Gesund altern?
Warum wir altern: Forschende entdecken möglichen Schalter für "Zombie-Zellen"
Wir werden älter und das hinterlässt Spuren in unserem Körper. Nicht nur unsere Haut verändert sich, auch auf zellulärer Ebene läuft ein Alterungsprozess ab. Dabei gibt es Zellen, die irgendwann aufhören, sich zu teilen, aber trotzdem nicht absterben. Sie bleiben im Gewebe zurück und können dort mit der Zeit zum Problem werden. Forschende bezeichnen sie umgangssprachlich als "Zombie-Zellen".
Eine neue Studie eines US-Forschungsteams mit Beteiligung des Wiener Wissenschaftlers Moritz Weigl hat nun einen möglichen Grund dafür entdeckt, warum diese Zellen dem Abbau durch das Immunsystem entgehen. Im Mittelpunkt steht ein bestimmtes Protein namens PD-L2. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Cell Metabolism veröffentlicht.
Was sind eigentlich "Zombie-Zellen"?
Im Laufe unseres Lebens werden Zellen beschädigt oder altern. Manche von ihnen reagieren darauf, indem sie in einen Zustand namens Seneszenz wechseln. Das bedeutet: Sie hören auf, sich zu teilen, bleiben aber weiterhin im Körper bestehen.
Normalerweise kann das Immunsystem solche Zellen erkennen und beseitigen. Mit zunehmendem Alter funktioniert dieser Prozess allerdings offenbar nicht mehr so effizient. Die gealterten Zellen sammeln sich deshalb in verschiedenen Geweben an.
Das Problem: Sie sind keineswegs völlig inaktiv. Stattdessen können sie entzündungsfördernde Stoffe freisetzen, die ihre Umgebung beeinflussen und die Funktion gesunder Zellen stören. Das wird mit verschiedenen altersbedingten Beschwerden und Erkrankungen in Verbindung gebracht, darunter Stoffwechselprobleme und eine nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit.
Das Protein PD-L2 wirkt wie eine Tarnkappe
Warum werden diese Zellen nicht einfach vom Immunsystem beseitigt? Genau dieser Frage ging das Forschungsteam nach.
Die Wissenschafter:innen untersuchten das Protein PD-L2. Es gehört zu einer Gruppe von Proteinen, die beeinflussen, wie stark das Immunsystem auf bestimmte Zellen reagiert. Vereinfacht gesagt kann PD-L2 wie eine Art Tarnkappe wirken: Es hilft Zellen dabei, der Aufmerksamkeit der körpereigenen Abwehr zu entgehen.
Ein ähnlicher Mechanismus ist bereits aus der Krebsforschung bekannt. Manche Tumorzellen nutzen bestimmte Proteine, um sich vor dem Immunsystem zu verstecken. Moderne Krebsmedikamente können diese Schutzmechanismen blockieren, damit die Abwehr die Tumorzellen wieder besser erkennt.
Die neue Studie zeigt nun, dass auch gealterte Körperzellen offenbar einen solchen Mechanismus nutzen können. PD-L2 könnte ihnen dabei helfen, länger im Gewebe zu überleben, obwohl sie eigentlich beseitigt werden sollten.
Was passiert, wenn man den Schutzmechanismus blockiert?
Um herauszufinden, welche Rolle PD-L2 tatsächlich spielt, untersuchte das Forschungsteam sowohl menschliche Zellen im Labor als auch Mäuse.
Dabei zeigte sich: Wenn Mäuse kein PD-L2 bilden konnten, sammelten sich im Alter weniger seneszente Zellen in ihrem Körper an. Außerdem wiesen die Tiere eine bessere Insulinempfindlichkeit und eine höhere Griffkraft auf als vergleichbare Mäuse mit normaler PD-L2-Produktion.
Auch ein weiterer Versuch war interessant: Als die Forschenden die Funktion von PD-L2 bei älteren Mäusen gezielt blockierten, verbesserte sich deren Insulinempfindlichkeit.
Das deutet darauf hin, dass sich durch das Ausschalten dieses Schutzmechanismus möglicherweise nicht nur die Zahl der gealterten Zellen reduzieren, sondern auch bestimmte altersbedingte Veränderungen beeinflussen lassen.
Bedeutet das eine neue Anti-Aging-Therapie?
Die Entdeckung ist spannend, weil sie einen möglichen Ansatzpunkt für zukünftige Behandlungen liefert. Wenn es gelingt, PD-L2 gezielt zu blockieren, könnte das Immunsystem möglicherweise dabei unterstützt werden, schädliche gealterte Zellen zu beseitigen.
Allerdings ist die Forschung noch weit von einer Anwendung beim Menschen entfernt. Die positiven Ergebnisse stammen bisher aus Zellversuchen und Tierversuchen. Ob sich der Mechanismus auf den menschlichen Körper übertragen lässt und ob eine solche Behandlung tatsächlich sicher und wirksam wäre, müssen weitere Studien erst zeigen.
Denn das Immunsystem ist ein komplexes System. Werden seine Kontrollmechanismen beeinflusst, muss sichergestellt werden, dass nicht versehentlich auch gesunde Zellen angegriffen werden.
Quelle: APA