Ansteckungsgefahr

Stürzt Frankreich Europa in neue Euro-Krise?

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Der Kursverfall des Euro zum Wochenstart hat Investoren und politische Entscheidungsträger in Europa alarmiert.
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Die Gemeinschaftswährung rutschte am Montag auf ein 17-Monats-Tief unter 1,12 US-Dollar und gab auch gegenüber dem britischen Pfund, dem Schweizer Franken und dem japanischen Yen kräftig nach. Sorgen macht vor allem Frankreich mit seiner rekordhohen Schuldenlast, die angesichts der rasant gestiegenen Renditen von französischen Staatsanleihen immer stärker drückt.

An den Finanzmärkten geht die Angst vor einer Ansteckung um. Weil die Renditen französischer Staatsanleihen am Dienstag wieder leicht fielen, erholte sich der Euro etwas, entfernte sich aber nicht weit von seinem Tiefstand von Anfang der Woche.

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Ölpreise und Frankreichs Budgetdefizit im Blick

"Wir sind ziemlich pessimistisch, was den Euro angeht. Wir glauben, dass er auf unter 1,10 Dollar fallen wird", warnte Joseph Capurso, Stratege bei der Commonwealth Bank of Australia. Damit der Euro wieder an Wert gewinne, müssten die Ölpreise deutlich fallen. Zudem müsse Frankreich endlich sein Haushaltsdefizit in den Griff bekommen. "Aber ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit passieren wird", so Capurso.

Die französische Regierung versucht, einen unpopulären Haushalt für 2027 zu verabschieden, um das Defizit zu senken und die rekordhohe Schuldenlast einzudämmen - eine schwierige Aufgabe in einem tief gespaltenen Parlament, in dem sich die politischen Lager für die anstehende Präsidentschaftswahl positionieren. Die als Favoritin geltende Marine Le Pen brachte sich in Paris mit Plänen für drastische Ausgabenkürzungen im Falle ihres Sieges in Stellung.

Sie will in ihrer fünfjährigen Amtszeit 140 Milliarden Euro einsparen. "Wer auch immer in Frankreich regiert, muss irgendwie einen Konsens innerhalb des französischen Parlaments finden, um eine Budgetkonsolidierung zu erreichen, die alles bisher Dagewesene übertrifft", sagte Guillermo Felices, Anlagestratege beim Vermögensverwalter PGIM.

Spreads bei Anleihen im Fokus

Anleger, die kein Risiko eingehen wollen, werfen französische Anleihen lieber aus dem Depot und kaufen sicherere deutsche Staatsanleihen. Dies hat den Risikoaufschlag, den Anleger für französische Staatsanleihen gegenüber deutschen Papieren verlangen, unlängst auf den höchsten Stand seit der Euro-Schuldenkrise von 2010 bis 2012 getrieben.

Die Renditedifferenz, der sogenannte Spread, erreichte am Freitag ein 15-Jahres-Hoch von 158 Basispunkten. Am Dienstag lag er bei 135 Basispunkten. "Die Entwicklung der Risikoprämien ist besorgniserregend, nicht nur für Frankreich, sondern für die Eurozone insgesamt", sagte Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

EZB zwischen hoher Inflation und unruhigen Anleihenmärkten

Da die Inflation aufgrund steigender Energiekosten bereits zunimmt und höhere Renditen die Kreditkosten für Haushalte und Unternehmen in die Höhe treiben, könnte eine weitere Schwächung des Euro die Europäische Zentralbank (EZB) zu einem Spagat zwischen Inflationsbekämpfung und Beruhigung der Anleihemärkte zwingen. Die Turbulenzen am französischen Anleihemarkt hätten aber noch kein Ausmaß erreicht, das Überlegungen zum Einsatz des Notfallinstruments der EZB erfordern würde, sagte Frankreichs Finanzminister Roland Lescure am Dienstag.

Die EZB hat mit dem Transmission Protection Instrument (TPI) ein Notprogramm in der Hinterhand, mit dem sie theoretisch unbegrenzt Staatsanleihen eines in Bedrängnis geratenen Euro-Landes kaufen kann. Bedingung dafür ist, dass dieser Staat unter einer ungerechtfertigten Verschärfung der Finanzierungsbedingungen leidet und der Rendite-Anstieg ungeordnet ist, etwa wegen heftiger Turbulenzen an den Börsen.

Für den deutschen Börsenleitindex DAX ist der Absturz des Euro Fluch und Segen zugleich, wie Jochen Stanzl, Analyst bei der Consorsbank, erläutert: "Die meisten Unternehmen im Index profitieren durch bessere Exportaussichten von einer Währungsabwertung, doch sie trägt zu einer bereits bestehenden politischen Unsicherheit bei, die internationale Investoren einen zunehmend großen Bogen um europäische Aktien machen lässt."

USA im toten Winkel

Zwar liegt der Euro deutlich über den 20-Jahres-Tiefstständen von 2022, als Russlands Invasion in der Ukraine eine Energiekrise auslöste, doch die Entwicklungen am Anleihemarkt verleihen der Schwäche des Euro eine neue Dimension. Jede Ausweitung des Spreads zwischen französischen und deutschen Anleihen um weitere zehn Basispunkte würde nach Schätzungen der Devisenstrategen der BofA mit einem Rückgang des Euro/Dollar-Kurses um 0,4 Prozent einhergehen.

Normalerweise hätten die Spreads kaum Auswirkungen auf Wechselkurse, aber in Zeiten von akutem Stress sei das anders, erläuterten die Analysten von Goldman Sachs. "Spreads spielen für die Währung keine Rolle, bis sie das Einzige sind, worauf es ankommt."

"Der Euro/Dollar-Kurs wird normalerweise stärker von der Dollarseite beeinflusst, doch dieses Mal gibt es auch Auswirkungen aus Europa", sagte Andreas König, Devisenhändler bei Amundi Asset Management. "Man muss ein Stück zurückblicken, um zu sehen, wann europäische Nachrichten zuletzt den Euro bewegt haben."

Händler setzen auf Rückgang des Euro

Daten der CFTC zur Marktpositionierung zeigen, dass Händler auf einen Rückgang des Euro setzen - eine Einschätzung, die sich auch in den Devisenoptionen widerspiegelt. Analysten der Landesbank Baden-Württemberg fassten es zuletzt so zusammen: "Die miese Lage der öffentlichen Haushalte in Paris schreckt die Beteiligten am Devisenhandel offensichtlich mehr als die ähnliche Situation in Washington."