oe24-Talk

Muster: "In der Politik tät ich nicht überleben"

© Erste Bank Open
Die Tennislegende über die bis 1. November laufenden Erste Bank Open, die Verletzungssorgen der Topspieler und eine mögliche Rolle in der Sportpolitik.
Zur Vollversion des Artikels

Wenn die besten Tennisspieler der Welt in dieser Woche in der Wiener Stadthalle um 500 ATP-Punkte und 2,8 Millionen Euro Preisgeld (523.305 Euro für den Sieger) kämpfen, zieht Legende Thomas Muster (59) mit viel Engagement hinter den Kulissen die Fäden. Lesen Sie, was der dreimalige Wien-Finalist (1988, 1993, 1995) von den Stars von heute hält, wie er zur "Sportnation Österreich" steht und ob er als oberster Sportboss des Landes zu haben wäre.

"Rasenmähen hält offenbar fit"

oe24: Herr Muster, erlauben Sie mir meine Lieblingsfrage zu Beginn: Wie steht‘s um Ihre persönliche Fitness?

MUSTER: Nicht ganz so gut wie vor einem Jahr, als Sie mich dasselbe gefragt haben (nachdem Tom 19 kg abgenommen hatte, d. Red.). Inzwischen sind wieder vier Kilo dazugekommen. Aber ich spiele kein Tennis mehr, auch kein Padel-Tennis. Aber viel Rasenmähen hält offenbar fit ...

oe24: Welche Rolle spielen Sie bei den Erste Bank Open?

MUSTER: Die Botschafterrolle, die beinhaltet zum Beispiel auch den täglichen Talk (Tom‘s Talk, d. Red.), den es seit zehn Jahren gibt und der sehr gut ankommt. Dazu helfe ich Herwig (Turnierdirektor Straka, d. Red.), und das macht echt Spaß. Unglaublich, was Herwig mit seinem Team bewegt hat. Er hat das finanzielle Risiko genommen und das Turnier zu einem echten Event gemacht. Früher konntest du jeden Einzelnen hier persönlich begrüßen – inzwischen findest du in dieser Woche nix Besseres. Die besten Spieler schlagen in Wien auf.

oe24: Der Noch-Weltranglistenerste Jannik Sinner hat verletzt abgesagt, dafür spielt Carlos Alcaraz, der im Frühjahr und Sommer lange pausiert hat. Wird den Profis heute zu viel zugemutet?

MUSTER: Finde ich nicht. Die Belastung beim Spielen ist natürlich enorm. Das Material und vor allem die langsamen Bälle tragen sehr viel dazu bei – da kommt‘s zu Handgelenks- und Schulterverletzungen. Aber auch zu unserer Zeit hat kaum einer ohne Schmerzen gespielt. Da hat‘s geheißen: "Das ist eben so, das tut halt weh ..." Sinner sagt, er spielt kein Turnier mehr, weil sein Knie ausheilen muss, damit er dann vielleicht noch fünf oder sechs Jahre länger spielen kann. Zu unserer Zeit wäre das nicht gegangen, weil wir nicht die Physiotherapie-Möglichkeiten hatten usw., außerdem wären die Sponsoren empört aufgesprungen. Vielleicht hätten wir einfach weniger Turniere, aber dafür mehr Jahre spielen sollen.

oe24: Jetzt erbt Wien-Star Zverev die Nummer 1...

MUSTER: Und zwar verdient! Die Diskussion, ob es hilft, dass jemand verletzt ist, ist völlig egal. Er kann ja nix dafür, dass die anderen verletzt sind oder nicht spielen. Du musst kontinuierlich über einen gewissen Zeitraum auf höchstem Niveau performen.

oe24: Was sagen Sie zum Aufstieg von Lilli Tagger?

MUSTER: Weil du in Österreich vom Training, vom Wetter usw. begrenzt bist mit den Möglichkeiten, führt der Weg zum Erfolg nur übers Ausland. Die Italiener machen vieles richtig. Sie ist keine Spielerin, die durchmarschiert, sie ist eine Beißerin, die sich alles hart erarbeitet und sich kontinuierlich verbessert. Und sie spielt als eine der wenigen Frauen eine einarmige Rückhand, schon dafür gebührt ihr ein Award.

oe24: Warum hat Österreich aktuell keinen Top-100-Spieler?

MUSTER: Wo sollen die herkommen? Es liegt an unserem System, mehr ist nicht da. Skoff, Antonitsch, Muster, Melzer, Thiem - das waren alles Einzel-Produkte. Jetzt haben wir den österreichischen Durchschnitt, den wir verdienen, mehr ist nicht da. Wir Österreicher wollen immer Goldmedaillen und Topleistungen, aber wir schaffen keine Möglichkeiten. Trainingszentren, Sportstättenbau, Infrastruktur ... Da brauchst du die finanziellen Mittel und die richtigen Leute an der Spitze, die Entscheidungen treffen. Dazu muss es ein eigenes Sportministerium und nicht, dass der Sport ein Anhängsel ist von einem Minister.

oe24: Dazu bräuchte es einen, der auf den Tisch haut, der respektiert wird: einen wie Sie.

MUSTER: Mich braucht's wirklich nicht. Ich bin schon jetzt steinalt, und ich hoffe, dass ich bis 80 ohne Rollator auskomme. Sportpolitik interessiert mich nicht, in der Politik tät ich wahrscheinlich nicht überleben.