Star-Friseur
Kevin Reichard: "Ich weiß, Mama wäre stolz..."
Kevin führt Barbara Reichard Lebenswerk fort
Schon früh wurde ihm das Unternehmer-Gen in die Wiege gelegt. Als Kind begleitete er seine Mutter, die legendäre Friseurin Barbara Reichard, regelmäßig in ihre Salons. So wuchs er in der Frisurenwerkstatt auf und stieg nach der Schule selbst ins Unternehmen ein. Heute führt der 35-jährige Wiener die Frisurenwerkstatt alleine und verantwortet Organisation, Personal und Finanzen. Seine Mutter erkrankte an Krebs und verstarb 2024 an den Folgen der Krankheit mit nur 62 Jahren. Seitdem führt Kevin ihr Lebenswerk mit Stolz weiter – und setzt dabei zunehmend seine eigene Handschrift. MADONNA traf ihn in seinem Salon im 1. Bezirk zum Gespräch über Verlust, Unternehmertum und die Zukunft der Beauty-Branche.
“Natürlich gibt es Momente, in denen mich das sehr berührt.”
Kevin Reichard
Kevin, wir sind hier im Salon an der Freyung. Ist es manchmal emotional schwer für dich, täglich in Räumen zu sein, die deine Mutter so geprägt hat?
Kevin Reichard: Natürlich gibt es Momente, in denen mich das sehr berührt. Ich habe schon als Kind viel Zeit in unseren Salons verbracht und später viele Jahre Schulter an Schulter mit meiner Mutter gearbeitet. Fast jeder Bereich im Unternehmen ist mit Erinnerungen an sie verbunden. Heute empfinde ich das aber nicht als unbedingt traurig. Es gibt mir auch eine Nähe zu ihr. Ich sehe jeden Tag, was sie geschaffen hat und wie viel von ihr hier weiterlebt – vor allem in den Menschen, die teilweise schon sehr lange mit uns arbeiten. Deshalb überwiegen Dankbarkeit und Stolz.
Du bist seit eineinhalb Jahrzehnten im Unternehmen. War für dich immer klar, dass du einmal einsteigen möchtest?
Reichard: Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe gesehen, wie viel meine Mutter gearbeitet hat – schlaflose Nächte, sieben Tage die Woche, Existenzängste. Nach der Schule war ich ein bisschen rebellisch und hatte keinen Plan, sofort in den Familienbetrieb einzusteigen. Dann hatte meine Mutter kurzfristig personelle Probleme und brauchte jemanden an der Rezeption. Also bin ich eingesprungen. Aus diesem einen Tag ist irgendwie mein Berufsleben entstanden. Es gab nie den Moment: "Du übernimmst jetzt die Firma." Ich musste mir meinen Platz selbst erarbeiten.
Als deine Mutter bereits krank war, musstest du immer mehr Verantwortung übernehmen. Wie schwierig war es, in dieser emotional belastenden Phase gleichzeitig den beruflichen Druck zu tragen?
Reichard: Es war die schwierigste Phase meines Lebens. Einerseits war meine Mutter schwer krank und ich wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Andererseits trug ich Verantwortung für das Unternehmen und unsere Mitarbeiter. Eine große Unterstützung war unser Team, das vieles aufgefangen und mir dadurch mehr Zeit mit meiner Mutter ermöglicht hat. Dafür werde ich immer dankbar sein.
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“Ich möchte nicht versuchen, wie meine Mutter zu sein, sondern bewahren, was sie außergewöhnlich gut gemacht hat...”
Kevin Reichard
Du führst heute weiter, was deine Mutter aufgebaut hat. Wie viel Barbara Reichard soll auch in Zukunft in der Friseurwerkstatt stecken – und wo möchtest du deine eigene Handschrift hinterlassen?
Reichard: Sehr viel Barbara Reichard soll bleiben. Meine Mutter ist in einem Kinderheim aufgewachsen und hat sich ohne finanzielle Unterstützung von null ein Unternehmen aufgebaut, das heuer seit 40 Jahren besteht. Davor habe ich enormen Respekt. Gleichzeitig waren wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Ich habe heute einen anderen Blick auf das Unternehmen und beschäftige mich vor allem mit Strategie, Personal, wirtschaftlichen Entscheidungen und unserer Weiterentwicklung. Ich möchte nicht versuchen, wie meine Mutter zu sein, sondern bewahren, was sie außergewöhnlich gut gemacht hat, und gleichzeitig meinen eigenen Führungsstil einbringen.
Welche Herausforderungen beschäftigen Friseurbetriebe momentan am meisten?
Reichard: Ganz klar Personal und Kosten. Gute Friseurinnen und Friseure zu finden, ist schwieriger geworden, gleichzeitig sind die Erwartungen an Arbeitgeber gestiegen – etwa bei Wertschätzung, Entwicklungsmöglichkeiten und Arbeitszeiten. Dazu kommen stark gestiegene Personal-, Miet-, Energie- und Produktkosten. Die Herausforderung ist, wirtschaftlich gesund zu bleiben, ohne an Qualität zu sparen. Auch als Unternehmer muss man sich deshalb ständig weiterentwickeln.
Hairtools für zu Hause werden immer besser, gleichzeitig setzen internationale Märkte auf Konzepte wie Blow-Dry-Bars. Wie verändert sich die Friseurbranche – und was müssen Salons heute bieten, um relevant zu bleiben?
Reichard: Ich sehe die Entwicklung nicht als Bedrohung. Vieles kann man heute selbst machen, aber Expertise, Beratung und komplexe Dienstleistungen lassen sich nicht so einfach ersetzen. Gleichzeitig wünschen sich Kunden mehr Flexibilität und Convenience. Konzepte wie Blow-Dry-Bars sind bei uns aufgrund der hohen Kosten schwer eins zu eins umzusetzen. Das Bedürfnis nach schnellen, unkomplizierten und kurzfristig buchbaren Services ist aber definitiv da. Salons brauchen deshalb künftig vor allem klare Kompetenz, eine eigene Identität und mehr Flexibilität.
Du bist praktisch zwischen Föhn, Schere und Stylingprodukten groß geworden. Bist du privat besonders kritisch, wenn es um Haare geht?
Reichard: Leider ja. Nach so vielen Jahren kann man diesen Blick wahrscheinlich gar nicht mehr ausschalten. Mein erster Blick richtet sich tatsächlich immer zuerst auf die Haare. (lacht).
Wenn deine Mutter heute in den Salon kommen und sehen würde, wie du das Unternehmen führst – was glaubst du, würde sie sagen?
Reichard: Sie würde wahrscheinlich zuerst durch den ganzen Salon gehen und alles kontrollieren (lacht). Meine Mutter war sehr genau und hatte zu fast allem eine kritische Meinung. Aber ich weiß, sie wäre stolz – auf das Team, aber auch auf mich. Ein Unternehmen wie unseres ist keine Einzelleistung, jeder trägt seinen Teil dazu bei. Trotzdem hätte sie uns sicher gesagt, was wir noch besser machen könnten. Und genau das fehlt mir sehr.