteres liegt noch mitten in der Stadt. Man lässt sich von der Strömung treiben, springt von den Betonmauern und sonnt sich auf den Holzterrassen. Die Untere Letten liegt etwas weiter flussabwärts, ist etwas idyllischer und mit Holzstegen gebaut. Ein Wehr am Ende fängt die allzu wagemutigen Schwimmer ab. Zwischen den beiden Bädern reihen sich hipstermäßige Strandlokale, einfach nett.
Und sonst? In Caorle bleibt Ihnen bestenfalls die Pizzeria am Abend - Zürich hat zusätzlich zum Badespaß das Angebot einer Weltstadt: Oper und Schauspielhaus - sensationell die Dependance "Schiffbau" in Zürich-West, einer ehemaligen Schiffsfabrik. Dazu kommen zwei Top–Museen wie das Kunsthaus mit genialen Giacometti-Skulpturen oder der größten Munch-Sammlung außerhalb Norwegens sowie das architektonisch interessante Landesmuseum Zürich. Und wer weltgeschichtliche Luft schnuppern will, der begibt sich zu jener Wohnung in der Spiegelgasse, in der ein gewisser Wladimir Uljanov alias Lenin die russische Revolution plante.
Am Abend geht’s dann in die Innenstadt, wo sich ein Lokal an das andere reiht, auch das ist Wasser ein Thema: Die Stadt hat rund 400 Trinkbrunnen. Warum nicht einen Fisch in der Fischerstube am Zürihorn? Oder - fast noch besser - ein geschichtliches Abendmahl: Im "Rechberg 1837" kocht man eben wie im Jahr 1837, köstlich mit Schweizer Weinen. Oder man kehrt ins Restaurant "Schipfe 16" ein, herrlich an der Limmat liegend.
Die angegessenen Kalorien kann man ja am nächsten Tag im Badi wieder herunterschwimmen.