Düsterer Ausblick

Teurere Energie, Fracht, Lebensmittel: Handel warnt wegen Iran-Krieg

04.03.2026

Beschaffungswege für den Handel werden aufgrund des Krieges aufwändiger und deutlich teurer. Österreichs Handel nennt vier Schocks durch den Iran-Krieg.

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© Selina Palla | Rainer Will, Handelsverband Geschäftsführer
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Nach mehreren wirtschaftlich schwierigen Jahren hellt sich die Lage in Österreich langsam auf, auch die Konsumentennachfrage zieht vorsichtig an. Doch nun sorgt der Krieg im Nahen Osten für neue Unsicherheit an den Energie- und Transportmärkten, warnt Handelsverbandschef Rainer Will: "Mit potenziell spürbaren Folgen für Preise, Lieferketten und die Kaufkraft auch in Österreich."

Ölpreise um fünfzehn Prozent gestiegen 

Seit Freitag sind die internationalen Rohölpreise bereits um fünfzehn Prozent gestiegen. Hintergrund sind Eskalationen in einer der sensibelsten Energie-Regionen der Welt: Über die Straße von Hormus wird rund ein Fünftel des globalen Ölhandels abgewickelt.  

Für Österreich kommt erschwerend hinzu, dass durch eine Blockade der Meerenge auch kein Flüssiggas aus Katar mehr geliefert werden kann – ein relevanter Versorgungskanal, der nach dem Wegfall russischer Gaslieferungen schwer kurzfristig ersetzbar ist. Rund 15 % unseres Flüssiggases (LNG) kommt aus Katar.

Höhere Risikoaufschläge im Transport  

„Wir sehen derzeit eine Kombination aus steigenden Energiepreisen, höheren Risikoaufschlägen im Transport und wachsender geopolitischer Unsicherheit. Abhängig von der Dauer des kriegerischen Konflikts kann dies die fragile wirtschaftliche Erholung rasch abbremsen “, erklärt Rainer Will, Geschäftsführer des überparteilichen und unabhängigen Handelsverbands. So sind die Versicherungskosten für große Frachter bereits deutlich angestiegen. Die Revolutionsgarden haben die Straße von Hormus seit Montag gesperrt. Sie ist an der engsten Stelle ca. 38 Kilometer breit und kann von den iranischen Bergen aus beschossen werden. 

Vier Schocks durch den Iran-Krieg 

Die aktuellen Entwicklungen wirken über verschiedene Ebenen auf die Realwirtschaft, erklärt Rainer Will. Die vier Schocks betreffen Sprit, Medikamente, Lebensmittel und sind:

  1.  Energiepreise: Steigende Rohölpreise verteuern Treibstoffe und erhöhen mittelfristig den Druck auf Gas- und Strommärkte. Energie ist nicht nur ein direkter Kostenfaktor für Handelsbetriebe – sie steckt auch in nahezu allen Produkten, von landwirtschaftlichen Vorleistungen wie Düngemitteln bis hin zu Verpackungen und industriellen Komponenten.
  2. Transport- und Logistikkosten: Störungen im See- und Luftverkehr, höhere Versicherungsprämien für Schiffe in Risikoregionen sowie Umwege im internationalen Frachtverkehr führen zu steigenden Kosten pro Container und pro Luftfracht-Kilogramm. Österreich ist als Binnenland besonders abhängig von funktionierenden internationalen Transitkorridoren. Werden diese unsicherer oder teurer, schlägt sich das unmittelbar in Einkaufspreisen und Lieferzeiten nieder. Durch den derzeitigen Ausfall von Luftfahrts-Knotenpunkten wie Dubai oder Abu Dhabi sind zeitkritische Branchen wie Elektronik, Pharmazeutika und Ersatzteilversorgung betroffen.
  3. Inflation: Ein anhaltender Ölpreisschock würde Österreich und Europa abermals unter Inflationsdruck setzen. Analysten schätzen, dass ein länger andauernder Konflikt mit gestörtem Ölangebot die globale Inflation um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte erhöhen könnte. Die gestiegenen Treibstoffpreise werden sich zeitnah in der heimischen Inflationsrate niederschlagen. Das ist keine Spekulation, das ist eine direkte Marktreaktion, die bereits zu beobachten ist.
  4. Investitionszurückhaltung: Geopolitische Unsicherheit wirkt bereits für sich genommen als Wachstumshemmnis. Unternehmen verschieben Investitionen, Haushalte werden vorsichtiger bei größeren Anschaffungen. In einer Phase, in der sich die Konsumstimmung gerade erst stabilisiert, kann das rasch wieder zu einer Abschwächung führen.

Handel formuliert Auftrag an Kanzler Stocker

„Der Handel ist in einer Schlüsselposition zwischen Produzenten und Konsumenten. Wir sehen sehr genau, wie Energie- und Transportkosten entlang der Wertschöpfungskette wirken. Wenn hier erneut Verwerfungen auftreten, droht eine neue Welle an Preisdruck – nicht aus spekulativen Gründen, sondern aufgrund real steigender Inputkosten “, sagt Will.  "Die Bundesregierung, allen voran Bundeskanzler Stocker, hat sich heuer die Abschaffung des Merit-Order-Prinzips zum Ziel gesetzt. Dies hat der Kanzler zuletzt in der ORF-Pressestunde bestätigt. Die aktuellen Verwerfungen im Nahen Osten verleihen diesem Projekt jetzt enorme Dringlichkeit."

Deutscher Handel warnt vor hohen Kosten für Sprit und Lebensmittel

Der Krieg im Iran könnte nach Einschätzung von Experten die Preise für Verbraucher nicht nur an der Zapfsäule steigen lassen. "Natürlich könnte der Krieg Kosteneffekte bei Lebensmitteln nach sich ziehen. Die Beschaffungswege sind kosten- und energieintensiv", sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts IFH Köln in Deutschland.

Schon nach Beginn des Kriegs in der Ukraine seien die gestiegenen Aufwendungen für Lieferung, Logistik und Energie bei den Verbrauchern angekommen, so Hedde. Viele Lebensmittel wurden damals deutlich teurer. Auch Michael Grömling, Forscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), hält solche Folgen wieder für möglich: "Die aktuelle Nahostkrise dürfte die gesamte Rohstoffproblematik und damit die inländischen Produktionskosten weiter beeinträchtigen. Wann und wie stark dies auf die Lebensmittelpreise für Endverbraucher durchschlägt, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen." Das hänge von der Dauer der Krise und den vielfältigen Störungen im internationalen Austausch ab.

Ernährungsindustrie warnt vor steigenden Kosten

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erwartet durch die Kostensteigerungen bei Gas und Öl Auswirkungen auf die Produktion von Lebensmitteln und Getränken. Viele Produktionsprozesse wie Trocknen oder Backen seien auf Erdgas angewiesen. Steigende Ölpreise verteuern laut Verband Diesel- und Kraftstoffe und so insbesondere die Logistik. Gesperrte Transportwege, längere Routen und geringere Containerkapazitäten führten zu höheren Fracht- und Logistikkosten.

BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff fordert die Bundesregierung dazu auf, die Branche zu entlasten. Wer den drohenden Kostenanstieg für die Lebensmittelbranche stoppen wolle, um den Verbraucher nicht zusätzlich zu belasten, müsse jetzt konsequent handeln.

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