INTERVIEW
Riccardo Simonetti: "Männer sind für einen großen Teil des Leids auf der Welt verantwortlich"
Seit vielen Jahren setzt sich Riccardo Simonetti (33) für Vielfalt, Toleranz und ein Aufbrechen klassischer Rollenbilder ein. Nun widmet sich der deutsche Entertainer, Autor und Aktivist einem Thema, das ihn auch persönlich geprägt hat: Männlichkeit. Anlässlich seines neuen Buches "Wann ist ein Mann ein Mann?!" spricht der seit 2024 mit seinem Partner Steven verheiratete TV-Star in MADONNA darüber, welche Erwartungen Buben schon früh prägen, warum traditionelle Männerbilder einengen können und was Männer gewinnen, wenn sie sich von starren Vorstellungen von Männlichkeit lösen.
Sie fragen in Ihrem neuen Buch "Wann ist ein Mann ein Mann?". Inwiefern hat sich Ihre persönliche Antwort darauf während des Schreibens verändert?
Riccardo Simonetti: Ich habe während des Schreibens unterschiedliche Männer interviewt – von Olivia Jones bis Guido Maria Kretschmer. Und so unterschiedlich diese Menschen alle sein mögen, so ähnlich sind die Floskeln, die sie als Kinder zu hören bekommen haben. Das Buch richtet sich allerdings nicht nur an Männer, sondern an alle Menschen, die schon mal unter dem Druck der Gesellschaft gelitten haben.
Gab es bei der Recherche einen Moment oder eine Erkenntnis, bei der Sie selbst gemerkt haben: Auch ich habe bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit stärker verinnerlicht, als mir bewusst war?
Simonetti: Ich bin ein sehr leistungsorientierter Mensch und habe feststellen müssen, dass Männlichkeit immer an Disziplin und Leistung gekoppelt war. Man musste sich seinen Status als Mann erst verdienen. Und ich fände es schön, wenn wir mal an den Punkt kommen würden, an dem nur man selbst zu sein einfach mal reichen würde.
Sie beschreiben, wie früh Buben lernen, bestimmte Gefühle, Interessen oder Verhaltensweisen als "unmännlich" zu betrachten. Was hat Sie bei der Beschäftigung mit Ihrer eigenen Kindheit am meisten überrascht?
Simonetti: Wie schwer es mir gefallen ist, diese Floskeln einfach zu akzeptieren. Ich habe immer versucht, einen Weg drum herum zu finden, damit ich weiterhin das machen kann, was mir Freude bereitet. Ich dachte eine ganze Zeit lang sogar, ich wäre trans, weil ich dachte, es wäre gar nicht möglich, die Art von Mann zu sein, die ich heute bin. Heute weiß ich, dass es einfach nur die Gesellschaft ist, die uns einredet, was typisch männlich oder weiblich ist. Viele von diesen Stereotypen sind menschengemacht und das Normale von heute kann das Merkwürdige von morgen sein. Alles, was mich heute ausmacht, war früher mal typisch für Männer: die Farbe Rosa, hohe Schuhe, Make-up. Im Buch wird deutlich, dass traditionelle Männerrollen Männern Privilegien geben, sie gleichzeitig aber auch unter Druck setzen können.
Wie hat sich Ihr Blick auf dieses Spannungsverhältnis verändert?
Simonetti: Ich glaube, zu erkennen, dass man nicht der ideale Mann sein muss, schenkt sehr viel Freiheit. Und dadurch kann man sein, was man will. Als queere Person lernt man das irgendwann im Laufe des Lebens. Viele heterosexuelle Männer denken aber, sie hätten nur einen ganz kleinen Spielraum, bevor sie ihren Status als Mann verlieren. Dabei ist das nur ein Käfig, in den sie sich selbst begeben. Ich würde mir für sie wünschen, dass sie alle diese Freiheit spüren, sie selbst zu sein.
Welche Antworten oder Perspektiven Ihrer Gesprächspartner haben Sie besonders zum Nachdenken gebracht – vielleicht sogar Ihre eigene Sicht verändert?
Simonetti: Selbst die Männer, die das Idealbild der Gesellschaft perfekt erfüllen, wie Sportler oder mein ehemaliger Personal Trainer, haben oder hatten damit zu kämpfen, nicht genau das zu erfüllen, von dem sie glauben, es erfüllen zu müssen. Ein großer Teil von Männlichkeit ist einfach eine Performance. Ein großes Thema ist die Schwierigkeit vieler Männer, Verletzlichkeit zu zeigen und über psychische Belastungen zu sprechen.
Als wie stark empfinden Sie sich selbst in diesen "Disziplinen"?
Simonetti: Ich bin schon jemand, der seine Gefühle auch mal zur Seite schiebt, um sich aufs große Ganze zu konzentrieren. Auch ich könnte da noch an mir arbeiten und versuche, mich darin zu bessern, meine Gefühle zuzulassen. Als mein Papa gestorben ist, war das auf jeden Fall ein großer Schritt für mich, mir zu erlauben, all diese komplexen Gefühle zu spüren und mit anderen Menschen zu teilen.
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Was können Männer Ihrer Ansicht nach konkret gewinnen, wenn sie sich von der Vorstellung eines "richtigen Mannes" lösen?
Simonetti: Ich glaube, Männer sind für einen großen Teil des Leids auf der Welt verantwortlich und vieles davon geschieht, weil sie denken, sie müssten eine bestimmte Rolle erfüllen. Wenn wir die Rolle des Mannes öffnen und ihnen erlauben, nicht mehr ausschließlich die Rolle des starken Ernährers einzunehmen, kann das eine Chance für mehr Zufriedenheit sein.
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich über das Mannsein sagen?
Simonetti: All diese Regeln sind von Menschen gemacht und sagen nichts über dich und deine Identität aus. Wenn dir etwas Freude bereitet, dann schäme dich dafür nicht. Das Normale von heute ist vielleicht schon das Merkwürdige von morgen. Also warum es dann überhaupt probieren und nicht gleich einfach nur man selbst sein?
Abschließend: Welche drei Eigenschaften hat Ihr Traummann?
Simonetti: Liebevoll, selbstständig und reflektiert.