Aufgrund einer verfahrenen Pattsituation und massivem politischen Druck aus den USA könnte noch heuer ein Waffenstillstand bevorstehen.
Militärisches Patt an der Frontlinie
Im Gespräch mit der deutschen "Welt" zeichnet Oberst Markus Reisner ein ernüchterndes Bild der aktuellen Lage auf dem Schlachtfeld. An der Frontlinie in der Ukraine herrscht derzeit eine absolute Pattsituation, bei der es für keine der beiden Seiten ein nennenswertes Vorankommen gibt. Der exzessive und flächendeckende Einsatz moderner Aufklärungs- und Kampfdrohnen hat dazu geführt, dass sich eine rund 50 Kilometer breite Todeszone gebildet hat.
In diesem hochtechnologisierten Kampfgebiet ist jede Truppenbewegung sofort für den Gegner sichtbar und wird binnen Minuten unter präzisen Beschuss genommen. Größere operative Vorstöße oder rasche Durchbrüche sind damit für beide Kriegsparteien unmöglich geworden. Es handelt sich auf der taktischen Ebene um einen mühsamen, elendigen und unglaublich brutalen Abnutzungskrieg, der Unmengen an Ressourcen verschlingt, ohne dass sich die Frontlinie verschiebt.
Kampf um die Infrastruktur im Hinterland
Weil auf dem eigentlichen Schlachtfeld keine Entscheidung mehr herbeigeführt werden kann, verlagern beide Seiten ihre entscheidenden Aktionen auf die strategische Ebene im Hinterland. Hierbei ist die Ukraine jedoch in einer extrem verwundbaren Position. Russland bombardiert systematisch und mit aller Härte die zivile Infrastruktur. Mittlerweile sind rund 80 Prozent der gesamten ukrainischen Energie-Infrastruktur zerstört oder schwer beschädigt, wie der ukrainische Energieminister kürzlich einräumen musste.
Dem Land steht somit der härteste und kälteste Winter seit dem Beginn des Krieges bevor, in dem es in weiten Teilen der Großstädte kaum noch Strom, Wärme oder fließendes Wasser geben dürfte. Dieser verheerende Zustand wird durch den eklatanten Mangel an westlichen Patriot-Abwehrraketen verschärft. Die Ukraine ist kaum noch in der Lage, die anhaltenden russischen Raketenangriffe auf ihre Städte, Wasserwerke und Lebensmittellager effektiv abzuwehren.
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Der politische Hebel der USA
Genau an diesem wunden Punkt setzt laut Oberst Reisner das eiskalte politische Kalkül der US-Regierung an. Die Wahrscheinlichkeit für einen baldigen Waffenstillstand im kommenden Herbst oder Winter sei so hoch wie nie zuvor seit dem Ausbruch des Krieges. Die treibende Kraft dahinter ist US-Präsident Donald Trump, der vor den anstehenden Zwischenwahlen zum Kongress dringend einen außenpolitischen Erfolg benötigt – insbesondere, da sich seine Administration mit dem Iran-Krieg innenpolitisch stark verrannt hat.
Um einen raschen Verhandlungserfolg zu erzwingen, wenden die USA ein hochriskantes Doppelspiel an:
- Die Patriot-Bremse: Den ukrainischen Streitkräften werden die dringend benötigten Abwehrsysteme vorenthalten, wodurch der Druck auf Kiew massiv erhöht wird.
- Geheimdienstliche Unterstützung: Gleichzeitig stellt Washington der Ukraine präzise Aufklärungsdaten und KI-Analysewerkzeuge zur Verfügung, die für Angriffe im russischen Hinterland genutzt werden können.
- Druck auf Moskau: Durch die Ermöglichung ukrainischer Gegenschläge auf russische Ölraffinerien und Häfen soll auch die Führung im Kreml an den Verhandlungstisch gezwungen werden.
Die Gefahr einer atomaren Eskalation
Dieses geopolitische Schachspiel birgt jedoch immense Risiken. Sollte Russland die ukrainischen Angriffe auf sein eigenes Territorium als Überschreitung einer existenziellen roten Linie werten, droht eine unkontrollierbare Eskalation. Reisner erinnert in diesem Zusammenhang an das Jahr 2022: Als die russischen Truppen damals militärisch stark unter Druck gerieten, drohte Moskau offen mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen.
Washington nahm diese nukleare Drohung damals so ernst, dass die USA deeskalierten und die Ukraine dazu drängten, 35.000 russische Soldaten ohne Beschuss friedlich aus der Region Cherson über den Dnipro abziehen zu lassen. Auch heute haben sowohl Joe Biden als auch Donald Trump stets klargestellt, dass sie keinen Dritten Weltkrieg für die Ukraine riskieren wollen. Der schmale Grat zwischen einem erzwungenen Waffenstillstand und einer globalen Katastrophe war selten so dünn wie in diesen Monaten.