Milchproduktion
Tiertransporte vom Waldviertel nach Algerien
Die schwangeren Kalbinnen, die der VGT dokumentiert hat, stammen von drei verschiedenen Versteigerungshallen in Österreich. Von Österreich wurden sie von Transportunternehmen zunächst zum slowenischen Hafen Koper transportiert, von dort mittels Tiertransportschiff weiter über eine Woche nach Algerien. Diese Exporte finden von Oktober bis Juni einmal im Monat statt. Algerien gilt insbesondere aufgrund der tierquälerischen Schlachtmethoden ohne vorheriger Betäubung als Tierschutz-Hochrisiko-Staat.
Eines der größten österreichischen Tiertransportunternehmen, das solche Geschäfte organisieren, ist die Klinger GmbH aus dem Bezirk Zwettl im Waldviertel – dasselbe Unternehmen, das auch den Transport von Uruguay in die Türkei von knapp 3000 Rindern auf dem Schiff Spiridon 2 organisierte. Ein schockierender Fall, der Österreich international ins Licht rückte. Ausgerechnet jenes Land, das sich üblicherweise für seine hohen Tierwohlstandards rühmt.
Doch bei dem Transport vergangenen Juni nach Algerien ging es um österreichische Rinder.
Der VGT sagt: "Aus Marktberichten und eigenen Wahrnehmungen auf Versteigerungen, vor allem in Nieder- und Oberösterreich, wissen wir, dass Klinger regelmäßig einen Gutteil der dort angebotenen schwangeren Kalbinnen einkauft, um sie nach Algerien zu exportieren."
Abgesehen von Juli und August soll das waldviertler Unternehmen jeden Monat Rinder aus Österreich nach Algerien transportieren.
Mindestens 20 Tiertransporter wurden Anfang Juni bei Versteigerungshallen in Nieder- und Oberösterreich beladen, einer davon trug die Firmenaufschrift Klinger. Ihm fuhr ein VGT-Team von Zwettl bis zum Hafen in Koper nach. Klinger hat keine Typ 2-Zulassung als Transportunternehmer. Diese wird benötigt, um Langstrecken-Tiertransporte selbst durchführen zu können. Die Firma kann aber andere Transportunternehmen mit dem Tiertransport beauftragen. Mit jedem LKW wurden etwa 30 schwangere Kalbinnen transportiert, also insgesamt mindestens 600, und nach bis zu 10 Stunden Fahrzeit in einen Wartestall am Hafen abgeladen. Am nächsten bzw. übernächsten Tag erfolgte die Verladung auf das fast 50 Jahre alte Tiertransportschiff "Darla", auf das etwa 1.000 Rinder passen. Die Überfahrt nach Algerien dauert etwa eine Woche.
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Tiertransportschiffe gelten als die gefährlichste der Welt. Immer wieder sterben Tiere während dem Transport oder leiden immens unter den Zuständen an Board. Konkret zur Darla offenbart der kürzlich veröffentlichte Bericht "The Global Livestock Fleet" schockierende Erkenntnisse: 310 festgestellte Mängel seit 1998, darunter technische Mängel und zahlreiche Verstöße u.a. gegen Seearbeitsrecht, Schiffsicherheits- und Rettungsvorschriften. Auch bei den vorhergehenden Algerien-Exporten Ende April beobachteten Tierschützer:innen des VGT, wie etliche LKWs Rinder aus Österreich nach Koper zur Darla transportierten.
Aber warum werden Kalbinnen überhaupt exportiert?
Für die Milchproduktion. Eine Kuh muss ein Kalb gebären, um Milch geben zu können. In den ersten Monaten nach der Geburt ist die Milchleistung hoch und sinkt mit der Zeit. Je nach Betrieb wird die Kuh daher alle 1-2 Jahren besamt und gebärt erneut Kälber. Ist das daraus gewonnene Kalb ebenfalls weiblich, muss dieses ebenfalls wieder alle 1-2 Jahre ein Kalb gebären, damit sie Milch geben kann. Eine Kette an Geburten, die irgendwann zu einer völligen Überlastung der Betriebe führen würde. Daher werden die Kälber exportiert. Männliche werden oft im Ausland in großen Masthallen gemästet und anschließend geschlachtet. Die weiblichen werden in Länder wie Algerien exportiert. Transporte, wie sie auch die waldviertler Klinger GmbH immer wieder durchführt.
Doch lohnt sich der Transport über so eine lange Strecke überhaupt aus finanzieller Sicht?
Durchaus. Österreichische schwangere Kalbinnen lassen sich je nach Rasse und Abstammung für rund 2.000 bis 3.500 Euro pro Tier verkaufen. Bei besonders guter Abstammung und Rasse manchmal sogar bis zu 4.000 Euro. Da sich die meisten algerischen Landwirt:innen diese Preise nicht leisten könnten, vergibt Algerien Förderungen, sodass die Tiere leistbar für die dortige Landwirtschaft ist.
Laut EU-Tiertransport-Verordnung sind Exporte in Drittstaaten nur zum Zwecke eines Herdenaufbaus zulässig. Die Kalbinnen müssten also im Zielland zur Zucht eingesetzt werden und dürften nicht – zumindest nicht sofort – geschlachtet werden.
Recherchen vom Verein für investigativen Journalismus "The Marker" beweisen jedoch das Gegenteil. Kontrollen gibt es kaum, Rindfleisch kann zu relativ hohen Preisen verkauft werden und abgesehen davon stellen europäische Kühe bei Hitze ihre Milchleistung ein. Für die Milchproduktion können sie daher nicht mehr genutzt werden und auch die Fortpflanzung funktioniert kaum. Die Tiere landen am Schlachthof, wobei zu beachten ist, dass Länder, wie Algerien eine betäubungslose Tötung vorsehen.
Auch die Statistiken zeigen einen Rückgang der Rinderbestände in Algerien, obwohl Österreich seit Jahren jedes Jahr unter dem Deckmantel des Herdenaufbaus Rinder nach Algerien schickt.
Tierschutzorganisationen warnen daher immer wieder: So harmlos eine Packung Milch, Käse, Jogurt oder ein Stück Schokolade auch aussehen mag, verbunden damit ist ein System, das für viele schwer anzusehen ist.
Der VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN fordert ein Ende der Tiertransporte in Tierschutz-Hochrisiko-Staaten wie Algerien. Am 29. August 2026 findet deshalb von 10-12 Uhr eine Großdemo gegen Tiertransporte auf der Wiener Mariahilfer Straße statt.