"Achtes Weltwunder", "Gott des Tanzes", "Zar der Lüfte" - für den virtuosen Balletttänzer Vaslaw Nijinsky fand sein Publikum einst zahlreiche Ehrentitel, die den fast schwerelos wirkenden Sprüngen des russischen Tänzers kaum gerecht werden konnten. Anlässlich seines 50. Todestages widmete ihm Choreograf John Neumeier im Jahr 2000 ein Werk, dessen Wiederaufnahme durch das Wiener Staatsballett das Premierenpublikum am Dienstagabend zu Standing Ovations hinriss.
Die Bühne der Wiener Staatsoper als Abbild des Ballsaals des Suvretta House in St. Moritz, wo der international gefeierte Nijinsky zum letzten Mal öffentlich tanzen sollte: klassisch-elegantes Ambiente, cremefarbene Wandflächen, geschwungene Ornamente an den Säulen, filigrane Holzstühle. Erste Gäste betreten den Saal, noch ehe das Licht im Publikumsraum erloschen ist. "Heut tanzt der Nijinsky und er tanzt wie ein Gott!", lässt sich im Stimmengewirr der eintrudelnden Zuschauer ausmachen. Ehefrau Romola Nijinska tritt in den Vordergrund, besorgt, spricht ein stummes Gebet, denn sie weiß um den geistigen Zustand ihres Partners. Plötzlich kehrt Ruhe ein. Auftritt Vaslaw Nijinsky.
Kaum beginnt der junge Mann zu tanzen, ist seine Virtuosität nicht zu verkennen. Ein Wechselspiel aus schwungvollen Drehungen, schnellen Schritten und gedehnten, nahezu leidvollen Bewegungen. Mit einer Vielzahl an Sprüngen - darunter Jeté en tournant, Sissonne, Grand Jeté - verkörpert Alessandro Frola jene Schwerelosigkeit, die Nijinsky seinerzeit zu Ruhm verhalf. Jenseits des Rampenlichts war Nijinskys Leben jedoch durch eine schwere psychische Erkrankung geprägt, die ihn ab 1919 zum Rückzug von der Bühne zwang. Neumeiers Werk führt diese Facetten zusammen: Eine realistische Wiedergabe des letzten Auftritts "Hochzeit mit Gott" - eine Darstellung des Krieges - mündet in der Visualisierung von Wahnvorstellungen.
Beispiellose Karriere, düsteres Innenleben
1889 in Kiew geboren, erhielt Vaslaw Nijinsky seine Ausbildung an der Kaiserlichen Ballettschule in St. Petersburg. 1909 wurde das junge Tanztalent vom Impresario Serge Diaghilew in seine Ballets Russes übernommen, deren Aushängeschild er wurde. Die beiden Männer verband zugleich ein Liebesverhältnis, das ebenso wie die Zusammenarbeit im Ensemble abrupt endete, als Nijinsky sich mit Romola de Pulszky vermählte. Sie war es, die in den Jahren der Finsternis an seiner Seite stand.
Für den Werdegang des russischen Tänzers empfand der US-Choreograf und Tänzer John Neumeier schon früh Faszination. Über Jahrzehnte hinweg baute er eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Erinnerungsstücken, Dokumenten und Büchern auf. Sein zweieinhalbstündiges Werk "Nijinsky" zeugt von Expertise. Choreografiert zur Musik von Chopin, Nikolai Rimski-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann ist es keinesfalls ein gewöhnliches Handlungsballett, sondern viel eher ein Konglomerat an Impressionen: Ungeordnet und fragmentiert durchlebt Nijinsky die Höhepunkte seiner Karriere, während er zugleich mit seinen Ängsten konfrontiert wird.
Er tanzt als Schatten seiner selbst, stolpert buchstäblich über seine eigene Vergangenheit. Erinnerungen an prägende Rollen wie die des Faun aus "Der Nachmittag eines Fauns" und des Goldenen Sklaven aus "Scheherazade" werden vom Erscheinen von Familienmitgliedern unterbrochen. Seine Beziehung zu Diaghilew wird durch einen intimen Pas de deux dargestellt: Zuzusehen, wie die beiden Männer einander Halt geben, Geborgenheit schenken, sich in sanften Berührungen und geometrisch anmutenden Verschränkungen verlieren, ist emotionalisierend. Nur mit Widerstand lässt Diaghilew seinen Geliebten ziehen, als Romola ins Bild tritt. Diese ist hin- und hergerissen zwischen den Verkörperungen des Tänzers und der Person im Privaten.
Auch interessant
Talfahrt eines kreativen Geists
Die Unterscheidung der einzelnen Figuren und teils nur angedeuteten tanzhistorischen wie biografischen Referenzen ist nahezu unmöglich. Zeitweise büßt das Stück dadurch an Spannung ein, doch zugleich wird der Zustand mentaler Unordnung nachempfindbar. Dieser entwickelt sich im Laufe des zweiten Aktes immer mehr in Richtung albtraumhafter Visionen: Der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen. Ein Berg an Leichen erwacht in Nijinskys dunklen Gedanken zum Leben, stirbt abermals. Der Ballsaal ist einem schwarzen Bühnenbild gewichen, das von Soldaten in Zeitlupe durchschritten wird. Im starken Kontrast zur Leichtigkeit der Sprünge im ersten Akt steht nun die vom Corps de Ballet verkörperte Schwere und Trägheit. Sie erfasst schließlich auch Nijinsky, der kurz zuvor noch zu schweben vermochte. In Blut und Finsternis gehüllt, kommt er zum Stillstand.
"Nijinskys Leben lässt sich einfach zusammenfassen: zehn Jahre Wachsen, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Tanzen, dreißig Jahre Finsternis", schrieb der Tanzkritiker Richard Buckle über den Star der Ballets Russes. John Neumeier bietet jedoch weitaus mehr als eine einfache Zusammenfassung von sechs Jahrzehnten. Dass der 87-jährige US-Tänzer für sein choreografisches Porträt am Premierenabend mit ebenso viel Jubel empfangen wurde wie Alessandro Frola für seine Darbietung des Nijinsky, war hochverdient. Denn sein Werk erfasst den Geist einer Ballettlegende und entmystifiziert das Kunstschaffen und den Geniebegriff, indem es den unidealisierten Blick hinter die Kulissen zulässt - auf eine Art, die dem Wesen des Künstlers, dem Tanz, treu und verbunden bleibt.