Müller soll´s richten

VW-Skandal: Mitarbeiter hoffen auf neuen Chef

06.10.2015

72.500 Beschäftigte zwischen Wut und Angst um Job.

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© APA/EPA/JULIAN STRATENSCHULTE
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Im VW-Stammwerk in Wolfsburg brodelt es. Die weltweite Abgas-Affäre , die damit verbundene Kritik und die drohenden Milliardenstrafen haben die 72.500 Beschäftigten verunsichert. Bei einer Betriebsversammlung will der neue Chef, Matthias Müller , die Reihen schließen und Ängste nehmen.

Krise, Skandal, Diesel - die VW-Mitarbeiter sind genervt, sie können die derzeit wohl meistgenannten Worte im Konzern nicht mehr hören. Während sich gefühlt die ganze Welt über die Manipulationen an rund elf Millionen Autos aufregt und nach Konsequenzen ruft, herrscht kurz vor der Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg unter den rund 72.500 Beschäftigten am Dienstag neben Wut aber noch ein weiteres Gefühl: Angst.

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"Ich finde das alles übertrieben", gibt sich ein Mitarbeiter beim Gang aufs Werksgelände um kurz nach 9.00 Uhr trotzig. Seinen Namen will er nicht nennen. "Wenn viele Menschen sterben, wird da einmal drüber gesprochen. Jetzt pusten wir ein bisschen Dreck raus - und da wird so ein Wirbel gemacht."

Aus den Männern und Frauen, die an diesem Vormittag durch die Werkstore strömen, spricht aber auch große Hilflosigkeit. Sie befürchten, die Suppe auslöffeln zu müssen, die ihnen "von oben" eingebrockt wurde.

Über Basis wurde kaum berichtet
In den vergangenen zweieinhalb Wochen sei zwar "von den Oberen und der Politik" viel über die Probleme gesprochen worden. Doch was an der Basis los ist, bei denjenigen, die täglich am Band stehen und Autos zusammenbauen oder in der Verwaltung arbeiten - das habe bisher niemanden interessiert, kritisiert eine junge Frau.

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Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Dies weiß auch der neue VW-Chef Matthias Müller. Der Nachfolger des über die Abgasaffäre gestürzten Martin Winterkorn hat keinen leichten Stand.

Müller muss nicht nur nach außen Märkte, Politiker, Aktionäre und Medien beruhigen, sondern auch nach innen das Vertrauen der weltweit rund 600.000 Mitarbeiter in die Führung sicherstellen. Denn neben dem Betrugsvorwurf hat auch der Rücktritt des bei den Beschäftigten so geschätzten Auto-Freaks Winterkorn die Belegschaft schockiert.

Erwartungen an Müller hoch
"Was ich von Herrn Müller halte, weiß ich noch nicht", sagt die 45-jährige Susanne. Doch die Erwartungen an den früheren Porsche-Chef könnten in diesen Tagen kaum größer sein. "Ich will wissen, wie er tickt", sagt ein Mitarbeiter der VW-Finanztochter in Braunschweig, der sich auch auf den Weg nach Wolfsburg gemacht hat, um Müllers erster Rede an die Belegschaft zuhören zu können.

Anders als im Mutterkonzern sind bei der Finanzsparte bereits konkrete Folgen der Krise spürbar. Bis zum Jahresende gibt es einen Einstellungsstopp, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

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Damit wird eine weitere Aufgabe Müllers deutlich: Mit seiner Ansprache muss er die Kollegen nicht nur beruhigen, sondern auch die Reihen schließen. Interne Neiddebatten oder Missmut kann sich VW in diesen Tagen nicht leisten, heißt es aus Konzernkreisen. Auch darauf muss Müller Antworten finden.

Vertrauensvorschuss
Der neue Mann an der Spitze darf bei etlichen Mitarbeitern auf einen Vertrauensvorschuss hoffen. "Ich denke, dass Herr Müller das hinkriegt. Ich habe auch noch Vertrauen in VW und in die Marke", sagt ein Angestellter aus der Produktion. "Ich denke, er ist der Aufgabe gewachsen. Jeder, der da oben sitzt, gibt sein Bestes", ergänzt ein Kollege.

Angesprochen auf die konkreten Erwartungen an Müller, klingen die Antworten den Äußerungen von Aktionären, Juristen und Politikern aber teils wieder sehr ähnlich. "Ich erwarte von ihm, dass alle Sachen auf den Tisch kommen", betont ein Frühpensionist, der sich "Sorgen um seinen Laden" macht.

Es sei schwer zu sagen, ob Müller der Aufgabe gewachsen sei: "Ich weiß nicht, was er weiß und was wir wissen." Der Job sei schwierig - "aber wer soll es sonst richten?"

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