Untersuchung

Digitaler Ötzi lüftet neues Tattoo-Geheimnis

© De Agostini via Getty Images
Forscher haben mithilfe von Fotos und CT-Daten einen digitalen Zwilling von Ötzi erstellt. Nun kann die Mumie ohne Probleme untersucht werden. Dabei gab es erste neue Erkenntnisse bezüglich seiner Tätowierungen.
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Seit 1991 wird Ötzi von der Wissenschaft untersucht. Damals wurde die Mumie in den Gletschern vom Similaun entdeckt und ins Tal gebracht. Einige Erkenntnisse: Ötzi wurde vor 5.300 Jahren in 3.213 Metern auf mysteriöse Art und Weise ermordet. Heute ist die Mumie im Archäologiemuseum Südtirol in Bozen aufbewahrt.

Ötzi ist in einer Kühlzelle bei minus 6 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit untergebracht. Aufgrund dieser Bedingungen fragten sich Forscher jahrelang, wie sie die Mumie, ohne sie aus der wichtigen Kryokonservierungskammer herauszuholen, untersuchen können.

Unternehmen erstellt digitalen Ötzi-Zwilling

Nun liefert ein neues Projekt eine mögliche Lösung dafür: ein digitaler Zwilling von Ötzi. Dafür verantwortlich ist ein interdisziplinäres Team um den Trentiner Archäologen Luca Bezzi. Er hat gemeinsam mit seinem Bruder Alessandro das Unternehmen Arc-Team gegründet, wie nun die internationale Fachzeitschrift "Heritage" berichtet.

Mit Erstellung von digitalen Zwillingen kennt sich das Unternehmen sehr gut aus. An ihrem Sitz in Cles haben sie zuvor in Zusammenarbeit mit der Universität Padua das Gesicht des heiligen Antonius von Padua dreidimensional rekonstruiert. Nun erschuf Arc-Team ein digitales 3D-Abbild von Ötzi in der höchsten Auflösung.

1.294 HD-Fotos mit CT-Daten kombiniert

Für die Erstellung wurden 1.294 HD-Fotografien mit CT-Daten, die 2021 im Krankenhaus von Bozen aufgenommen wurden, miteinander kombiniert. Somit können Forscher den Mann aus dem Eis künftig online und bis ins kleinste Detail untersuchen. Zudem muss Ötzi weder berührt noch aus seiner Kühlzelle herausgeholt werden.

Die Kühlzelle ist weltweit einzigartig und ist seit 1998 die Heimat von Ötzi. Mit der Zelle kann der Mann aus dem Eis konserviert werden und vom Publikum betrachtet werden. 2003 wurde die Zelle renoviert. Seitdem sorgt ein Kühlsystem, das die Innenwände mit einer 1,5 Zentimeter dicken Eisschicht überzieht, für ideale Bedingungen für die Mumie.

Nächster CT-Scan steht in sieben Jahren an

Luca Bezzi sagt über das Projekt: "Dieses vom Archäologiemuseum Südtirol in Auftrag gegebene Projekt eröffnet neue Perspektiven für Forschung, Konservierung und Vermittlung. Zum ersten Mal vereint es in einem einzigen Modell die hochauflösende Dokumentation der Oberfläche einer Mumie und die fotogrammetrischen Daten der Computertomografie ihres Inneren."

In sieben Jahren steht der nächste CT-Scan an, so die aktuelle Planung. Dann sollen neue Informationen über die inneren Organe von Ötzi ermittelt werden. Laut Forschern scheint das Gehirn etwa leicht zu analysieren. Bei dem CT-Scan sollen vielversprechende Technologien wie Blaulichtlaser eingesetzt werden. Elisabeth Vallazza, Direktorin des Archäologiemuseums Südtirol, erklärt: "Durch die regelmäßige Wiederholung dieser Analysen werden selbst minimale Veränderungen im Zustand der Mumie Ötzi erkannt und miteinander verglichen werden können."

Einige Schwierigkeiten beim Projekt

Eigentlich sollte mithilfe des Projekts nur die Gegenstände von Ötzi dokumentiert werden. Doch später wurde es auf den gesamten Körper ausgeweitet. Das Projekt verlief aber nicht ohne Probleme. Luca Bezzi berichtet: "Leder, Fell, Holz, Kupfer, Pflanzenfasern, Feuerstein, Haut und Eis reflektieren das Licht auf sehr unterschiedliche Weise, daher haben wir die Aufnahmemethode an jedes einzelne Material angepasst." Besonders die Bärenfellmütze sorgte für große Schwierigkeiten.

Der Experte erläutert: "Diese Technologien arbeiten mit der Physik des Lichts und ermöglichen es uns, jene komplexe dreidimensionale Struktur in hoher Auflösung zu erfassen. Hätten wir uns hingegen auf traditionelle polygonale 3D-Modelle beschränkt, wären die Details spärlich geblieben."

"Die 61 Tätowierungen sind deutlich zu erkennen"

Bei Ötzis Körper sei Dokumentation aufgrund der Reflexionen der feuchten Haut eine Herausforderung gewesen. Diese wird durch die Befeuchtung in der Zelle verursacht. Das Team fand auch eine Lösung dafür: "Deshalb entwickelte das Team eine spezielle Aufnahmemethode mit polarisiertem Licht, wodurch störende Reflexe stark reduziert und ein Modell mit submillimetrischer räumlicher Auflösung erzielt wurde." Luca Bezzi fügt hinzu, dass Ötzi weltweit die einzige Mumie sei, die mit einem Mix aus CT und Fotogrammetrie dokumentiert wurde.

Bezzi hat auch die ersten Erkenntnisse: "Die 61 Tätowierungen sind deutlich zu erkennen und könnten medizinische Tätowierungen sein, eine Art heilende Akupunktur. Der nächste, hochinteressante Schritt wird sein, herauszufinden, ob sie kranke Bereiche seines Körpers abdeckten." Das wäre ein Beweis dafür, dass die Ärzte der Kupferzeit alles andere als primitiv waren.